Venezuela:Machthaber Maduro hat wieder Einfluss

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Venezuela: Der venezolanische Präsident Nicolas Maduro profitiert von der geänderten Weltlage.

Der venezolanische Präsident Nicolas Maduro profitiert von der geänderten Weltlage.

(Foto: Yuri Cortez/AFP)

Regierung und die Opposition treffen sich nach langem Schweigen zu neuen Verhandlungen. Nicolás Maduro, in den Augen vieler kein legitimer Präsident, könnte sich dort plötzlich als Hoffnungsträger inszenieren.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Ein Hauch von Hoffnung umweht die Gespräche, die am Wochenende in Mexiko Stadt zwischen Vertretern der venezolanischen Opposition und der Regierung von Machthaber Nicolás Maduro stattfinden sollen. Das ist schon mal ein gutes Zeichen, denn lange sah es so aus, als ob die Situation in dem Land unrettbar festgefahren sei. Die Fronten galten als heillos verhärtet, tiefer und tiefer taumelte Venezuela darum in die Krise, wirtschaftlich, sozial und eben auch politisch. Zwar gab es immer wieder Gespräche, aber sie scheiterten auch immer wieder, die letzten im Herbst 2021.

Doch nun ist alles anders. Die Lage in Venezuela hat sich ein Stück weit verändert, vor allem aber ist die Welt nicht mehr die gleiche wie noch vor einem Jahr. Schuld daran ist vor allem Moskaus Krieg in der Ukraine: Das geopolitische Machtgefüge hat sich verschoben, gleichzeitig haben die Sanktionen gegen Russland dazu geführt, dass es weltweit auf einmal an Gas und Öl mangelt - Rohstoffen, von denen Venezuela mehr als genug besitzt.

Venezuela ist ein Ölland

Geschätzte 300 Milliarden Barrel Rohöl liegen unter und vor dem Land im Meer, ein gigantischer Schatz, der Venezuela lange Zeit einen märchenhaften Reichtum beschert hat. Bis Anfang der 80er Jahre galt das Land als eine Art Saudi Arabien in Südamerika, mit boomenden Städten und blubbernden Straßenkreuzern. Doch dann verfiel der Ölpreis, die Auslandsschulden stiegen, es folgten schwere Wirtschaftsprobleme, Massendemonstrationen und Putschversuche.

Die Misere änderte sich erst wieder, als Anfang der Nullerjahre die Nachfrage nach Rohstoffen wieder stieg. Abermals machte Venezuela fantastische Geschäfte. Aber so schnell der Boom gekommen war, so schnell ging er wieder - und von da an ging es nur noch bergab: Hyperinflation, Armut, Hunger. In den Supermärkten waren die Regale leer, ständig fiel der Strom aus, und Patienten mussten Arztbesteck und Gummihandschuhe mitbringen, für die Ärzte, die sonst nicht hätten operieren können.

Immer wieder kam es zu Massenprotesten gegen die sozialistische Regierung. Bald schlugen sie in Straßenschlachten um, Demonstranten gegen Polizei und Armee, es gab Tote und Verletzte. Bald nachdem sich der Machthaber Nicolás Maduro 2018 in umstrittenen Wahlen im Amt bestätigen hatte lassen - ihm wurde Wahlfälschung vorgeworfen -, rief sich der junge Oppositionsführer Juan Guaido zum Interimspräsidenten aus, unterstützt von Europa und den USA. Es kam zum offenen Machtkampf. Kurz sah es so aus, als würde die sozialistische Regierung wanken, letztlich aber hielt sie sich im Amt. Die Vereinten Nationen warfen ihr in einem Bericht vor, Todesschwadronen einzusetzen. Die Rede war von Folter, Mord und außergerichtlichen Hinrichtungen.

Urplötzlich ist Maduro wieder salonfähig

Außenpolitisch war Präsident Nicolás Maduro isoliert. Botschafter wurden abgezogen oder ausgewiesen, die Grenze zum Nachbarland Kolumbien war gesperrt, die USA verhängten immer neue Sanktionen.

Doch dann, wie von Wunderhand, setzte auf einmal Tauwetter ein: Kurz nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine reiste eine US-Delegation nach Caracas. Zwei Stunden unterhielt man sich, das Treffen sei "respektvoll" und "sehr diplomatisch" gewesen , sagte Präsident Maduro danach. Als Zeichen des guten Willens durften ein paar Nordamerikaner venezolanische Gefängnisse verlassen, lang verwaiste Botschaftsgebäude benachbarter Staaten füllten sich wieder mit Leben, und bei der Klimakonferenz in Ägypten schüttelte Nicolás Maduro dann sogar dem US-Sondergesandten John Kerry die Hand und hielt im Gang ein kurzes Schwätzchen mit Frankreichs Staatschefs Emmanuel Macron. "Kommen Sie uns doch mal besuchen!", sagte der venezolanische Präsident.

Nicht nur außenpolitisch hat sich die Lage gedreht. Die Wirtschaft Venezuelas ist heute in weiten Teilen dollarisiert, die Hyperinflation scheint überwunden, die Armut ist zwar immer noch immens, aber laut Studien erstmals seit Jahren nicht gewachsen. Das alles scheint sich innenpolitisch widerzuspiegeln: Statt auf einem echten Wandel zu bestehen, hoffen Teile der venezolanischen Opposition nun auf die nächsten Wahlen, die spätestens 2024 stattfinden sollen. Wie sie ablaufen werden und unter welchen Bedingungen man an ihnen teilnimmt - auch darum wird es in Mexiko am Wochenende gehen.

Für Nicolás Maduro stehen andere Ziele ganz oben: Geld aus dem Verkauf von venezolanischem Öl liegt auf eingefrorenen Konten im Ausland. Drei Milliarden davon könnten freigegeben werden und in einen Fonds fließen für humanitäre Hilfe. Langfristig will die Regierung aber auch erreichen, dass die US-Sanktionen aufgehoben werden, damit Venezuela wieder ins Ölgeschäft einsteigen kann.

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