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Krise in Venezuela:Die ölige Freundschaft zwischen Moskau und Caracas

  • Im venezolanischen Machtkampf steht die russische Regierung eigentlich an der Seite Maduros.
  • Es mehren sich aber die Anzeichen, dass es den Strategen im Kreml nicht ratsam zu sein scheint, einzig darauf zu hoffen, dass sich der angeschlagene Staatschef am Ende schon durchsetzen wird.
  • Der russische Staat sieht seine Interessen bedroht: Er und Energiekonzerne wie Rosneft haben in den vergangenen zwölf Jahren mehr als 17 Milliarden Dollar in Form von Krediten und Investitionen nach Venezuela gepumpt.

Die Lage ist so wirr in Venezuela, dass es auch Kremlsprecher Dmitrij Peskow nicht leichtfällt, etwas mehr Ordnung hineinzubringen. Gerade erst hatte er in einer Fernsehsendung dementiert, dass Russland Personenschützer für den in Bedrängnis geratenen Präsidenten Nicolás Maduro geschickt habe, da tauchte auch schon das nächste Gerücht auf. Diesmal ging es um Gold.

Auf einem Twitter-Account des venezolanischen Parlaments wurde berichtet, ein russisches Charter-Flugzeug der Linie Nordwind habe sich auf den Weg nach Caracas gemacht, um von dort 20 Tonnen Gold der Zentralbank auszufliegen. Der Oppositionsabgeordnete José Guerra sagte, er habe dies von Quellen in der Zentralbank erfahren. Peskow erklärte, der Kreml wisse nichts davon, man müsse derzeit äußerst sorgfältig mit diversen Enten umgehen.

Sehr viel lieber war ihm bei der Gelegenheit eine andere klare Botschaft: Russland sei bereit, "tatkräftig dazu beizutragen, dass die innenpolitische Situation in Venezuela geregelt" werde. Moskau als Vermittler im Machtkampf von Caracas, das würde dem Kreml gefallen.

In Venezuela geht es nicht nur um das innenpolitische Duell zwischen Maduro und seinem Herausforderer, dem Parlamentspräsidenten Juan Guaidó, sondern auch um den Einfluss der internationalen Mächte. Dass die USA - und seit Donnerstag auch das EU-Parlament - derart offensiv Guaidó stützen und Trump Maduro mit Sanktionen gegen die staatliche Ölgesellschaft PDVSA in die Enge treibt, hat in Moskau große Sorge ausgelöst. Außenminister Sergej Lawrow warf der US-Regierung und deren Verbündeten vor, "auf grobe Weise jegliche Normen des internationalen Rechts gebrochen" zu haben.

Eine erwartbare Reaktion, interessanter ist das konziliant formulierte Vermittlungsangebot, bei einem Dialog behilflich zu sein. Maduros Herausforderer Guaidó scheint es nicht ganz uninteressant zu finden - kürzlich erklärte er, mit der russischen und der chinesischen Regierung Kontakt aufgenommmen zu haben.

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Der selbsternannte Interimspräsident wendet sich an Maduros Verbündete. Militärische Hilfe aus Washington wünscht er sich nicht - aber schließt sie auch nicht aus.

Auch Moskau weiß nicht, wie der tobende venezolanische Machtkampf ausgehen wird, und offenbar scheint es ihm nicht ratsam zu sein, einzig darauf zu hoffen, dass sich Maduro am Ende schon durchsetzen wird. Denn es steht viel auf dem Spiel. Aus der Opposition in Caracas sind bereits Stimmen laut geworden, bestehende Verträge auch mit Russland - etwa über Rüstungslieferungen - zu überprüfen.

Auf der Internetseite des Valdai-Klubs, einem russischen Diskussionsforum mit internationaler Beteiligung, heißt es, "für Russland ist Venezuela ein Brückenkopf, um seinen geopolitischen und wirtschaftlichen Einfluss in Lateinamerika zu erweitern". Setzt sich in Caracas aber das Lager um Guaidó durch, dürfte dieser Einfluss zurückgehen.

Schon die US-Sanktionen gegen Venezuela könnten Russland treffen. Der stellvertretende russische Finanzminister Sergej Stortschak sagte, "es wird vermutlich Probleme geben". Alles hänge jetzt in Venezuela von der Armee ab, von deren Soldaten, "und wie loyal sie zu ihrer Pflicht und ihrem Eid stehen".

Venezuela hat bei Russland Schulden in Höhe von mehr als drei Milliarden Dollar, nach russischen Medienberichten ist Ende März die nächste Zinszahlung in Höhe von 100 Millionen Dollar fällig. Moskau sagt, es erwarte, dass die Summe rechtzeitig beglichen werde. Doch der mögliche Verlust eines Verbündeten wiegt vermutlich höher als einzelne Tranchen.

Lateinamerika war schon in lange zurückliegenden Zeiten ein Gebiet, auf dem die USA und die UdSSR ihren politischen Konkurrenzkampf ausübten. Nach dem Zerfall des Sowjetimperiums hatte Russland allerdings andere Sorgen, erst mit dem Amtsantritt des linken Präsidenten Hugo Chávez bot sich eine neue Gelegenheit, die alten Beziehungen aufzufrischen. So wie die USA verstärkt mit Zentralasien Geschäfte machten und sich in Russlands traditioneller Einflusszone engagierten, schaute Moskau wieder mehr auf den amerikanischen Hinterhof. Venezuela wurde zu einem Verbündeten Russlands. Caracas orderte in Moskau Rüstungsgüter, beide Länder machten gemeinsame Militärübungen, Russland interessierte sich für die gewaltigen Bodenschätze Venezuelas, das über die größten Ölreserven der Welt verfügt, während die russischen Vorräte an leicht zugänglichem Erdöl schwinden.

Der russische Staat und Energiekonzerne wie Rosneft haben in den vergangenen zwölf Jahren mehr als 17 Milliarden Dollar in Form von Krediten und Investitionen nach Venezuela gepumpt. Geld, das sich bisher auch in politischer Freundschaft auszahlt. Von einem "Bruderland" sprach Maduro sogar im Dezember. Nur China stützt Venezuela finanziell noch stärker als Russland. Doch während Venezuelas Staatschef dem russischen Präsidenten Wladimir Putin für dessen Unterstützung dankte, stellte sich Donald Trump auf die Seite Guaidós. Für Maduro selber hatte vor wenigen Tagen die russische Zeitung Moskowskij Komsomolez einen Vorschlag. Russland könne "seinem Freund politisches Asyl anbieten", schrieb die Zeitung. "Für Maduro, der an Palmen, Meer und 25 Grad gewöhnt ist, ist der kalte, lange russische Winter zwar nicht ideal. Aber sehr viel besser als eine warme Zelle in Caracas."

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