bedeckt München 30°

Venezuela und Iran:Gemeinsam gegen den Erzfeind USA

Venezuela's government launches new fuel pricing system, in Caracas

Im Land mit den größten Ölreserven der Welt wird der Sprit knapp: Menschen stehen vor einer Tankstelle in Venezuelas Hauptstadt Schlange.

(Foto: Manaure Quintero/Reuters)

Venezuela geht das Benzin aus, Iran springt ein und schickt Tanker. Die Staaten feiern das als Akt des Widerstands. Beide leiden unter den Sanktionen Washingtons.

Im Grunde genommen ist Caracas von der Natur gesegnet: Die venezolanische Hauptstadt wird eingerahmt von grünen Bergen, hinter denen dazu auch noch der Ozean lockt. Ideal zum Wandern, Spazierengehen oder Radfahren, was viele Caraqueños auch taten, allerdings meist nur am Wochenende. Im Alltag verließen sie sich auf eine andere Segnung der Natur: Riesige Erdölvorkommen, die dem Land und seiner Hauptstadt lange Zeit nicht nur Wohlstand brachten, sondern auch Benzinpreise, die so niedrig waren, dass man sie eigentlich nur als symbolisch bezeichnen konnte. Doch damit ist nun Schluss: Das Fahrrad ersetzt für immer mehr Menschen in Caracas das Auto, denn ausgerechnet im Erdölland Venezuela wird das Benzin knapp.

Schuld daran, sagen Kritiker, seien vor allem Missmanagement und Korruption. Venezuelas Präsident Nicolás Maduro wiederum gibt dem alten Erzfeind die Schuld an der Misere: Die USA würden einen Wirtschaftskrieg gegen das Land und seine Bevölkerung führen. Der habe dazu geführt, dass Grundnahrungsmittel genauso knapp sind wie Strom, Leitungswasser und eben auch Benzin.

Nun fiel sogar ein Jahrzehnte altes Tabu: Sprit wird in Venezuela jetzt zum Weltmarktpreis verkauft

Die Situation war also schon schwierig, nun aber gibt es ein weiteres Problem: Covid-19. Längst gibt es auch Infektionen in Venezuela, Ausgangssperren und der Absturz des Ölpreises haben die Krise im Land noch einmal verschärft. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt nun der Fall eines Jahrzehnte alten Tabus in der venezolanischen Politik: Seit Montag gilt kein staatliches Monopol mehr auf den Benzinverkauf. An 200 privat geführten Tankstellen im ganzen Land darf jetzt Treibstoff zum Weltmarktpreis verkauft werden, 50 Dollarcent pro Liter. Auch weiterhin sollen die Menschen aber pro Auto 120 Liter im Monat zum Preis von etwa zwei Cent tanken dürfen. Und damit es an den Tankstellen auch Treibstoff gibt, hat die Regierung jüngst Benzin aus Iran gekauft. Fünf Tanker aus der Islamischen Republik erreichten Venezuela Ende Mai.

Beide Länder vereint nicht nur ihr Ölreichtum, sondern auch die Sanktionen, mit denen die USA die Wirtschaftssysteme der beiden Staaten in der Vergangenheit belegt haben. Aufgrund umfassender amerikanischer Sanktionen darf die Islamische Republik, einer der weltweit wichtigsten Ölförderer, keine Erdölprodukte auf dem Weltmarkt verkaufen, was die iranische Wirtschaft sehr hart trifft.

Iran und Venezuela stellten die Öllieferung anschließend als Akt der Solidarität dar und als Erfolg im Widerstand gegen ihren Erzfeind USA. Teherans Regierungssprecher Ali Rabiei sagte, die Lieferung habe gezeigt, dass sich die US-Sanktionen umgehen ließen. "Iran und Venezuela sind unabhängige Staaten, die miteinander handeln und dies weiter tun werden." Der Tenor der Äußerungen iranischer Politiker und Militärs war, dass man die US-Sanktionen ausgehebelt und Washington in seinem geopolitischen Hinterhof als machtlos vorgeführt habe.

Zuvor hatten die USA angeblich die Möglichkeit erwogen, die iranischen Öltanker mit Kriegsschiffen abzufangen. Teheran hatte daraufhin gedroht: Staatspräsident Hassan Rohani kündigte an, man werde zurückschlagen, falls die USA "Ärger machen sollten". Sein Außenminister Mohammed Dschawad Zarif schrieb einen Brief an den UN-Generalsekretär und sprach von "hegemonialer Kanonenboot-Diplomatie". Und die iranische Nachrichtenagentur Nur, die als Sprachrohr des Nationalen Sicherheitsrats der Islamischen Republik gilt, ließ wissen: "Sollten die USA in Piratenmanier auf den internationalen Seewegen Unsicherheit verbreiteten, gehen sie ein hohes Risiko ein."

Beim größten Teil der Lieferung, die dann doch nach Venezuela gelangte, handelte es sich offenbar um gebrauchsfertig raffiniertes Benzin. Der Treibstoff soll zusammen mit kleineren Mengen anderer Ölprodukte einen Gesamtwert von rund 40 Millionen Euro haben. Auf der letzten Wegstrecke waren die Tanker von der Marine Venezuelas eskortiert worden.

Unklar bleibt allerdings, ob Iran sich das Benzin hat auch bezahlen lassen. Teheran bestreitet vehement, dass Caracas die Rechnung mit neun Tonnen Gold beglichen habe. Der iranische Botschafter in Venezuela, Hojjatollah Soltani, sagte, es gebe andere Wege, und nannte Kompensationsgeschäfte mit Kaffee als Beispiel. Die Benzinlieferung sei zudem in voller Übereinstimmung mit internationalem Recht erfolgt: "Die USA als ein Staat, der internationales Recht bricht, hat es nicht geschafft, diese Tanker aufzuhalten." Die US-Sanktionen gegen Iran, Venezuela und andere Staaten verlören zunehmend jede Wirksamkeit. Länder, die sich den Vereinigten Staaten entgegenstellten, "haben nicht nachgegeben".

Die Lieferung, schätzen Experten, wird für mehrere Wochen reichen. Was im Anschluss passiert und ob neue Tanker aus Iran in Richtung Venezuela in See stechen, ist noch unklar. In Caracas jedenfalls sind die Preise für gebrauchte Fahrräder in der Zwischenzeit rapide angestiegen.

© SZ vom 05.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite