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"Velo-City"-Konferenz:Was Deutschland vom Fahrradparadies Niederlande lernen kann

Nijmegen Netherlands 15 06 2017 A large parade cyclists drive through Nijmegen during the Mass Bik

Das Fahrrad ist ein nationales Kulturgut geworden. Darauf sind die Niederländer extrem stolz.

(Foto: imago/Hollandse Hoogte)

Nirgends auf der Welt wird mehr Rad gefahren, nirgends ist es im Alltag so präsent. Kein Land tut so viel für seine Fahrradfahrer wie die Niederlande. Autofahrer sind vielerorts nur noch geduldet.

"Wir sind auch Weltspitze!", sagte ein Vertreter des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs jüngst bei der Velo-City-Konferenz im niederländischen Nimwegen, "nämlich beim Rad-Tourismus". Das mag stimmen, war aber nicht das zentrale Thema bei dem Treffen. Vielmehr ging es um die Frage, wie sich der Radverkehr in den Städten fördern lässt. Vier Tage lang diskutierten Politiker und Experten über die Mobilität der Zukunft, eine mögliche europäische Fahrradstrategie, finanzielle Anreize zum Umstieg vom Auto aufs Rad oder mögliche Gefahren superschneller E-Bikes. Viele Teilnehmer kamen, um sich von den Niederlanden, dem Paradies des Radfahrens, etwas abzuschauen.

So wie Winfried Hermann, Verkehrsminister des Autoparadieses Baden-Württemberg. Der grüne Politiker, seit 2011 im Amt, will sein Land, das bei der Radnutzung lange hinterherrollte und erst langsam aufholt, endlich auf zwei Räder stellen. Dort, wo Karl Drais das Fahrrad vor 200 Jahren erfunden hat, soll es zum selbstverständlichen Bestandteil künftiger Verkehrskonzepte werden. Dabei hat Hermann vor allem den Pendlerverkehr im Visier, den er unter anderem mit Hilfe von zehn geplanten Radschnellwegen reduzieren möchte.

Vorvergangene Woche pilgerte der Minister mit einer Besuchergruppe durch die Niederlande, sprach mit Lokalpolitikern, Unternehmern, Experten, erhielt Einblick in innovative Projekte. Er staunte, wie weit voraus das Land in dieser Hinsicht ist, wie radikal der Umbau zu einer nachhaltigen, menschenfreundlichen Mobilität betrieben wird: "Man ist wirklich von den Socken, was hier alles geht."

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Das Fahrrad ist ein nationales Kulturgut

Nirgends auf der Welt wird mehr Rad gefahren, nirgends ist es im Alltag so präsent, in Städten wie auf dem Land. Ob König, Konzernchef, Arbeiter oder Student, alle haben Spaß daran, auf breiten Wegen, meist räumlich getrennt vom Autoverkehr. Das Fahrrad ist ein nationales Kulturgut geworden. Darauf sind die Niederländer extrem stolz, teilen ihr Wissen gern und nutzen das steigende Auslandsinteresse geschickt zum Zwecke des Nation Branding.

Sicher, ihr unschlagbarer Vorteil liegt in der Flachheit des Landes. "Aber der Fahrradfortschritt der vergangenen Jahrzehnte kam nicht von allein", sagt die Utrechter Verkehrsbürgermeisterin Lot van Hooijdonk, "er wurde von Menschen gemacht." Es waren die Ölkrise und eine hohe Zahl von Verkehrsopfern, die in den Siebzigerjahren eine aktive Fahrradpolitik auslösten. Der Impuls aus der Protestgeneration wurde bald Gemeingut, quer durch die Parteien. Man schuf fahrradpolitische Richtlinien, unverbindlich zwar, aber von allen Städten und Regionen übernommen. Die Radinfrastruktur ist deshalb relativ einheitlich gestaltet, beim Bau von Radlstrecken kommt etwa überall derselbe rotgefärbte Asphalt einer niederländischen Firma zum Einsatz.

Funktionieren könne das mit dem Fahrrad allerdings nur, schränkt Hooijdonk ein, wenn es als "wirklich ernsthafte Lösung" verstanden würde. Für wachsende und verstopfte Städte wie München zum Beispiel. Ein paar Rad- und Schnellwege zu bauen, reicht also nicht, es gehört mehr dazu.

Um eine echte Fahrradkultur zu befördern, müssten die ökologischen, sozialen und gesundheitlichen Vorteile des Radfahrens stärker propagiert werden, schon in der Schule. Es müsste allerlei Hilfestellungen geben, etwa bei Reparaturen. Das Rad müsste in Verkehrssituationen öfter Vorrang erhalten. Vor allem aber müsste die Infrastruktur großzügig und intelligent ausgebaut werden. Analog zum Autoverkehr gelte: "Wer für Fahrräder baut, erntet mehr Fahrräder."

Auch in der Architektur heißt es umdenken

Was das heißt, lässt sich in Utrecht sehen, 345 000 Einwohner, 40 Prozent Radanteil beim Verkehr, gerade zur zweitfahrradfreundlichsten Stadt der Welt (nach Kopenhagen) ernannt. Die Innenstadt ist in weiten Teilen autofrei, die breiten Velo-Arterien nutzen täglich bis zu 150 000 Radler. Auf vielen Straßen im Stadtbereich sind Automobilisten nur noch "Gäste" der Radfahrer.

Auch beim Umbau des Areals um den Hauptbahnhof steht das Interesse der Radfahrer im Vordergrund. Ein Fahrrad-Parkhaus mit 4500 Abstellplätzen ist fertig, drei weitere folgen bald, dann kommen 20 000 Radler unter, Weltrekord. Schilder zeigen freie Plätze an, das System ist simpel zu benutzen und während der ersten 24 Stunden umsonst. Die Kosten für Bau und Betrieb teilen sich die Stadt und die Bahn. Pendeln leicht gemacht, Anzugträger willkommen.

Auch in der Architektur heißt es umdenken. Wer durch niederländische Neubau-Viertel fährt, sieht kaum Garagen, aber viele Radstellplätze. Je näher an der Innenstadt ein Bauprojekt liegt, desto weniger Auto-Parkplätze muss es haben, während bei Bürobauten eine bestimmte Zahl von Fahrrad-Parkplätzen Pflicht ist.

Trotz allem bleiben die Niederländer stets pragmatisch. "Nicht immer die teuerste und beste Lösung suchen", nennt das Martijn te Lintelo, der den 16,5 Kilometer langen Schnellweg zwischen Arnheim und Nimwegen geplant hat. Auch mal kleine Umwege in Kauf nehmen, um Anwohner nicht zu verärgern. Manchmal tut es eine Kreuzung, wo man lieber einen Tunnel gehabt hätte. Oder eine Fahrradbrücke wird nicht neu gebaut, sondern, wie in Nimwegen, an eine Eisenbahnbrücke drangeschraubt.

Das Rad ist auch Lifestyle- und Wohlfühl-Objekt

Und noch etwas lehrt das Beispiel Niederlande: Man darf die Sache bei aller Zielstrebigkeit nicht zu verbissen angehen. Das Rad ist auch Lifestyle- und Wohlfühl-Objekt. Auf der Konferenz in Nimwegen wurde es als Symbol der Freiheit gefeiert. Entsprechend sollte idealerweise allen cyclopolitischen Anstrengungen ein Element von Lockerheit, Lässigkeit innewohnen. Kleine Dinge wirken groß: etwa eine App, die Radpendler belohnt; oder ein System wie "Flo" in Utrecht, das Radlern das Tempo für eine grüne Welle anzeigt. Es ist eklatant, wie gelassen es zugeht auf niederländischen Radwegen. Das Phänomen Kampfradeln ist unbekannt. Deswegen meint man auch, komplett auf Helme verzichten zu können. Selbst König Willem-Alexander fuhr oben ohne bei der Eröffnung in Nimwegen. "Der Wind muss frei durchs Haar wehen", heißt die Devise, auch bei Kälte und Regen. Über die unbequeme Sitzhaltung, die sich viele Deutsche glauben antun zu müssen, wundern sich die Niederländer übrigens. Sie sind sich sicher, dass man aufrecht entspannter ans Ziel kommt.

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