Verkehrsminister Scheuer Der Minister ahnt, dass es einen Kulturkampf um die Straßen geben könnte

Doch wenn Chancen für mehr Distanz kommen, verstreichen sie wie an jenem Abend Ende Januar. Der Auto-Lobbyverband VDA feiert in Berlin in einer Oldtimer-Garage. Es ist Tradition, dass der Verkehrsminister neben getunten BMW-Rallyewagen und alten Mercedes-Cabrios zu den Autobossen spricht. Die Branche müsse endliche bezahlbare Elektroautos liefern. Tempolimit, höhere Spritpreise? "Zu retro", sagt der Minister. Die Manager nicken. "Heute, Herr Scheuer", sagt VDA-Präsident Bernhard Mattes, "sind Sie nur unter Freunden."

Jenseits dieser gut verdrahteten Welt kommen Scheuer die Freunde allerdings immer mehr abhanden. Der Koalitionspartner regt sich über schlecht vorbereitete Bahn-Treffen auf. Vor dem Ministerium spreche man von Krisengesprächen, drinnen fände eher ein Brainstorming statt, wundert man sich selbst bei der Bahn. Und auch in der CSU sind sie nicht glücklich mit Scheuers Kurs. Als der Minister zur Klausurtagung der CSU-Parteifreunde im Januar nach Kloster Banz reiste, wurde es laut Teilnehmern hitzig. Landtagsabgeordnete hätten sich reihenweise beschwert, erinnert sich ein Teilnehmer. Die Dieseldebatte dauere zu lange. Scheuer solle sich mehr für Dieselfahrer einsetzen.

Dabei ist die Linie klar: Es müssen radikale Veränderungen her - und weniger Diesel. Nach dem Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung muss der Verkehr seine Emissionen bis 2030 um 40 bis 42 Prozent gegenüber 1990 senken. Bisher gab es stattdessen einen leichten Anstieg.

Es gibt Momente, in denen Scheuer die Last anzumerken ist

Wie angespannt die Nerven im Ministerium sind, wurde kürzlich klar. Nach dem Wirbel um die geleakten Tempolimitvorschläge einer Regierungskommission wurden die Regeln verschärft. Papiere werden nur noch mit eingebauten Hinweisen auf den Empfänger verschickt, um die Veröffentlichung zu verhindern.

Es gibt Momente, in denen Andreas Scheuer die Last anzumerken ist. Der Auftritt in Frankfurt ist erst ein paar Minuten her. Scheuer kommt in einem Nebenraum zur Ruhe. Keine Kamera, kein Publikum. Und keine Witze mehr. Wie er sein erstes Jahr als Minister bewertet? "Das war knackig. Sehr knackig. Wenn ich in Frankfurt lande und aus dem Fenster sehe, wie vernetzt Mobilität in einer Metropole funktionieren muss, wird auch klar, wie viel daran hängt - für die Menschen und unsere Wirtschaft. Das muss man gut machen."

Doch darüber, was gut ist, gibt es Streit. In den Städten, wo es Alternativen gibt, wenden sich immer mehr Deutsche vom eigenen Auto ab. Sie stehen gegen Pendler, die Beschäftigten der Autobranche und Kleinunternehmer, deren Existenz am Auto hängt - und denen wegen Fahrverboten Stillstand droht. "Bloß keine Gelbwestenbewegung", heißt es aus dem Verkehrsministerium. Scheuer ahnt, dass es einen Kulturkampf ums Auto geben könnte.

Im Ministerium zieht man seine eigenen Schlüsse. Man "modernisiere" die Kommunikation, heißt es. Die Bürger will Scheuer mit eigenen Twitter-Kanälen und Videos erreichen. Vorbei an klassischen Medien und kritischen Fragen. Es geht darum, die Stimmung im Land möglichst in die eigene Richtung zu steuern. In einen Besprechungsraum des Ministeriums hat man einen "Newsroom" gebaut - mit TV-Studio. Geleitet wird das Projekt von einem ehemaligen Bild-Journalisten.

Auch Lutz Kluge, der Mann mit dem Fahrradsymbol auf dem T-Shirt, lief auf allen Kanälen. Als "Held der Straße". Scheuer interviewte ihn, fragte nach Details der Rettung. Wirklich zugehört hat man dem Ingenieur allerdings nicht. Was er vom Preis für seinen Mut hält, verrät er später diskret: "Ich hatte dem Ministerium gesagt, dass mir ein Fahrrad lieber wäre."

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