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Vatikan:Unheilig

Warum der Heilige Stuhl seinem Namen mal wieder keine Ehre macht.

Von Oliver Meiler

Der Heilige Stuhl ist ebendas nicht immer: heilig. Als Papst Franziskus sein Amt antrat, hielt er harte Reden gegen die Händler im Tempel, er geißelte Gier und Korruption und versprach Transparenz. Das ist nun schon wieder sieben Jahre her, die Reformen blieben unvollendet, und erneut sorgen die sagenumwobenen Finanzen des Vatikans für einen Skandal mit beinahe grotesk profanen Konturen.

Diesmal hängt sogar der Verdacht über Rom, dass im Machtkampf um die Kassen der Kirche ein Kardinal seinen Rivalen aus der Kurie mit falschen Anschuldigungen belastete, wegen angeblichen Kindesmissbrauchs. 700 000 Euro soll er für den Kauf der Zeugen ausgegeben haben. Der Australier George Pell, früher hoffnungsfroher Reformer im Dienst des Papstes, saß deshalb mehr als ein Jahr im Gefängnis, bevor er freigesprochen wurde. Nun ist er zurück in Rom und sinnt auf Revanche. Der Heilige Stuhl als Schlangennest.

Vielleicht hilft der Skandal aber auch, die aufgeschobenen Reformen nun endlich umzusetzen. Kardinal Pell und sein Gegenspieler, der Sarde Angelo Becciu, sind nicht mehr im Amt. Der Papst organisiert die Ämter neu, beruft frische Leute, besetzt die Aufsichtsräte um, verschiebt die Kassen - in der Hoffnung, dass es diesmal für eine Reinigung des Tempels reicht.

© SZ vom 14.10.2020
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