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Vatikan:Revolutionär und Reaktionär

Johannes Paul II. wäre 100

Papst Johannes Paul II. während einer Audienz in Rom im Jahr 2002.

(Foto: Alessandro Bianchi/dpa)

Die Kirche trägt schwer am Erbe von Johannes Paul II., der jetzt 100 Jahre alt wäre.

Es war ein Pilgerzug, wie ihn die moderne Welt noch nicht gesehen hat: Dreieinhalb Millionen Menschen kamen Anfang April 2005 nach Rom, um dem sterbenden Papst Johannes Paul II. nahe zu sein, um Abschied zu nehmen von Karol Wojtyła, der Weltgeschichte geschrieben und seine Kirche ins dritte Jahrtausend geführt hatte. "Santo subito!" hallte es durch die Straßen. Sprecht ihn heilig, sofort!

Die Stimme des Volkes ist sehr schnell erhört worden - Papst Benedikt XVI. hat seinen Vorgänger selig, Papst Franziskus ihn 2014 heilig gesprochen. 15 Jahre nach dem Tod des Papstes aus Polen jedoch trägt die katholische Kirche schwer an dem ambivalenten Erbe, das er hinterlassen hat - dem Erbe des Mannes, der am 18. Mai vor 100 Jahren geboren wurde.

Johannes Paul II. war Revolutionär und Reaktionär zugleich. Da war der Theologe und junge Bischof Karol Wojtyła, der von den "Wonnen" der Sexualität schrieb und auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil für Religionsfreiheit eintrat und dafür, dass die Fragen der Gegenwart auch die Fragen der Kirche sind. Da war der charismatische und reiselustige Papst, der 1979 nach Polen fuhr und zeigte, dass es eine stärkere Macht gibt als die der Geheimdienste und des kommunistischen Herrschaftsapparates; der dann dazu beitrug, dass sich die Solidarność als gewaltfreie Gewerkschaftsbewegung gründete. Johannes Paul II. förderte den Dialog mit Juden und Muslimen, im Jahr 2000 sprach er ein historisches Schuldbekenntnis für im Namen der Kirche begangenes Unrecht.

Langsam und unter Schmerzen lernt die Kirche wieder, einen offenen Diskurs zu führen

Und da war der autoritäre Kirchenmann, der missliebige Theologen maßregelte, reaktionäre Bewegungen förderte, unfähige Bischöfe einsetzte, die dann die Gemeinden spalteten. Johannes Paul II. erklärte die Diskussion über die Weihe von Frauen für endgültig beendet und forderte von Pfarrern und Theologen einen Treueeid, der sie an die einmal verkündete Lehre binden sollte. Bei jeder Gelegenheit predigte er gegen Sex außerhalb der Ehe, bis es auch guten Katholiken zu den Ohren herauskam. Er beschnitt die Eigenständigkeit der Ortskirchen, dass am Ende auch mancher Bischof und Kardinal frustriert war vom eisernen Regiment in Rom. Erst langsam und unter Schmerzen lernt die katholische Kirche nun wieder den offenen Diskurs, wie die erbitterten Auseinandersetzungen zwischen den vorsichtigen Reformern um Papst Franziskus und ihren konservativen Gegnern zeigen.

Wie konnte der Papst, der so konsequent für die Menschenrechte und die Freiheit eintrat, seine Kirche so autoritär regieren? Ohne seine Herkunft ist das nicht zu erklären. Nicht ohne die selbstverständliche Frömmigkeit Polens, nicht ohne den Messianismus der polnischen Romantiker, von denen der Papst den festen Glauben übernahm, dass Gott einen Plan mit ihm hat. Vor allem aber haben ihn die existenzielle Gefährdung geprägt, die er unter der deutschen Besatzung erlebte, als er im Steinbruch arbeitete und ins Untergrundpriesterseminar eintrat - und der Zermürbungskrieg, den die Kommunisten in Polen gegen die katholische Kirche führten. Die Kirche, lernte Karol Wojtyła, muss für die unveräußerliche Würde des Menschen eintreten. Sie muss dem Materialismus, der den Menschen auf die Summe der Verhältnisse oder auf seine Leistungsfähigkeit reduzieren will, einen christlichen Humanismus entgegensetzen. Aber der spätere Papst lernte auch, dass die Kirche nur dann stark ist, wenn sie klar bei ihren Lehren bleibt, wenn sie einig ist, wenn sie sich als Institution unverwundbar macht.

Unter den Bedingungen der Diktatur stimmte das - in demokratischen, pluralen Gesellschaften wurde dies aber zunehmend zum Problem. Und so war Johannes Paul II. nach dem Ende des Ostblocks ein Anwalt der Menschenwürde im globalen Kapitalismus - vieles klingt nicht anders als das, was Papst Franziskus heute sagt. Und zugleich war er unfähig, das Ausmaß des Skandals der sexuellen Gewalt gegen Frauen, Kinder, Jugendliche zu begreifen. Die Unversehrtheit der Institution war ihm wichtiger als die Not der Opfer.

Man solle ihm den Beinamen "der Große" geben, hat der emeritierte Papst Benedikt XVI. zum 100. Geburtstag Wojtyłas an Krakaus Kardinal Stanisław Dziwisz geschrieben, dem einstigen Mitarbeiter Wojtyłas. Diesen Titel tragen bislang nur die Päpste Leo I. und Gregor I.; der eine lebte im 5., der andere im 6. Jahrhundert. Vielleicht sollte Franziskus sich da noch Zeit lassen.

© SZ vom 18.05.2020

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