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Kirchenstaat:Plötzlich in der Realität

Der Vatikan schreibt Defizite - nun werden Gehälter gekürzt.

Von Oliver Meiler, Rom

Nichts ist mehr, wie es einmal war. Auch im Vatikan nicht, wo sie sich seit zweitausend Jahren fast nie an den Geschehnissen draußen in der Welt orientieren mussten. Die Pandemie und ihre wirtschaftlichen Folgen zwingen den Papst nun aber dazu, ein Sparprogramm aufzulegen und die Gehälter seines Personals zu kürzen. Ein recht rabiates, beinahe privatwirtschaftliches Programm ist es geworden, wenigstens für vatikanische Standards. Bei den wegbrechenden Einnahmen sei sonst eine "nachhaltige Wirtschaftlichkeit" einfach nicht mehr möglich, schreibt Franziskus in einem Motu Proprio. Der Vatikan weist gerade ein Defizit von fast fünfzig Millionen Euro aus. Doch entlassen will der Chef niemanden, auf gar keinen Fall. Am meisten nimmt er von denen, die viel haben.

Kurienkardinäle sowie Präfekten und Sekretäre der Dikasterien verdienen ab sofort zehn Prozent weniger als bisher. Bei der Gelegenheit erfährt man aus der italienischen Presse, wie viel die Herrschaften an der Spitze der Kirche normalerweise verdienen. Ein Kardinal erhält zwischen 4500 und 5500 Euro im Monat, brutto, je nach Dienstalter. Inbegriffen darin ist der sogenannte "Piatto cardinalizio", wörtlich: Kardinalsteller. Diese Zulage für Purpurträger beträgt 1500 Euro, überall auf der Welt.

Übermäßig feudal ist das also nicht. Allerdings haben hohe Prälaten ja auch kaum Auslagen. Bischöfe und Erzbischöfe in führenden Positionen verdienen zwischen 3000 und 4000 Euro im Monat, ihre Apanage wird jetzt um acht Prozent gekürzt. Und bei Priestern und Schwestern, die in der vatikanischen Zentralbehörde arbeiten und nicht in die niedrigsten Gehaltsstufen fallen, schneidet der Papst drei Prozent ab. Die haben aber auch nur etwa 880 Euro netto.

Insgesamt trifft es einige Tausend Angestellte. Fast ganz ausgenommen sind Laien, von denen ja viele Familien haben. Überhaupt reagiert der Vatikan spät auf die prekäre Finanzlage. Seit Beginn der Seuche waren bisher alle Gehälter in voller Fülle überwiesen worden, während jenseits des dicken Gemäuers des Kleinstaats, im weltlichen Rom, viele um ihre Existenzen bangen und oft vergeblich auf staatliche Zuschüsse warten.

Aber bringen die Kürzungen auch genug? Schmerzhaft sind ja vor allem die großen Ausfälle aus dem Ticketverkauf der Vatikanischen Museen, der größten Einnahmequelle im Haushalt. Normalerweise bringt das Geschäft mit der Kunst etwa 130 Millionen Euro. Die Museen sind geschlossen, lange schon. Auch die Spenden sind eingebrochen, was wohl weniger mit der Pandemie zu tun hat als mit unseligen Skandalen und dem Zwist der Zentrale mit aufgeschlosseneren Ortskirchen. Minus 21 Prozent auf diesem Posten. Zudem musste der Vatikan die Mieten in vielen seiner Immobilien senken, weil die Mieter sie sich nicht mehr leisten können.

Und so schlug nun ein pensionierter Kardinal vor, der Vatikan möge doch wieder Zigaretten verkaufen an seine Angestellten, wie früher: viel billiger als draußen. Franziskus hatte den Verkauf vor vier Jahren eingestellt. Zigaretten seien schädlich, sagte er. Natürlich. Doch es war auch ein lukratives Geschäft, ein kirchliches Duty free. Es brachte zwölf Millionen Euro im Jahr.

© SZ
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