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Vatikan:Engel versus Olivenzweig

Pope Francis poses with Turkish President Tayyip Erdogan and his wife Emine during a private audience at the Vatican

Auch wenn man es den Beteiligten nicht unmittelbar ansieht: Bei der Begegnung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und seiner Frau Emine mit Papst Franziskus ging es offiziellen Angaben zufolge „herzlich“ zu.

(Foto: Reuters)

Papst Franziskus empfängt den türkischen Präsidenten Erdoğan und spricht mit ihm über Frieden - während Hunderte Kurden gegen Ankaras Offensive in Syrien demonstrieren.

Es gab offenkundig viel zu besprechen: Gut 50 Minuten, mehr als doppelt so lang wie geplant, dauerte das Treffen von Papst Franziskus und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan am Montagmorgen. Es war der erste Empfang eines türkischen Staats- oder Regierungschefs, seit der Vatikan und Ankara 1960 volle diplomatische Beziehungen aufnahmen. In einem auffallend knapp gehaltenen Bulletin teilte der Heilige Stuhl im Anschluss an die Audienz mit, bei den "herzlichen" Gesprächen sei es unter anderem um die (nicht näher qualifizierten) bilateralen Beziehungen und um die Lage der 30 000 Katholiken in der Türkei gegangen. Außerdem habe man über den Status von Jerusalem gesprochen und über die "Wichtigkeit" von Dialog und Verhandlungsbereitschaft im Nahen Osten. Die konkreteste Botschaft aber spiegelte sich in einem Geschenk, das Franziskus dem türkischen Staatsoberhaupt überreichte: eine Medaille mit einem Friedensengel, welcher, in den begleitenden Worten des Papstes, "den Dämon des Krieges erdrosselt."

Welchen Krieg Franziskus damit genau meinte, sagte er nicht, aber aus Sicht von Beobachtern könnte es sich um eine symbolisch dargereichte Kritik an der jüngsten türkischen Militäroffensive gegen Kurden in Syrien handeln. Der vatikanische Botschafter in Damaskus hatte mehrmals ein Ende der Gewalt gefordert.

Erdoğan selbst hat für die Invasion seiner Truppen im syrischen Kanton Afrîn ein eigenes Symbol gewählt; er nennt sie "Operation Olivenzweig", was Kritiker wiederum als zynische Provokation empfinden. In einer Kirche in Turin hatten Protestierende am Sonntag die Messe unterbrochen; während der Audienz am Montag demonstrierten Hunderte in Italien lebende Kurden gegen Erdoğan. Bei Zusammenstößen mit der Polizei wurden nach offiziellen Angaben zwei Personen verhaftet.

In einem Interview mit der Zeitung La Stampa hatte der türkische Präsident zuvor gesagt, er wolle die "bilateralen Beziehungen zu Italien verbessern." Unter dem früheren Premier Silvio Berlusconi, einem "lieben Freund", sei die Zusammenarbeit "ausgezeichnet" gewesen. Bevor Erdoğan zu Staatspräsident Sergio Mattarella und Premier Paolo Gentiloni weiterzog, verabschiedete Papst Franziskus ihn und seine Ehefrau Emine mit der Bitte um ein Gebet. Der türkische Präsident antwortete selbstbewusst: "Auch wir erwarten ein Gebet von Ihnen."

© SZ vom 06.02.2018

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