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Vatikan:Diskreter Donnerschlag

Wurde einst als „007 der Finanzwelt“ bezeichnet: René Brülhart.

(Foto: Vincenzo Pinto/AFP)

Der Chef der Finanzaufsicht des Vatikanstaats, der Schweizer René Brülhart, geht. Gegen seine Behörde war zuvor ermittelt worden. Sein Nachfolger soll bereits feststehen.

Er blieb äußerst diskret beim Abschied vom Vatikan, wie es seine Art ist. So viel ließ René Brülhart aber wissen - sein Amt als höchster Finanzaufseher des Papstes habe er niedergelegt. Also kein Rausschmiss, keine abgelaufene Amtszeit als Präsident der Autorità di informazione finanziaria (Aif). Diese Behörde hatte Papst Benedikt 2010 ins Leben gerufen, sie sollte dafür sorgen, dass bei Geldflüssen und Geschäften vatikanischer Institutionen alles rechtens zugeht. Trotz der Diskretion war der Abgang des Schweizers Brülhart Anfang der Woche ein Donnerschlag. Einiges spricht dafür, dass er in Verbindung steht zu einer anderen spektakulären Personalie: Vor gut einem Monat verließ Domenico Giani, langjähriger Chef der Vatikan-Gendarmerie, seinen Posten.

Giani stand unter Beschuss, weil eine Art Steckbrief zum internen Gebrauch in den Medien gelandet war. Er zeigte Fotos von fünf Personen, über die es hieß, dass sie suspendiert seien und keinen Zugang mehr zu ihren Büros im Vatikan mehr hätten. Gianis Gendarmen hatten die Räume auf Anweisung des Promotore di Giustizia, des Staatsanwalts des Vatikanstaats, am 1. Oktober durchsucht, Dokumente und Computer beschlagnahmt. Anlass waren Unregelmäßigkeiten, die das vatikanische Geldinstitut IOR angezeigt hatte. Unter den Suspendierten war Aif-Direktor Tommaso Di Ruzza. Der Fall machte Schlagzeilen, die Papst kaum gefallen haben, zumal das Magazin L'Esspresso schon geraume Zeit berichtet hatte von Unklarheiten bei Immobilienkäufen des Staatssekretariats und bei der Verwendung des Peterspfennigs.

Aif-Präsident Brülhart setzte nach der Aktion der Gendarmerie eine eigene Untersuchung an und schlug eine Woche später zurück: Weder Aif-Direktorr Di Ruzza, noch andere Mitarbeiter hätten in "unangemessener Weise ihren Dienst versehen" oder sich unsachgemäß verhalten, teilte der Aif-Verwaltungsrat mit. Die Aktion der Gendarmerie habe genau die Arbeiten der Aif betroffen, mit denen diese auf die Meldung suspekter Aktionen reagiert habe. Mit anderen Worten: Staatsanwaltschaft und Polizei des Vatikanstaats stellten genau jene unter schweren Verdacht, die Irreguläres aufklären wollten. Das wäre ein schwerer Akt des Misstrauens gegen die Aif - also auch gegen Brülhart. Sollte der das so empfunden haben, würde sein Abschied vom Vatikan verständlich.

Dabei trug der Jurist maßgeblich dazu bei, dass der Vatikanstaat nach Jahrzehnten mit Skandalen um die Vatikanbank IOR inzwischen viele Kriterien von Moneyval erfüllt, dem Gremium des Europarates, das die Vorkehrungen von Ländern gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung beurteilt. Moneyval attestierte auch, die Aif sei sehr effizient. Als Papst Benedikt 2012 Brülhart zunächst als Aif-Direktor holte, hing dem das Attribut "007 der Finanzwelt" an, weil er als Geldwäschebekämpfer international renommiert war, unter anderem als Chef der zuständigen Behörde in Liechtenstein. Wer Brülhart folgt, weiß Franziskus laut Vatikanischem Presseamt schon, aber mitgeteilt soll es erst werden, wenn der Papst am 26. November von seiner Asienreise zurück ist.

© SZ vom 22.11.2019
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