Vatikan Der böse "Uncle Ted"

Nach Missbrauchsvorwürfen: Kirche versetzt Kleriker McCarrick in den Laienstand.

Von Oliver Meiler, Rom

Die katholische Kirche hat den amerikanischen Kleriker Theodore McCarrick in den Laienstand versetzt - die höchste Strafe, die für einen Kirchenmann möglich ist. In einem Verfahren der Glaubenskongregation ist der frühere Kardinal und Erzbischof von Washington D.C. für schuldig befunden worden, sexuelle Kontakte zu Minderjährigen und jungen Erwachsenen, zumeist Seminaristen, gehabt zu haben. Da dies unter anderem auch bei der Beichte passierte, kommt erschwerend der Tatbestand Machtmissbrauch dazu.

Angeklagt hatte ihn unter anderem James Grein, der Sohn eines Freundes des Geistlichen. Grein erzählte den vatikanischen Ermittlern, McCarrick habe ihn vom elften Lebensjahr an misshandelt, einmal auch bei der Beichte.

Der frühere Kardinal soll einen Jungen während der Beichte misshandelt haben

McCarrick versuchte, das Urteil anzufechten, doch der Vatikan lehnte die Berufung ab. Der Papst bestätigte nun das Urteil und erklärte die Angelegenheit damit zur "Res iudicata", weitere Rekurse sind unmöglich. McCarrick, heute 88 Jahre alt, lebt seit einiger Zeit zurückgezogen in einem Kloster in Kansas. Er darf nie wieder priesterliche Kleidung tragen, darf nicht als Seelsorger wirken, er darf auch keine Sakramente mehr spenden. Die Priesterweihe aber, so will es das Kirchenrecht, erlischt nicht.

Die beispiellose Verbannung McCarricks aus dem Klerikerstand erfolgt nur Tage vor der außerordentlichen Bischofskonferenz zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche. Die Spitzen aller Bischofskonferenzen weltweit sind dafür vom 21. bis 24. Februar in den Vatikan eingeladen.

Zwar sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Priester und einige Bischöfe, denen man Übergriffe nachweisen konnte, aus ihren Ämtern entfernt worden; bislang war jedoch nie ein so ranghoher Geistlicher wie McCarrick dabei. Damit dürfte der Fall aber nicht abgeschlossen sein. McCarrick stand im Zentrum einer großen, vehement geführten Debatte, die um die Frage kreiste: Ab wann wusste die Kirchenspitze vom Doppelleben des Mannes?

Gerüchte um McCarrick gab es schon lange, bevor ihn Johannes Paul II. zum Kardinal berief. Der sozial engagierte und gut vernetzte McCarrick lud von den Siebziger- bis in die Neunziger-Jahre junge Männer mit Vorliebe in ein Strandhaus in New Jersey ein. Er ließ sich auch "Uncle Ted" nennen. Doch die vielen Gerüchte stoppten seinen Aufstieg nicht. Zunächst war nur von jungen Erwachsenen die Rede. Als im vergangenen Jahr die Geschichten von mindestens zwei minderjährigen Opfern bekannt geworden waren, reagierte Franziskus sofort: Er drängte McCarrick zum Rücktritt. Die Angelegenheit war damit aber nicht ausgestanden.

Ein innerkirchlicher Gegner des Papstes, der frühere Nuntius in Amerika und konservative Erzbischof Carlo Maria Viganò, warf Franziskus und einer Reihe weiterer hoher Prälaten vor, sie hätten McCarrick geschützt, obschon sie von dessen Übergriffen gewusst hätten. Den argentinischen Papst bezichtigte Viganò sogar, er habe Sanktionen, die dessen deutscher Amtsvorgänger Papst Benedikt XVI. angeblich gegen McCarrick verhängt hatte, wieder aufgehoben. Er forderte ihn deshalb zum Rücktritt auf. Franziskus versprach darauf, der Vatikan werde den Fall schnell und gründlich aufarbeiten und dann die Erkenntnisse bekanntmachen.

Das war im vergangenen Herbst. Neuigkeiten in dieser Affäre gab es bislang aber noch keine.