Vatikan Das Monster bannen

Verantwortung, Rechenschaft, Transparenz: Kardinal Blase J. Cupich aus Chicago wird einer der wichtigsten Redner beim „Missbrauchsgipfel“ des Vatikans sein.

(Foto: Gregorio Borgia/AP)

Das Schweigen soll endlich ein Ende haben: Der Vatikan debattiert dreieinhalb Tage lang, wie man Minderjährige in der Kirche vor Missbrauch schützen kann.

Von Oliver Meiler, Vatikanstadt

Das Podest für die Fernsehkameras ganz hinten im großen Saal des vatikanischen Presseamtes war nicht lang genug, um allen Platz zu bieten, die sich da einrichten wollten. Normalerweise reicht der Platz locker aus. Diesmal standen links und rechts der vollbesetzten Ränge mit den samtenen Klappsitzen zwanzig Kameras von Sendern aus aller Welt, dicht an dicht. Überhaupt fragte man sich, ob sich jemals mehr Medienleute in der "Sala Stampa" des Heiligen Stuhls gedrängt haben als an diesem Montag, da die katholische Kirche die Modalitäten einer Konferenz erklärte, wie sie auch die alte Institution noch nicht erlebt hat.

Offiziell trägt sie den Titel: "Zum Schutz der Minderjährigen in der Kirche". Die Medien nennen sie etwas anders, nämlich Missbrauchsgipfel oder eben Anti-Missbrauchsgipfel. Die Erwartungen an das Treffen der Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen zum Thema des sexuellen Missbrauchs an Kindern in der katholischen Kirche, die vom 21. bis 24. Februar im Vatikan stattfindet, sind enorm, vielleicht sind sie auch zu groß. "Das Interesse an dieser Konferenz", sagte der Chef des Presseamtes zum Auftakt und hielt dann kurz inne, "nun ja, was soll ich sagen: Sie sehen es ja selbst." In den Übersetzungsboxen über dem Saal saßen Dolmetscher für acht Sprachen. Es ist der Kirche offensichtlich wichtig, dass man ihre Anstrengungen im Kampf gegen das "Monster", wie ein Erzbischof den Missbrauch an Kindern nennen wird, auch richtig versteht - überall, auch in Ländern, wo dieser Kampf noch am Anfang steht.

In vielen Ländern steht der Kampf gegen Missbrauch noch am Anfang

190 Kirchenleute werden an der Konferenz teilnehmen, sagte Pater Federico Lombardi. Der frühere Sprecher des Papstes ist der Moderator des Treffens. Franziskus hat ihn eigens für diese Rolle aus dem Ruhestand geholt, für diese dreieinhalb Tage des Gipfels. Kritiker monierten, das sei viel zu kurz, um einen Kulturwandel einzuläuten, und wahrscheinlich sind sich darin alle einig.

Lombardi skizzierte das Programm der Konferenz. Jeder Tag trägt ein Motto: Verantwortung, Rechenschaft, Transparenz. Zu jedem Motto gibt es jeweils drei Referate, gehalten von Geistlichen und Nichtgeistlichen. Zu den Redner gehören unter anderem die Kardinäle Reinhard Marx aus Deutschland, Antonio Tagle aus den Philippinen und Blase J. Cupich, der Erzbischof aus Chicago. Ferner reden auch eine nigerianische Ordensobere und eine mexikanische Journalistin mit. Nach jedem Referat ziehen sich die Teilnehmer in Gruppen zurück, elf insgesamt, um sich untereinander auszutauschen. Am Ende jedes Tages trägt man die Erkenntnisse zusammen. Nach draußen dringen nur die Referate.

Damit sich der Vatikan ein Bild machen kann davon, wie unterschiedlich das Problem des Kindesmissbrauchs in den verschiedenen Ortskirchen und deren Kulturen wahrgenommen wird, bat er die Konferenzteilnehmer, dass sie einen Fragebogen ausfüllen. Eine der fünf Fragen lautete, warum die Kirche in den jeweiligen Ländern das Problem nicht angepackt habe. 89 Prozent hätten den Bogen ausgefüllt, sagte Pater Hans Zollner von der Päpstlichen Universität Gregoriana, der Präsident des Zentrums für Kinderschutz und Mitglied des Vorbereitungskomitees. Die Auswertung soll helfen, eine gemeinsame Linie zu finden und Blockaden zu lösen.

Ein Erzbischof vergleicht das Schweigen der Kirche mit der "Omertà" der Mafia

Schweigen gehe gar nicht, sagte Charles J. Scicluna, der Erzbischof von Malta und einer der großen Promotoren im Kampf um Nulltoleranz. Scicluna hatte der Kirche einmal vorgeworfen, sie betreibe in dieser Angelegenheit "Omertà" - so nennt man bei der sizilianischen Mafia das Gesetz des Schweigens. Allzu lange habe man in Selbstleugnung verharrt. Scicluna dankte den Medien dafür, dass sie viele Missstände in der Kirche aufgedeckt und damit das Bewusstsein geschärft hätten. Der Film "Spotlight" über die Arbeit der Zeitung Boston Globe bei der Enthüllung eines Skandals habe ihn tief beeindruckt.

Offenbar soll es ein Treffen der Konferenzteilnehmer mit Vertretern von Opferorganisationen geben, die sich diese Woche ebenfalls in Rom aufhalten, um an ihr Leiden zu erinnern. Lombardi sagte, Zeit, Ort und Namen der Geladenen würden geheim gehalten. "Wenn sie dann darüber reden wollen", fügte er an, "ist es ihnen natürlich unbenommen". Die Konferenz endet am Sonntag mit einer Ansprache von Franziskus - nicht im Petersdom und auch nicht auf dem Petersplatz, sondern im intimeren Rahmen der prächtigen Sala Regia im Apostolischen Palast. Die Rede des Papstes wird live übertragen werden, global, damit sich die Welt vergewissern kann, dass die katholische Kirche dem "Monster" endlich ins Gesicht schaut und es bekämpfen will. Ein Abschlussdokument wird es allerdings nicht geben. Die Konferenz ist erst ein Anfang.