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Van der Bellen:Was Van der Bellen mit dem Land vorhat

Der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier sagt, Van der Bellen habe den Sieg nur über ein "Dreiecks-Geschäft mit Nichtwählern" geschafft. Damit meint er all jene, die in den vergangenen Jahren aus Frust über die etablierten Parteien zu Hause geblieben sind; das sind, nach Filzmaiers Rechnung, allein seit 2013 mehr als eine halbe Million SPÖ- und ÖVP-Wähler. Einen Teil von ihnen konnte der Grüne offenbar jetzt mobilisieren.

Die Sozialdemokraten und Konservativen, die sich nicht durchringen konnten, den ehemaligen Chef einer Ökopartei zu wählen, die vielen Österreichern immer noch als linksextrem gilt, dürften dann, wenn man der Logik der Wahlforscher folgt, lieber "weiß" als Hofer gewählt haben. Mit weiß bezeichnet man in Österreich Menschen, die keinen Kandidaten ankreuzen. Filzmaier winkt bei der Frage, ob dies eine neue grüne Ära im Land bedeuten könne, lächelnd ab: VdB als Präsident würde höchstens den "Baden-Württemberg-Effekt" hervorrufen: Jetzt würden die Österreicher erst erkennen, wie bürgerlich die Grünen in ihrem Land eigentlich in Wahrheit seien.

Der "Sascha" war selbst ein Flüchtlingskind

Der Wahlsieger hatte ohnehin alles getan, um möglichst viele Wähler der Mitte auf seine Seite zu ziehen, und dafür war er der ideale Kandidat: Nachfahre einer niederländischen Familie (daher der Nachname), die unter Peter dem Großen nach Russland ausgewandert und vor den Bolschewiki nach Estland geflohen war. "Sascha" kam als Flüchtlingskind nach dem Krieg nach Tirol, er studierte Volkswirtschaft und lehrte später in Wien. Er machte mehr als zehn Jahre für die Grünen Politik und galt als Integrator, als einer, der Erfolge einfahren konnte, auch an der Wahlurne. Für den Präsidentschaftswahlkampf 2016 holten die Grünen ihn zurück.

Im Wahlkampf eckte er anfangs an, als er bekundete, er wolle einen FPÖ-Kanzler nicht vereidigen; doch je lauter Norbert Hofer davon träumte, was er als starker Präsident alles nicht zulassen würde, desto stiller wurde Van der Bellen. Ja, sagte er im Magazin Profil, es gebe "eine berechtigte Angst, was passiert, wenn Hofer gewinnt. Es wäre ja auch unvernünftig, sich keine Sorgen zu machen."

Er zeigte sich als einer, der die Flüchtlingspolitik der rot-schwarzen Koalition nicht gutheißen konnte und erwärmte damit die Herzen derer, die Faymanns Volte, die Obergrenze, die Notstandsgesetzgebung, all diese mit schneidender Rhetorik durchgekämpften Gesetzesverschärfungen, nicht mitragen wollten. Er verstehe die Ängste der Bevölkerung, sagte Van der Bellen, aber in zwei Dritteln aller Gemeinden gebe es Flüchtlingsunterkünfte, und die allermeisten funktionierten doch sehr gut. Die Debatte führe Populisten zu Erfolgen, so der Professor. Er wollte so einer nicht sein.

Van der Bellen verfolgt Projekte, die dem Zeitgeist zuwiderlaufen

Als Präsident will Überraschungssieger Alexander Van der Bellen lauter Projekte verfolgen, die dem Zeitgeist zuwiderlaufen: Er will an den Vereinigten Staaten von Europa bauen, er will die Religionen versöhnen, er findet, dass Homosexuelle Kinder adoptieren dürfen sollten, er plädiert für eine bedarfsorientierte Mindestsicherung für alle Österreicher.

Aber erst einmal will er sich zurückhalten und zurücknehmen nach einem Wahlkampf, der Wunden geschlagen, das Land gespalten und die Frage nach dem Amtsverständnis eines Staatsoberhaupts neu gestellt hat. Ruhe reinbringen will er ins Land, nachdem mit einem neuen Kanzler nun schon die Koalition aus der größten Krise heraus ist, fürs Erste jedenfalls. "Traditionell" wolle er sein Amt anlegen, sagt Alexander van der Bellen. Aber vorher darf er sich noch ein bisschen freuen über seinen Erfolg. Er hat dem Land womöglich lange Kämpfe und tiefe Gräben erspart.

© SZ.de/mmm/gba
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