Van der Bellen Van der Bellen - der Anti-Populist

Alexander Van der Bellen bei seiner ersten Rede nach Verkündigung des Wahlergebnisses.

(Foto: dpa)

Es ist eine Sensation, dass Van der Bellen gegen den FPÖ-Mann Hofer gewonnen hat. Österreichs Mitte atmet auf. Der Grünen-Politiker hat dem Land lange Kämpfe erspart - fürs Erste.

Von Cathrin Kahlweit, Wien

Sie haben es alle nicht geglaubt, keiner hat es geglaubt. Wahnsinn. Dass es "der Sascha" überhaupt in die Stichwahl schaffen würde, damals im April, okay, das hatten die meisten seiner Anhänger zu hoffen gewagt. Zu abgehalftert die große Koalition, zu unzufrieden die Menschen, so groß die Sehnsucht nach etwas Neuem, irgendetwas Neuem.

Aber dass es der 72-jährige Alexander Van der Bellen, den man anfangs etwas zum Jagen tragen musste, weil er es sich schon ziemlich gemütlich eingerichtet hatte in seiner Bücherstube und seinem Pensionisten-Dasein - dass es der, wider Erwarten, geschafft hat, das ist eine Sensation. Noch dazu mit einem denkbar knappen Ergebnis: Genau 31.026 Stimmen Vorsprung hat er auf Norbert Hofer, seinen Konkurrenten von der FPÖ. Dieser lag am Sonntagabend noch mit 144.006 Stimmen vorn, die Stimmen der Briefwähler brachten das Ergebnis am Montag schließlich noch zum Kippen.

Es hatte bei Van der Bellens Unterstützern im linken und liberalen Lager als ausgemacht gegolten, dass man zumindest möglichst viel herausholen müsse im Kampf gegen den Rechtspopulisten Norbert Hofer. Es war eine Frage der Ehre, den Rechten diese Republik nicht kampflos zu überlassen.

Unterstützer-Konzerte, Aufrufe, Flashmobs, Demos, Offene Briefe, Solidaritätskundgebungen, alles war geboten gewesen - und alles, was Rang und Namen hatte in der Kunst- und Kulturszene, war dabei. In den sozialen Netzwerken war getrommelt worden für "VdB"; jeder, der nicht eindeutig dem Lager der FPÖ zugerechnet wurde, hatte seinen Offenbarungseid zu leisten: Was machst du mit deiner Stimme? Gehst du verantwortlich damit um? Politiker der SPÖ und der Neos outeten sich als VdB-Wähler, ganz zuletzt, unter Schmerzen, tat das auch Irmgard Griss.

Nach dem ersten Wahlgang blieb ja nur die ungewöhnlichste aller Konstellationen

Die Juristin war im ersten Wahlgang als unabhängige Kandidatin angetreten und hatte den dritten Platz, knapp hinter Van der Bellen, belegt. Sie zierte sich lange, aber auch sie gab schließlich eine Wahlempfehlung ab. Nur in der ÖVP, wo sich die Parteispitze eine Koalitionsregierung mit der FPÖ im Falle von Neuwahlen offen hält, mochte sich kaum jemand positionieren.

Aber auch so teilte sich die Republik in die, die Alexander Van der Bellen wenn schon nicht für einen zwingend großartigen Bundespräsidenten, dann aber in jedem Fall für die bessere Wahl hielten. Schließlich galt es, Hofer zu verhindern. Nachdem die Kandidaten von SPÖ und ÖVP im ersten Wahlgang untergegangen waren, blieb nun mal nur diese ungewöhnlichste aller Konstellationen: ein Grüner, der sich unabhängig nennt, und ein Blauer, der sich als politische Mitte bezeichnet.

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Unter Optimisten im Lager von Alexander Van der Bellen hieß es bis zuletzt, es würde im besten Falle knapp. Aber Norbert Hofer, der Kandidat der Wutbürger, des Anti-Establishments, der schon im ersten Wahlgang überraschende 35 Prozent der Stimmen geholt hatte, werde wahrscheinlich als erster durchs Ziel gehen, weil die Stimmung und die Weltlage auf seiner Seite sind. Und weil diese Republik eben doch einen Hang zu starken Männern und einfachen Lösungen habe. Soweit die Theorie. Dass Van der Bellen, emeritierter Volkswirtschaftler, langjähriger Sprecher der grünen Partei, ein freundlicher Vorzeige-Intellektueller, der lieber einmal zu viel nachdenkt als einmal zu schnell antwortet - der neue Bundespräsident wird, das ist? Genau. Wahnsinn.