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Bundespräsident besucht Utøya:Ort der Hoffnung

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Vor zehn Jahren erschoss ein Rechtsextremist auf Utøya 69 meist junge Menschen. Heute kommen jährlich Tausende zu Demokratie-Workshops auf die norwegische Insel - eine Antwort auf den Terror, wie man sie sich nur wünschen kann, findet Steinmeier.

Von Robert Roßmann, Utøya

Es ist eiskalt an diesem Morgen, Nebel hängt über dem Fjord. Auf der kleinen Fähre nach Utøya stehen die Menschen ungeschützt im Wind, alle frösteln. Das ist ziemlich unangenehm, aber irgendwie auch passend. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist am Freitag auf die norwegische Insel gekommen, um der Opfer des Massakers von vor zehn Jahren zu gedenken. Auf Utøya hat ein Rechtsextremist 69 Menschen erschossen, die an einem Sommercamp der norwegischen Jungsozialisten teilgenommen hatten. Es war eine mörderische Hetzjagd, die Erinnerung daran lässt einem auch heute noch das Blut in den Adern gefrieren. In der Gedenkstätte auf Utøya kann man SMS-Dialoge zwischen verzweifelten Jugendlichen und ihren Eltern nachlesen, die abrupt enden. Weil das Kind erschossen wurde.

Steinmeier wird bei seinem Besuch vom norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre begleitet. Der Sozialdemokrat hat gerade zwei Überlebende des Massakers in sein Kabinett berufen. Steinmeier und Støre sind seit ihrer gemeinsamen Zeit als Außenminister befreundet - und beide treibt die Frage um, wie Demokratien am besten auf Anschläge wie den von Utøya reagieren sollten.

Am Donnerstagabend haben sich die beiden bereits in Støres Amtssitz in Oslo getroffen. Die norwegische Gesellschaft sei "über die tragischen Ereignisse des Attentats von Utøya nicht auseinandergefallen, sondern hat umso fester zusammengestanden", sagt Steinmeier anschließend. Das sei genau die Reaktion, die man sich wünschen müsse: "Dass wir gerade in solchen Situationen, nach solchen Attacken und Attentaten, enger zusammenrücken und gemeinsam eintreten für Demokratie und eine offene Gesellschaft."

Später sagt der Bundespräsident auch noch, er bewundere die Kraft, mit der die Norweger dem Hass und der Gewalt trotzen würden. Sie würden nicht zulassen, "dass der Terror unsere Werte der Demokratie, der Freiheit und der Solidarität verwundet".

"Einer der kraftvollsten Orte hier in unserem Land", sagt Norwegens Ministerpräsident

Am Freitagmorgen, als Steinmeier und Støre auf Utøya angekommen sind, besichtigen sie auch die ehemalige Cafeteria des Jugendcamps, die in die neue Gedenkstätte integriert wurde. An den Wänden sind Einschusslöcher. Allein hier tötete der Rechtsterrorist 13 Jugendliche. Ein Überlebender berichtet, wie er es damals mit Glück geschafft habe davonzukommen, während Freunde starben. Und er erzählt, dass die Gedenkstätte auch ein wichtiger Ort der Demokratieerziehung geworden sei. Ein Ort, an dem man lerne, sich auseinanderzusetzen und für Toleranz, Demokratie und Freiheit einzustehen.

Utøya sei "einer der kraftvollsten Orte hier in unserem Land, eine Werkstatt für Demokratie und die Jugend", sagt der norwegische Ministerpräsident. Utøya sei ein Ort der Trauer, aber er sei "inzwischen auch ein Ort der Hoffnung", findet Steinmeier. Ihn beeindrucke, dass jedes Jahr viele Tausend Jugendliche an diesen Ort kämen, um an den Workshops teilzunehmen. Das sei "wirklich bewegend".

In der Gedenkstätte gibt es auch ein großes Buch, in dem alle Opfer des Massakers vorgestellt werden. In Norwegen wollen sie nicht den Fehler machen, dem Täter die Bühne zu bereiten. Sie wollen die Toten in Erinnerung halten. Der Jüngste im Buch der Opfer ist Johannes Buø. Er war 14, als der Terrorist ihm das Leben nahm. An diesem Freitag wäre er 25 Jahre alt geworden.

Nach dem Besuch auf Utøya fährt der Bundespräsident zurück nach Oslo, unter anderem für eine Podiumsdiskussion zum Thema "Wehrhafte Demokratie". Steinmeier hat Gäste mitgebracht, zum Beispiel Anastassia Pletoukhina. Sie war vor zwei Jahren in Halle in der Synagoge, als ein Rechtsextremist mit Waffengewalt in das Gebäude eindringen und die dort Versammelten töten wollte. Die Podiumsdiskussion findet in der Aula der Universität statt. Es ist ein besonderer Ort: Dort war Willy Brandt vor 50 Jahren mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden.

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