Merkel und Macron Zwei gegen Trump

Trumps Stil darf nicht der Stil Europas werden. Merkel hat in Washington die Chance, den Fehler Macrons von seinem letzten Besuch zu korrigieren.

(Foto: REUTERS)

Zwischen Merkel und Macron bahnt sich eine Rivalität um die Führungsrolle in der EU an. Im Umgang mit dem US-Präsidenten sollten sie sich aber schnell einig werden - sonst schwächt das Europa.

Kommentar von Stefan Kornelius

Als Donald Trump seinen ersten Staatsbesuch in China absolvierte, umschmeichelte ihn Gastgeber Xi Jinping mit Freundlichkeiten und einem pompösen Zeremoniell. Der Gast aus Amerika geriet geradezu aus dem Häuschen in Lob und Liebe für den neugefundenen Freund. Einen Tag später, auf einem der asiatischen Gipfeltreffen, holte Trump zum großen Hieb gegen China und dessen protektionistische Handelspolitik aus. Der Widerspruch zwischen Form und Inhalt zerstörte jede Glaubwürdigkeit.

Der französische Präsident Emmanuel Macron hat sich in Washington ähnlich verhalten. Erst Ringelpiez mit Anfassen bei Donald Trump, dann die rhetorische Keule gegen dessen Politik im Kongress. Was gilt nun? Und was verspricht sich Macron von dieser Taktik?

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Die Fragen sind auch deswegen wichtig, weil nach Macron die deutsche Bundeskanzlerin in Washington eintreffen wird. Natürlich sind die Besuche abgestimmt, natürlich verfolgen Merkel und Macron das gleiche Ziel - kein Handelskrieg, Bewahrung des Iran-Nuklearabkommens, eine einheitliche Linie in Syrien und gegenüber Russland. Nun hat die Angelegenheit aber eine zusätzliche Bedeutung gefunden, weil Macron eine Sonderrolle Frankreichs mit den USA heraufdämmern sieht, und weil sich in der Frage von Umgang und Stil auch entscheidet, wer hier welches Europa vertritt. Um es zuzuspitzen: Zwischen Merkel und Macron könnte sich eine Rivalität um die Führungsrolle in der EU anbahnen, die Europa nicht stärkt, sondern schwächt.

Schon einmal hat ein europäischer Regierungschef für seine vermeintliche Sonderrolle in den USA einen hohen Preis bezahlt. Tony Blair wollte George W. Bush in seinen Irak-Abenteuern zunächst einfangen, scheiterte dann aber und marschierte mit - auch um die special relationship zu bewahren. Zum Dank bekam er den Ehrentitel Bushs Pudel verliehen.

Macrons Körpertänze um Trump muten im Licht dieser Erfahrung schon grotesk gekünstelt an, die Kuss-Szene zwischen den beiden Präsidenten war dem Mann-Mann Trump eine Sekunde später schon wieder peinlich. Den Zuschauern allemal. Was also will der französische Präsident bezwecken, wenn er sich dem Niveau Trumps fügt und unter hohem Körpereinsatz Beziehungstheater spielt? Offenbar hat der Psychologe in Macron erkannt, dass man den US-Präsidenten zu Entscheidungen verführen kann. Der Narzisst muss sich stets überlegen fühlen, er braucht die Unterwerfungsgeste, alles Handeln dient nur der Darstellung der eigenen Größe. Kaum etwas lässt einen Präsidenten größer erscheinen, als wenn ein anderer Präsident ihn umgarnt.

Überhaupt ist im Umgang mit Trump viel Küchenpsychologie im Spiel. Der Präsident liebt das Drama. Macrons resignative Andeutungen über das Ende des Nuklearabkommens gehören genauso zum Spiel mit Erwartungen wie die pessimistischen Aussagen aus der Merkel-Entourage über die Unvermeidbarkeit des Handelskriegs. Ausgemacht ist das alles nicht, aber wer heute das Publikum an die Weltuntergangsszenarien gewöhnt, wird morgen umso mehr gefeiert, wenn der Planet sich doch weiterdreht. "Game of blink" heißt die Technik auf Englisch - ein Spiel mit Antäuschen, die taktische Irreleitung.

Schlimm genug, dass die Beziehungen zu den USA zu einem Geschäft der Unberechenbarkeit und der Launen verkommen sind. Trump richtet seinen größten Schaden auf der Welt an, weil er sein Land als glaubwürdigen und verlässlichen Akteur aus dem Spiel genommen hat. Ohne Amerikas Gewicht an seiner Seite wird aber auch Europas Einfluss schwächer werden. Und die Schwäche wird potenziert, je weniger geschlossen dieses Europa auftritt.

Deswegen ist die Washingtoner Reisewoche auch ein wichtiger Gradmesser für die Kraft der europäischen Stimme. Da tut sich ein neues Problem auf: Wer eigentlich spricht für Europa? Angela Merkel war viele Jahre lang unbestritten die politische Führungsfigur in der EU. Diese Rolle hat sie sich hart erarbeitet, sie fiel ihr aber auch dank französischer Schwäche und britischer Selbstbefassung zu. Nun ist Emmanuel Macron mit Kraft auf die Bühne getreten, und gerade ein Donald Trump könnte versucht sein, eine Rivalität der beiden zu konstruieren.

Die Begegnungen mit Trump werden am Ende zeigen, welch unterschiedliche Naturelle Macron und Merkel sind. Das muss kein Nachteil sein. Merkels Führungsrolle wird ohnehin nachlassen, je näher das Ende ihrer Amtszeit kommt. Sie sollte und wird uneitel genug sein, um Macron einen Platz einzuräumen.

Freilich gibt es einen gravierenden Unterschied, der in diesen körperbetonten Zeiten wichtig ist: Wer Trumps politisches Spiel imitiert, der wird von ihm geschlagen werden. An Eitelkeit ist der Mann nicht zu übertreffen. Wohl aber an Sachlichkeit und Verlässlichkeit. Trumps Stil darf deshalb nicht der Stil Europas werden. Merkel hat jetzt die Chance, den Fehler Macrons zu korrigieren.

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