USA:Umstrittenes Fingerzeichen

A happy young man is displaying an ok sign with his fingers,model released, Symbolfoto PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY I

OK oder WP? An dieser Fingergeste entzündet sich der Streit.

(Foto: imago; Collage Jessy Asmus)

Cory Palka galt als vorbildlicher Police-Officer. Dann machte er bei einer Protestkundgebung ein Fingerzeichen - und erntete Kritik. Der Fall zeigt, wie rechte Netzwerke alltägliche Gesten für sich beanspruchen.

Von Felix Haselsteiner

Die Geste, die Police Commander Cory Palkas Gesinnung in Frage stellt, ist nur für den Bruchteil einer Sekunde zu sehen. Dabei galt seine Gesinnung bislang als vorbildlich: Mit einigen Kollegen hatte Palka auf dem Sunset Boulevard gekniet, gemeinsam mit dem Demonstranten, die dort friedlich protestierten gegen den Mord an George Floyd, der in Minneapolis von einem Polizisten getötet worden war. Auf der ganzen Welt gingen seither Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt auf die Straße. Und nun schloss sich Commander Palka auf dem Sunset Boulevard den Protesten an, in Uniform. Das Foto des protestierenden Officers war in der LA Times ebenso zu sehen wie in der Saarbrücker Zeitung.

Nach dem Kniefall aber gab Palka einem lokalen Fernsehsender ein Interview - und da passierte es: Er schüttelte dem Fragesteller die Hand, machte einen Schritt zurück und als er schon fast nicht mehr im Bild war, hob er die linke Hand, legte die Spitze des Zeigefingers an die des Daumens und streckte die übrigen drei Finger voneinander ab. Palka zeigte das sogenannte OK-Zeichen in die Kamera. Es ist das Zeichen, mit dem sich Taucher unter Wasser versichern, das alles in Ordnung ist. Gleichzeitig ist es allerdings eines der Erkennungszeichen für die White-Power- oder auch White-Supremacy-Bewegung geworden, die in der internationalen Neonaziszene verankert ist. Allein auf Twitter wurde das Video mit Palka 240 000 Mal angesehen. Und in den unzähligen Kommentaren wird deutlich: Viele Nutzer fanden seine Geste nicht OK.

Nach dem Tod von George Floyd - Santa Monica

Los Angeles: Commander Cory Palka (rechts) gibt während eines Protests einem Aktivisten die Hand.

(Foto: dpa)

Das Fingerzeichen ist inzwischen offenbar mit einer zusätzlichen Bedeutung aufgeladen worden, unbemerkt vom Großteil derer, die es täglich verwenden. Genauso wie man aus der Geste die Buchstaben O und K rauslesen kann, lassen sich in ihr auch die Buchstaben W und P erkennen. Das W wird aus den drei abgespreizten Fingern gebildet, steht dann für "White". Das P bildet sich aus Zeigefinger und Daumen in Verbindung mit dem Unterarm, es steht dann für "Power". White Supremacy ist keine Erfindung der vergangenen Jahre, sondern eine Bewegung, die sich in der Post-Vietnam-Zeit der 1970er-Jahre bildete. Die Art und Weise, wie dem OK-Zeichen eine völlig neue, rassistische Bedeutung hinzugefügt wurde, zeigt jedoch, wie White Supremacy heute geschickt Soziale Medien nutzt und wie gezielt sie aus dem Hintergund heraus operiert.

Die Ursprünge der neuen Gesten-Bedeutung finden sich in den dunklen Ecken des Internets. Die Verwendung des OK-Zeichens ist laut der Anti-Defamation League (ADL), einer Menschenrechtsorganisation, die sich in ihrer Forschung mit Hass-Symbolen befasst, auf einen sogenannten Hoax auf dem Portal 4chan zurückzuführen. Ein Hoax ist eine gesteuerte Scherzkampagne, die von Nutzern des Portals initiiert wird. In der Regel mit dem Ziel, auf anderen, weniger anonymen sozialen Plattformen, das Gedankengut der neuen Rechten weiterzuverbreiten - mithilfe von ganz normalen Gesten, Zeichen und Emojis. Aus der Online-Welt sollen sich dann Zeichen auch in der Offline-Welt etablieren. Sie sollen zu Erkennungs- und Identifikationsmöglichkeiten für Rassisten und Rechtsextreme werden - und im Nebeneffekt die normale Bevölkerung verunsichern und terrorisieren.

Das funktioniert besonders gut, wenn die Gesten so unscheinbar sind, dass sie die rechts-rassistischen Ideologien verschleiern. Anders als etwa beim Hitlergruß, der kaum Interpretationsspielraum über die Gesinnung desjenigen zulässt, der ihn zeigt, sollen die Zeichen bewusst unklar sein. So wollten Nutzer des Portals neben dem OK-Zeichen auch etablieren, dass Klatschen eine anti-feministische Bedeutung bekommt oder das Emoji eines Eisbären für die weiße Rasse stehen solle. Damit scheiterten sie. Im Falle des OK-Zeichens jedoch schaffte es der Hoax bis in die Offline-Welt.

Ein 4channer, der aufgrund der undurchschaubaren und schwer nachvollziehbaren Struktur des Netzwerks komplett anonym bleiben konnte, schrieb 2017 in einem Thread, man müsse "Twitter und andere soziale Medien fluten (...) und einfordern, dass das OK-Handzeichen ein Symbol der White Supremacy ist". Über eine Vielzahl von Accounts auf verschiedensten Plattformen verbreiteten die Initiatoren ihre Nachricht, die es schlussendlich aus den digitalen Abgründen in die reale Welt schaffte.

Die damals verwendeten Hashtags #PowerHandPrivilege und #NotOkay finden sich auch heute noch auf 4chan - das OK-Zeichen aber auch in der Offline-Welt: Einerseits nutzen es Extremisten wie der Attentäter von Christchurch, der in seiner ersten Gerichtsanhörung am Tag nach dem Anschlag das OK-Zeichen für alle Welt sichtbar in die Kameras hielt. Andererseits verwenden auch Leute aus dem rechten Spektrum diese Geste, die niemals einen Hitler-Gruß zeigen würden und Netzwerke wie 4chan meiden - die aber offen dafür sind, ihre Weltanschauung durch unscheinbare Zeichen wie die OK-Geste zur Schau zu stellen. Dass sie damit Teil einer digitalen Kampagne von radikalen Rassisten werden, ist ihnen oft nicht bewusst.

Im Kontext der derzeitigen Proteste taucht das OK-Zeichen nun in genau solchen Fällen auf - und es wird deutlich, wie groß der Interpretationsspielraum ist. Auf Twitter allein findet man eine Vielzahl von Videos, etwa das eines weißen Mannes, der in eine CNN-Fernsehschalte läuft und die Fingergeste zeigt oder auch das einer Gruppe weißer Männer, die im Hintergrund eines Protestmarsches in New York City stehen, beobachten und schließlich das Zeichen gegenüber der Kamera zeigen. Ob sie damit ihre rassistische Gesinnung zeigen oder einfach nur "OK" sagen wollen, ist schlichtweg nicht nachzuweisen. Stattdessen kann sich jeder, der das Video sieht, seine eigene Meinung bilden - das spaltet weiter und schürt den Hass unter den beteiligten Gruppen.

Es gibt bereits Fälle, in denen das Zeigen der OK-Geste handfeste Folgen hatte: 2018 wurden im US-Bundesstaat Alabama vier Polizisten suspendiert, weil sie auf einem Foto die Finger zum OK krümmten. Ein Polizist des New York Police Department zeigte das Zeichen während eines Einsatzes bei den Protesten am Union Square in Manhattan in eine filmende Kamera. Das Video verbreitete sich, erst auf Instagram und Twitter, dann auch beim Fernsehender NBC - mittlerweile geht die New Yorker Staatsanwaltschaft dem Fall nach, auch eine interne Untersuchung gegen den namentlich nicht bekannten Polizisten wurde eingeleitet.

Wie schwierig die Beurteilung des Zeichens ist, zeigt sich deutlich im Fall von Commander Cory Palka in Los Angeles. Gegen ihn sind zwar keine offiziellen Schritte eingeleitet worden. Aber angesichts des öffentlichen Aufruhrs im Zusammenhang mit dem Video muss er sich dennoch verteidigen. Der SZ sagt Palka: Er habe mit der Geste "lediglich dem Kameramann zum Abschied winken" wollen. Die rassistische Interpretation des OK-Zeichens sei ihm nicht geläufig, vielmehr verwende er es als Emoji auf seinem Handy. Er distanziere sich "von allen Gruppen, die Hass verbreiten", stellt Palka klar. Und doch sind er und das Video seines Interviews mit einem lokalen Fernsehsender zu einem Spielball der neuen Rechten geworden - wegen einer kleinen, unscheinbaren Geste.

© SZ.de/ghe/jsa
Zur SZ-Startseite
LR police brutality teaser

SZ Plus20 aus 2020USA
:Der Tod kommt in Uniform

In den USA sterben durchschnittlich zwei Menschen am Tag durch die Hand eines Polizisten - viele sind wie George Floyd schwarz und unbewaffnet. Wie schlechte Ausbildung und Rassismus Polizeigewalt fördern.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB