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Zwischenwahlen in den USA:Allianz der Anti-Trumpisten

Beto O'Rourke

Beto O'Rourke ist zu einem landesweiten Star der Demokraten aufgestiegen.

(Foto: dpa)

Die Demokraten sind breit aufgestellt, um bei den "midterms" mindestens eine der beiden Kongresskammern zurückzuerobern. Eine Typologie der Kandidaten.

Die Demokraten haben sich viel vorgenommen für die Kongresswahlen am Dienstag, die sogenannten Zwischenwahlen, die genau zwischen zwei Präsidentschaftswahlen fallen. Sie wollen zumindest eine der beiden Kammern im Kongress zurückerobern, dazu wichtige Gouverneursposten in den Bundesstaaten. Das Land aber ist zutiefst gespalten. Und das nicht allein zwischen Republikanern und Demokraten. Manche Regionen sind progressiv, andere zutiefst konservativ, woanders spielen Rassefragen ein wichtige Rolle, in anderen Gegenden kaum.

Während die Republikaner fast ausschließlich auf Kandidaten setzen, die eingeschworene Gefolgsleute von Präsident Donald Trump sind, waren die Demokraten bei ihrer Auswahl sehr viel pragmatischer. Aufgestellt wurde zumeist, wer in dem jeweiligen Wahlkreis die besten Chancen gegen die Trumpisten hat. Hier eine kleine Typologie der Kandidaten:

Trumps Kandidaten

Es ist nicht von der Hand zu weisen: Unter den Anhängern der Grand Old Party sind mehr als 80 Prozent fest davon überzeugt, dass Trump der richtige Mann am richtigen Ort ist. Seine Zustimmungswerte sind rekordverdächtig. Da hatten es in den Vorwahlen alle Kandidaten schwer, die sich erlaubt hatten, Trump zumindest ein wenig kritisch zu sehen. In der Regel waren sie chancenlos. Herausgekommen ist ein stramm konservatives und Trump überaus wohlgesinntes Kandidatenfeld.

In North Dakota etwa macht Kevin Cramer auf dem Trump-Ticket der Amtsinhaberin und Demokratin Heidi Heitkamp den Senatsposten streitig. In einem Wahlvideo schickt er seine hochschwangere Tochter Annie vor, die darin Abtreibungen verteufelt und die eher liberale Linie von Heitkamp geißelt. Annies Schwester streicht ihr dabei sanft über den runden Bauch. Bilder von Cramer und Trump zieren seine Web-Page. Die Kampagne funktioniert. In Umfragen führt Cramer deutlich vor der Demokratin Heitkamp.

Heidi Heitkamp, Kevin Cramer

Die Demokratin Senatorin Heidi Heitkamp und ihr republikanischer Herausforderer Kevin Cramer.

(Foto: AP)

Die Frauen

Dabei ist 2018 das Wahljahr der Frauen in den USA. 22 Frauen kandidieren für Senatsposten, 235 für das Repräsentantenhaus. Sogar die Zahl der Rennen, in denen Frauen gegen Frauen antreten, ist mit 33 so hoch wie nie. Das hat mit dem Mann im Weißen Haus zu tun, den viele für frauenverachtend halten - weshalb es auch deutlich mehr Frauen gibt, die für die Demokraten antreten als für die Republikaner.

Als eine der prominentesten Frauen gilt Stacey Abrams, die im US-Bundesstaat Georgia gute Chancen hat, Gouverneurin zu werden. Sie ist die erste Afro-Amerikanerin, die es geschafft hat, von einer der beiden großen Parteien als Kandidatin für einen Gouverneursposten aufgestellt zu werden. Sie gehört wie viele Kandidatinnen der Demokraten dem gemäßigt linken Flügel der Partei an.

Stacey Abrams

Stacey Abrams gehört zum gemäßigten linken Flügel der Demokraten.

(Foto: AP)

Die Moderaten

Sie stellen die stärkste Gruppe innerhalb der Demokraten und zählen zum sogenannten Partei-Establishment. Wirtschaftsfreundlich bis kapitalistisch, offen für Immigration mit klaren Regeln. Für sichere Grenzen. Für ein starkes Militär. Für eine bezahlbare Krankenversicherung für alle.

Allerdings haben die Moderaten 2016 eine herbe Niederlage einstecken müssen. Ihre Kandidatin Hillary Clinton hat gegen den einen Kandidaten verloren, gegen den eine Niederlage eigentlich nicht möglich schien: Donald Trump. Inzwischen setzt sich auch unter manchen Demokraten der Gedanke durch, dass Clinton vielleicht die falsche Kandidatin war. Und dass die Moderaten neue Gesichter brauchen.

Für sie steht Kyrsten Sinema, bisher Abgeordnete im Repräsentantenhaus, die jetzt Senatorin für ihren Bundesstaat Arizona werden will. Sinema könnte die erste Demokratin werden, die seit mehr als zehn Jahren eine landesweite Wahl in Arizona gewinnt. Ihre Kontrahentin Martha McSally, früher Trump-kritisch, setzt jetzt voll auf ihn. Aber das scheint in Arizona nicht zu funktionieren. Sinema führt in Umfragen. Sie könnte den moderaten Demokraten die Hoffnung geben, dass ihre Positionen mehr Aussicht auf Erfolg versprechen, als sich ganz links zu positionieren.

Arizona Senate Candidates Attend Arizona State Football Game

Kyrsten Sinema bei einem College-Football-Spiel zwischen Arizona State und Utah.

(Foto: AFP)

Die Progressiven

Die Wahl ist für die Demokraten auch eine innerparteiliche Abstimmung über den richtigen Weg. Manche sprechen gar von einem "Bürgerkrieg" innerhalb der Partei - Sozialisten gegen Moderate. Die Sozialisten wollen etwa einen radikalen Umbau des überteuerten und ungerechten Gesundheitssystems. Sie fordern eine Krankenversicherung für alle, außerdem höhere Steuern für Reiche und einen deutlich höheren Mindestlohn.

Die wichtigste Vertreterin der Progessiven ist Alexandria Ocasio-Cortez. Die 28-Jährige hat im Norden von New York überraschend die Vorwahlen gegen den demokratischen Abgeordneten Joe Crowley gewonnen, der den Bezirk seit 20 Jahren vertritt. Er ist ein Mann des Partei-Establishments, den manche als möglichen Nachfolger der Chefin der Demokraten im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, gesehen hatten. Das ein Amtsinhaber in Vorwahlen unterliegt ist ein seltenes Ereignis. Ihr Wahlsieg hat Ocasio-Cortez über Nacht zu einem politischen Star gemacht. Politisch liegt sie auf der Linie ihres Mentors und früheren Arbeitgebers Bernie Sanders, der in den Vorwahlen zur Präsidentschaftskandidatur 2016 Hillary Clinton unterlag. Der Wahlkreis von Ocasio-Cortez gilt als sichere Bank für die Demokraten.

Alexandria Ocasio-Cortez hat sich in den Vorwahlen der Demokraten gegen einen Kandidaten des Partei-Establishments durchgesetzt.

(Foto: AFP)

Die Veteranen

Die Präsidentschaftswahl 2016 hat gezeigt, dass die Demokraten dort am verletzlichsten waren, wo sie ihre alte Stammwählerschaft vermuteten. In den strukturschwachen ländlichen Stahl- und Kohleregionen im Rostgürtel im Nordosten der USA oder in West Virginia konnten die Demokraten die Arbeiter nicht mobilisieren. In solchen Gegenden haben sie jetzt mehrere Ex-Soldaten aufgestellt. In sieben Wahlbezirken für das Repräsentantenhaus liefern sie sich Kopf-an-Kopf-Rennen mit Republikanern.

Unter Arbeitern genießen die ehemaligen Kämpfer besonders Ansehen. Sie könnten sich mit deren Problemen oft identifizieren, sagt etwa Patrick Murray, Direktor des Meinungsforschungsinstitutes der Monmouth University in New Jersey. Arbeiter und Soldaten hätten eine Art innere Verbindung. Der biographische Hintergrund lässt für viele Wähler die parteipolitische Zugehörigkeit in den Hintergrund rücken, sagt Murray. Weshalb sich ein traditionell republikanischer Wähler unter Umständen vorstellen kann, einen Demokraten zu wählen.

Richard Ojeda ist Paradebeispiel eines solchen "Fighting Democrat". Der Ex-Marine tritt in West Virginia in einer der ärmsten Regionen der USA an. Irokesenschnitt, mit Tattoos übersät, Stiernacken. In den Vorwahlen zur Präsidentschaftswahl 2016 hat er Bernie Sanders unterstützt. Später aber Trump gewählt, weil der versprochen hat, sich für die Kohlearbeiter einzusetzen. Heute bereut er das. Er ist für die Legalisierung von Marihuana und für die Verschärfung der Waffengesetze. Die Anerkennung der Partei musste er sich erst erkämpfen. Lange hat er vergeblich auf Unterstützung aus Washington gewartet. Jetzt fließt das Geld für seinen Wahlkampf.

Ein Ex-Soldat für schärfere Waffengesetze: Richard Ojeda.

(Foto: AFP)

Die Konservativen

Ein rotes Band reicht auf der US-Karte vom nördlichsten Zipfel Idahos bis in den Südosten von Georgia. Entlang säumen sich Staaten Nebraska oder Arkansas, in denen die Republikaner mindestens vier Wahlperioden nacheinander gewonnen haben. Für die Demokraten sind die Staaten oft politisches Niemandsland. Oft genug findet sich nicht mal mehr ein Kandidat, der bereit ist, einen teuren und nervenaufreibenden Wahlkampf zu führen, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in einer herben Niederlage mündet. Woran die Menschen hier mehrheitlich glauben: die Bibel, das Abtreibungsverbot und Waffen.

Das wird sich auch 2018 nicht vollständig ändern. Diesmal aber haben die Demokraten es geschafft, Kandidaten aufzustellen, die den republikanischen Kontrahenten das Leben schwer machen. Und zwar weil sie mindestens genauso konservativ sind. Aber irgendwie frischer, jünger, anders.

Einer ist der 34 Jahre alte Billie Sutton, er will in South Dakota Gouverneur werden. Sutton, ein ehemaliger Rodeostar, sitzt aber seit einem Unfall vor gut zehn Jahren im Rollstuhl. Politisch ist Sutton so gar nicht auf Parteilinie, gegen Abtreibung, gegen neue Waffengesetze, gegen Steuererhöhungen. Er hat sogar einen Republikaner als "running mate" ausgewählt, der sein Stellvertreter als Gouverneur werden soll.

Das macht ihn für jene Leute wählbar, die von dem Schauspiel genug haben, dass die Republikaner vor Ort über die vergangenen Wochen abgeliefert haben. Völlig zerstritten haben sie Kristi Noem aufgestellt, die sich in einem unerbittlichen Vorwahlkampf gegen den langjährigen Justizminister Marty Jackley durchgesetzt hat. Viele Jackley-Anhänger haben schon signalisiert, zu Sutton überzulaufen. In Umfragen wird das Rennen Sutton gegen Noem als eng bezeichnet. Das an sich ist schon eine Sensation. Normalerweise verlieren hier Demokraten mit 20 Prozentpunkten Abstand. Das rote Band hätte plötzlich einen blauen Flecken.

Kristi Noem, Billie Sutton

Kristi Noem, Billie Sutton FILE - This combination of file photos shows South Dakota gubernatorial candidates in the November 2018 election from left, incumbent Republican U.S. Rep. Kristi Noem and Democrat Bille Sutton. (AP Photo/File)

(Foto: AP)

Die Jungen

Für die Demokraten wäre alles deutlich leichter, würden die Millennials am 6. November in großer Zahl wählen gehen - also alle von den Erstwählern bis hin zu Erwachsenen Ende dreißig. Die Gruppe der Millennials in den USA ist mit 71 Millionen Menschen fast so groß wie die der Babyboomer. Mehrheitlich neigen sie den Demokraten zu. Zwar wollen 55 Prozent von ihnen einer jüngsten Umfrage zufolge zur Wahl gehen. Sicher aber ist das nicht. Die Parteienbindung in dieser Altersgruppe ist deutlich geringer als in anderen Altersgruppen. Viele haben sich von der Politik abgewendet, zeigen sich eher desinteressiert. Fast die Hälfte von ihnen sagt, dass diese Zwischenwahlen auch nicht bedeutender seien, als die vergangenen. Und schon in der Vergangenheit waren die Millennials nur schwer zu mobilisieren.

Etwa 20 demokratische Millennials treten in heiß umkämpften Wahlbezirken gegen alteingesessene Republikaner an. Einer ist Colin Allred, 35 Jahre alt, schwarz, ehemaliger Profi-Football-Spieler. Er will im 32. Kongress-Wahlbezirk in Texas gewinnen. Allred hatte auf einer Veranstaltung mit Altersgenossen seine Botschaft an die jungen Parteifreunde: "Die Leute glauben, Millennials denken nur in Tweets und beschweren sich ansonsten nur. Aber ihr seid der lebende Beweis, dass das nicht wahr ist."

Sein Gegner ist der Abgeordnete Pete Sessions, 63 Jahre alt, weiß, seit 15 Jahren im Amt. Die Chancen von Allred stehen gerade 50 zu 50. Die Gegend wird seit Jahrzehnten von Republikanern dominiert. Ausgerechnet 2016 hat sich das geändert. Im 32. Bezirk lag nach der Präsidentschaftswahl nicht Donald Trump, sondern Hillary Clinton knapp vorne.

Colin Allred war mal Football-Spieler in der NFL und tritt jetzt für die Demokraten in Texas an.

(Foto: AP)

Die Charismatischen

Seitdem Barack Obama das Weiße Haus verlassen hat, haben die Demokraten ein Problem: Es fehlt ihnen an charismatischen Führungspersönlichkeiten. Traditionell sind die Chefs der Demokraten im Senat und im Repräsentantenhaus die obersten Demokraten, wenn sie nicht den Präsidenten stellen. Aber Chuck Schumer, der den Demokraten im Senat vorsteht, hält seine Reden, als würde er seinem Publikum das Telefonverzeichnis des Kongresses vorlesen, so einschläfernd ist das. Und seine Kollegin Nancy Pelosi, mit 78 Jahren gute zehn Jahre älter noch als Schumer, sprüht auch nicht mehr gerade vor Energie und Tatkraft.

Einer, der da vielleicht Abhilfe schaffen könnte, wäre Beto O'Rourke, der in Texas versucht, einen der beiden Senatorenposten für die Demokraten zu erkämpfen. Allein dadurch ist er schon jetzt zu einem landesweiten Star aufgestiegen.

Mit 46 ist er alt genug, um nicht als unerfahren abgestempelt werden zu können. Außerdem ist er eloquent, agil, smart, schlagfertig, was dazu führt, dass er regelmäßig größere Säle anmieten muss für die vielen Menschen, die ihn sehen wollen. Er wird als neuer Kennedy der Demokraten gehandelt. Und hat es ähnlich wie Obama vor einem Jahrzehnt geschafft, mithilfe einer Graswurzel-Kampagne einen Großteil seines Wahlkampfes zu finanzieren. Sollte er gegen den Amtsinhaber und Republikaner Ted Cruz gewinnen - was möglich, aber nicht unbedingt wahrscheinlich ist -, könnte er sich vermutlich aussuchen, welche Aufgabe er im Senat übernehmen will.

Beto O'Rourke

Mit einer Graswurzel-Kampagne hat Beto O'Rourke den Großteil seines Wahlkampfes finanziert.

(Foto: dpa)
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