Süddeutsche Zeitung

USA:Was die US-Demokraten von Labour lernen können

Die britische Wahl hält ein paar gute Ratschläge für die Auseinandersetzung der amerikanischen Demokraten mit Donald Trump im kommenden Jahr parat.

Der britischen Labour Party ist passiert, was 2016 den Demokraten in den USA zugestoßen ist: Sie haben verloren. Bei Labour war es die "rote Mauer", die brach, weil die Wähler in den alten Arbeiterregionen Englands nicht mehr die angebliche Partei der Arbeiter wählten, sondern den Polithasardeur Boris Johnson. Bei den Demokraten war es vor drei Jahren die "blaue Mauer", die zusammenkrachte. Sie verloren im Rostgürtel, wo früher Amerikas Schwerindustrie Arbeit und Wohlstand brachte. 2016 stimmten die Menschen dort dann lieber für den Angeber und Lügner Donald Trump als für die Demokratin Hillary Clinton, die ihnen erzählte, was für verachtenswerte Hinterwäldler sie sind. In beiden Fällen siegten populistische Egomanen, die von nationaler Größe schwadronierten. "Rule, Britannia" und "America first".

Im Rückblick sind die Ähnlichkeiten zwischen Labour und den Demokraten also unübersehbar. Die wichtigere Frage ist jedoch, was das für die Zukunft bedeutet. Wurde Labour erst jetzt von dem Wählerzorn getroffen, der sich vor drei Jahren bereits über den Demokraten entladen hat? Oder ist das britische Ergebnis ein Menetekel für die Demokraten im Wahljahr 2020, in dem sie Trump schlagen wollen?

Eine Lehre aus der Wahl in Großbritannien ist offensichtlich: Eine Partei sollte nicht mit einem Kandidaten antreten, den die meisten Menschen verabscheuen. Übertragen auf die USA ist das freilich eher ein Warnsignal für Trump, der bei seinen Bürgern in historischem Ausmaß unbeliebt ist. 2016 war Hillary Clinton für die Demokraten politisch ähnlich toxisch wie jetzt Jeremy Corbyn für Labour. Dagegen haben die demokratischen Präsidentschaftsbewerber für 2020 allesamt höhere Sympathiewerte als Trump. Deswegen macht Trump ja einen Angstwahlkampf. Wenn die Wähler ihren Präsidenten schon nicht mögen, sollen sie wenigsten die Demokraten fürchten.

Schon 2018 haben die Demokraten ihren Fehler korrigiert

Doch man kann bei einer Wahl Personen und Programme nicht trennen. Labour und die Demokraten haben auch verloren, weil, um es sehr grob zu sagen, ihre politischen Vorstellungen nicht mit der Lebensrealität oder den Wünschen der Wähler übereinstimmten. Die Demokraten machten, noch einmal grob ausgedrückt, 2016 den Eindruck, als seien ihnen Transgender-Toiletten wichtiger als Arbeitsplätze. Das war bestimmt ungerecht, aber so war es eben.

Diesen Fehler haben die Demokraten allerdings schon bei der Kongresswahl 2018 sehr erfolgreich korrigiert. Sie haben die Mehrheit im Abgeordnetenhaus zurückerobert, weil sie Kandidaten und Kandidatinnen aufstellten, die sich weitgehend herausgehalten haben aus den verbissenen Kulturkämpfen, die das Land zerreißen und von denen Trump profitiert. Pragmatische Mitte-Politiker waren das, denen ein erfolgreicher Kompromiss mehr bedeutet als ideologische Reinheit.

Wenn die Demokraten also Lehren ziehen wollen, dann sollten sie sich vor allem den eigenen Sieg des Jahres 2018 anschauen. Da steckt alles drin, was man für nächstes Jahr wissen muss: Trump ist schlagbar. Doch dazu braucht es einen Kandidaten, der nicht von einem unerreichbaren sozialistischen Paradies träumt, sondern Dinge verspricht, die das tägliche Leben einer Mehrheit der Bürger erleichtern, ohne es völlig umzukrempeln; der nicht alle, die ein weniger fortschrittliches Weltbild haben, für verbohrte Deppen hält. So kompliziert ist das ja eigentlich nicht.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4724030
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 16.12.2019/fie
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.