bedeckt München -2°

US-Demokraten:Ob Biden oder Sanders - es gibt nur einen Weg

Democratic U.S. presidential candidate and former Vice President Joe Biden's Super Tuesday night rally in Los Angeles

In Los Angeles feiert Joe Biden seinen Triumph beim Super Tuesday.

(Foto: REUTERS)

Egal ob mit dem verbindlichen oder dem radikalen Kandidaten: Nur als Einheit wird die Partei eine Chance gegen den Spalter Trump haben.

Kommentar von Christian Zaschke, New York

Joe Bidens spektakuläres Comeback im Kampf um die Nominierung im US-Präsidentschaftswahlkampf könnte der Beginn einer epochalen Auseinandersetzung bei den Demokraten sein. Auf jeden Fall wird es die Partei in den kommenden Wochen auf die Zerreißprobe stellen. Von nun an geht es, wenn vielleicht nicht um die Seele der Partei, so doch um deren grundsätzliche Ausrichtung. Die Demokraten sind tief gespalten, das Dach, unter dem sich gemäßigte und progressive Kräfte versammeln, ist groß, womöglich zu groß. Die linke New Yorker Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez merkte neulich an, in keinem anderen Land wären sie und Joe Biden in derselben Partei. Damit hat sie recht. Zusammengehalten wird die Partei derzeit nur von dem brennenden Wunsch, Donald Trump aus dem Weißen Haus zu jagen. Die gemäßigten Demokraten haben dem linken Flügel nun eine deutliche Botschaft gesandt. Sie lautet: Wir wollen euren Kandidaten Bernie Sanders so wenig, dass wir uns sogar hinter Joe Biden versammeln, obwohl der alles andere als überzeugend aufgetreten ist. Sollte Biden die Nominierung tatsächlich gewinnen, wird entscheidend sein, wie sich der linke Parteiflügel verhält. Wird das Sanders-Lager Biden unterstützen, den Mann, den es derzeit so vehement ablehnt, um das größere Ziel nicht zu gefährden?

Oder wendet es sich ab? Man tritt Biden nicht zu nahe, wenn man feststellt, dass viele Demokraten sich weniger für ihn als vielmehr gegen Sanders entschieden haben. Dessen Vision eines, wie er es ausdrücklich nennt, "demokratischen Sozialismus" verschreckt viele moderate Demokraten, was wohl weniger an Sanders' konkreten politischen Ideen liegt als am Wort "Sozialismus", das in den Ohren vieler Amerikaner wie ein Wort des Teufels klingt. Gegen die Ideen, dass alle Amerikaner eine Krankenversicherung haben sollten und ein Studium nicht zwangsläufig zu massiver Verschuldung führt, ist wirklich nichts zu sagen. Aber die Art, wie der Populist Sanders diese Ideen verpackt, stößt bei vielen Amerikanern auf Ablehnung.

Biden hat den Wählern im Grunde nichts angeboten außer der Feststellung, dass er Vizepräsident von Barack Obama war. Mit diesem doch eher dürftigen Programm tat er sich schwer, Menschen zu mobilisieren, Begeisterung entfachte er nie. Sanders hingegen hat mit seinem Programm eine treue Gefolgschaft um sich gesammelt, besonders unter jungen Wählern erzeugte er Aufbruchsstimmung. Dass die Demokraten sich jetzt dennoch mehrheitlich Joe Biden zuzuwenden scheinen, hat einen einfachen Grund: Es ging im demokratischen Vorwahlkampf nie darum, wer die überzeugendste Kandidatin ist oder der eloquenteste Kandidat; es ging immer darum, wer am ehesten dazu in der Lage ist, Donald Trump zu besiegen.

Biden hatte einen phasenweise schrecklichen Wahlkampf geführt

Sanders aufzustellen, würde bedeuten, Feuer mit Feuer zu bekämpfen. Wie Trump verfügt er über eine leidenschaftliche Basis, wie Trump kann er aggressiv sein und liebt die Attacke, wie Trump hasst er den Kompromiss. Jenseits ihrer Basis schlägt beiden Männern teils radikale Ablehnung entgegen. Biden stellt dazu die langweiligere, aber womöglich von weiteren Teilen der Bevölkerung wählbarere Alternative dar. Das ist vielen Demokraten jetzt offenbar wieder bewusst geworden, und sie scheinen bereit zu sein, dafür über den schrecklichen Wahlkampf hinwegzusehen, den Biden geführt hat.

Nicht nur hatte Biden inhaltlich nichts anzubieten, er verlor sich in seinen Reden immer wieder, er verwechselte Orte und Personen, manchmal schien er nicht zu wissen, wo er sich gerade befand. Es war teilweise mitleiderregend zu sehen, wie der 77 Jahre alte Biden mit einem Mikrofon in der Hand verloren in den Weiten der Bühnen stand. Dagegen wirkte der 78 Jahre alte Sanders, obwohl er im vergangenen Herbst einen Herzinfarkt hatte, frisch, munter und geistig auf der Höhe.

Biden verdankt seine Wiederauferstehung vor allem den schwarzen Wählern. Diese haben ihm am vergangenen Samstag den Sieg in South Carolina beschert, der eine Kettenreaktion auslöste. Die moderaten Demokraten haben durch diesen Sieg wieder Vertrauen in Biden gefasst und gesehen: Es ist keineswegs eine ausgemachte Sache, dass Sanders nach seinen frühen Erfolgen geradewegs auf die Nominierung zusteuert. Daher gingen sie am Dienstag in großer Zahl zur Wahl. Biden konnte die Wähler nun endlich mobilisieren, zum Teil gar begeistern, und dass das im Wesentlichen daran lag, dass sie Sanders stoppen wollten, hat ihn im Moment des Triumphs nicht weiter gestört.

Nur der Wunsch, Trump zu besiegen, hält die Demokraten zusammen

Biden und Sanders werden sich in den kommenden Wochen einen erbitterten Kampf liefern. Wie auch immer dieser Kampf ausgeht: Anschließend werden die beiden Männer und ihre Anhänger, so schwer es fallen mag, aufeinander zugehen müssen. Nur als Einheit haben die Demokraten gegen den großen Spalter Trump eine Chance.

© SZ vom 05.03.2020/kit
Zur SZ-Startseite
Democratic U.S. presidential candidate and former Vice President Joe Biden speaks at his Super Tuesday night rally in Los Angeles

SZ PlusJoe Biden
:Bin wieder da

Joe Biden galt als erledigt im Rennen um die Präsidentschaft, selbst Freunde hatten eher Mitleid mit ihm. Dann kam der Super Tuesday. Die Geschichte einer Auferstehung.

Von Hubert Wetzel, Washington

Lesen Sie mehr zum Thema