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USA sollen in Deutschland mit Taliban verhandeln:Geheimnisvolle Gespräche

Dialog mit dem Erzfeind? Die USA verhandeln offenbar mit den Taliban über eine Lösung des Afghanistan-Krieges. Geheime Gespräche sollen unter anderem in Deutschland stattgefunden haben, berichtet die "Washington Post". Die Fundamentalisten hätten eine Liste mit Forderungen übermittelt.

Die USA wollen raus aus Afghanistan, nach dem Tod Osama bin Ladens gilt das mehr denn je. Präsident Barack Obama hatte einen Truppenabzug ab Juli 2011 angekündigt. Jetzt scheint die US-Regierung das Ende der Mission forcieren zu wollen - durch Verhandlungen mit den radikalislamischen Taliban.

Taliban guerrilla leader  stands next to a Taliban fighter at a secret base in eastern Afghanistan   File photo

Taliban-Kämpfer in Afghanistan (Archivbild): Die USA wagen offenbar diplomatische Vorstöße, um den ab Juli 2011 geplanten Truppenabzug zu beschleunigen und abzusichern.

(Foto: Reuters)

Es soll bereits Gespräche gegeben haben - in Katar und in Deutschland. Das berichtet die Washington Post unter Berufung auf einen hochrangigen afghanischen Regierungsvertreter. Ein Vertreter der US-Regierung habe sich mindestens drei Mal mit einem Repräsentanten der Taliban getroffen. "Vor acht oder neun Tagen" sei es zum vorerst letzten Mal zu einem solchen Gespräch gekommen.

Wo genau in Deutschland die Begegnungen stattgefunden haben sollen, geht aus dem Bericht nicht hervor. Das US-Außenministerium habe sich nicht zu dem konkreten Fall äußern wollen, schreibt die Zeitung.

Regierungsvertreter hätten jedoch bestätigt, dass "Sondierungsgespräche" vorläufiger Natur geführt würden. Offizielle Verhandlungen, etwa über eine Regierungsbeteiligung der Taliban, seien noch nicht möglich. Bis dahin würden vermutlich noch Jahre vergehen.

Erinnerungen an eine Blamage

Unklar ist auch, mit wem genau die Amerikaner verhandelt haben. Es handle sich um einen Gesprächspartner, der Taliban-Chef Mullah Omar nahestehe, heißt es in dem Bericht. Die Regierung von Barack Obama sei sich "zunehmend sicher", dass sie diesmal einen echten Kontakt zur Führungsspitze der Aufständischen habe knüpfen können - nachdem frühere Gespräche in einer Blamage geendet waren.

Im vergangenen November war bekanntgeworden, dass der afghanische Präsident Hamid Karsai und seine westlichen Verbündeten auf einen Schwindler hereingefallen waren, der sich als Taliban-Anführer ausgegeben hatte. Als vermeintlich hochrangiger Kommandeur der Aufständischen hatte sich der Hochstapler zu Geheimgesprächen nach Kabul fliegen lassen - und Medienberichten zufolge auch viel Geld für seine Dienste kassiert.

Die New York Times zitierte damals einen afghanischen Regierungsvertreter mit den Worten: "Die Taliban sind cleverer als die Amerikaner und unser eigener Geheimdienst. Sie spielen Spiele."

Taliban übermitteln Forderungen

Nach Einschätzung politischer Analysten hat die Tötung von Al-Qaida-Chef Osama bin Laden durch US-Elitesoldaten vor gut zwei Wochen die Chancen für eine politische Lösung des Afghanistan-Konflikts erhöht. Die radikalislamischen Taliban hatten Bin Laden bis zu ihrer Vertreibung aus der Regierung durch US-Truppen im Jahr 2001 Unterschlupf gewährt.

Dem Zeitungsbericht zufolge bestehen die Taliban auf direkte Gespräche mit US-Vertretern, für die sie eine Liste mit Forderungen übermittelt hätten. Unter anderem verlangten sie die Freilassung von bis zu 20 Insassen aus dem Gefangenenlager Guantanamo Bay auf Kuba, den Abzug aller ausländischen Truppen aus Afghanistan und die Zusage, dass die Taliban eine substanzielle Rolle in der Regierung spielen würden.

Zudem hätten sie vorgeschlagen, eine Repräsentanz zu eröffnen, möglicherweise in Katar. Die USA und die afghanische Regierung verlangen ihrerseits von den Taliban Gewaltverzicht und die Beachtung der afghanischen Verfassung, darunter die Achtung der Minderheiten- und Frauenrechte.

© sueddeutsche.de/dpa/rtr/mikö/hai

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