USA und Venezuela:Feind und Helfer

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USA und Venezuela: "Die beiden Fahnen nebeneinander, so, wie es sein sollte" - auf einmal nähern sich die USA und der venezolanische Despot Nicolás Maduro wieder an.

"Die beiden Fahnen nebeneinander, so, wie es sein sollte" - auf einmal nähern sich die USA und der venezolanische Despot Nicolás Maduro wieder an.

(Foto: Jhonn Zerpa/picture alliance/dpa/Prensa Mira)

Über Jahre hinweg war die Stimmung eisig zwischen Venezuela und den USA. Wegen des Kriegs in der Ukraine nähern sich die beiden Länder aber wieder ein wenig an - es geht um Öl, aber auch um Diplomatie.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Um zu verstehen, wie sehr der Krieg in der Ukraine die alte Weltordnung über den Haufen geworfen hat, muss man eigentlich nur nach Venezuela blicken: Präsident Nicolás Maduro und Vertreter seiner Regierung trafen sich am Wochenende mit einer US-Delegation. Es war die erste solche Zusammenkunft seit Jahren: Die Vereinigten Staaten haben eigentlich alle diplomatischen Beziehungen mit dem südamerikanischen Land abgebrochen und Sanktionen verhängt, auch gegen Mitglieder der Regierung - die bei dem Treffen am Wochenende nun aber mit am Tisch saßen.

Zwei Stunden lang habe man sich mit den US-Amerikanern unterhalten, sagte der venezolanische Präsident am Montag im Staatsfernsehen, alles sei "respektvoll" gewesen und "sehr diplomatisch". Kaum waren die Vertreter der USA wieder abgereist, wurden dann auch noch zwei Nordamerikaner aus venezolanischen Gefängnissen freigelassen, und sogar die Gespräche mit der Opposition wolle man wiederaufnehmen, erklärte Maduro.

Selbst langjährige Beobachter reiben sich die Augen: Was ist da nur los? Zunächst einmal liegt der Verdacht nahe, dass es bei der Wiederannäherung vor allem um eins geht: Öl. Die USA wollen den Rohstoff nicht mehr aus Russland importieren, gleichzeitig aber hat die Regierung in Washington Angst vor steigenden Benzin- und Energiepreisen. Sie ist darum auf der Suche nach Alternativen.

Für manche US-Politiker bleibt Maduro ein "Krebsgeschwür"

Venezuela könnte eine bieten: Das Land verfügt über die größten bekannten Erdölreserven der Welt, und über Jahrzehnte hinweg halfen nordamerikanische Firmen nur allzu gern dabei, diesen Schatz zu heben. Washington unterstützte konservative Regierungen in Caracas, notfalls auch Diktatoren. Im Gegenzug bekamen US-Ölkonzerne höchst vorteilhafte Deals. Korruption und Vetternwirtschaft boomten, der venezolanische Reichtum kam am Ende allerdings nur bei wenigen an.

1998 gewann der Sozialist Hugo Chavez dann die Wahlen. Seine Regierung begann, sich von den USA loszusagen. Man wollte die Kontrolle wiedergewinnen über die heimische Ölproduktion, gleichzeitig suchte man nach neuen Verbündeten, bei linken Regierungen in Lateinamerika, aber auch in Iran, dem Irak oder in Russland.

Die Einnahmen aus dem Erdölhandel flossen nun auch in Sozialprogramme, die Fördermenge aber sank, wegen Misswirtschaft, aber auch wegen der Sanktionen, welche die USA begonnen hatten zu verhängen. Immer weiter verschlechterten sich die Beziehungen, und nach dem Vorwurf der Wahlfälschung wurden 2019 von den USA alle diplomatischen Bande mit Venezuela gekappt, die Vermögenswerte des Landes eingefroren und internationale Transaktionen untersagt.

Auch wenn die Vereinten Nationen der Regierung in Caracas Folter, Entführungen und außergerichtliche Hinrichtungen vorwerfen, so kritisierte UN-Menschenrechtshochkommissarin Michelle Bachelet in der Vergangenheit dennoch auch die US-Sanktionen: Diese seien zu breit angelegt, und ihre Folgen würden auch die verwundbarsten Venezolaner treffen.

Tatsächlich ist das einstmals reiche Land heute in einer schweren Krise versunken. Immer wieder fällt der Strom aus, es gibt endlose Schlangen an den Tankstellen, aus den Leitungen kommt teils kein Wasser, genügend Nahrungsmittel und Medikamente können sich längst nicht alle leisten. Fast sechs Millionen Venezolaner haben in den letzten Jahren schon ihre Heimat verlassen, viele sind in Nachbarländern untergekommen, Hunderttausende auch in den USA.

Dort kritisierten Politiker nun die Annäherung an Caracas. So verglich US-Senator Robert Menendez den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro mit einem Krebsgeschwür. Und ohnehin, sagen Experten, sei es unwahrscheinlich, dass die stark angeschlagene venezolanische Ölindustrie überhaupt in der Lage sein könnte, in naher Zukunft die Lücke zu füllen, die durch das Ausbleiben des russischen Öls entstanden ist.

Vielleicht also, so die Spekulationen, ging es Washington in Wahrheit um etwas ganz anderes: Russland soll im Ausland isoliert werden. Und auch wenn Venezuela bisher noch zu Moskau hält, so zeigte sich Präsident Nicolás Maduro doch sehr angetan von dem Treffen mit den US-Vertretern: Die Flagge der Vereinigten Staaten habe direkt neben der von Venezuela gehangen. "Das sah schön aus", sagt Maduro. "Die beiden Fahnen nebeneinander, so, wie es sein sollte."

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