USA und Russland:"Russlands Verteidigungsindustrie ist aus Ruinen wieder auferstanden"

Lesezeit: 4 min

Danach sieht es nicht aus. Obwohl Russland unter anderem wegen der gefallenen Preise für Energieexporte eine schwere Wirtschaftskrise durchmacht, hat es nach Angaben des Friedensforschungsinstituts Sipri im vergangenen Jahr seine Militärausgaben um 7,5 Prozent erhöht. Eine der wichtigsten Säulen ist nach wie vor das Atomarsenal. Nach Berichten des amerikanischen Außenministeriums hat Russland die Zahl seiner nuklearen Sprengköpfe von 1582 im vergangenen August auf zuletzt 1735 erhöht.

Nach dem derzeit gültigen russisch-amerikanischen Abrüstungsvertrag Start dürfen beide Seiten bis Anfang 2018 nur noch 1550 strategische Sprengköpfe haben. Knapp zwei Jahre sind also noch Zeit, und die Erhöhung dürfte auch damit zu erklären sein, dass Russland einen nennenswerten Umfang veralteter Waffen hat, die nach und nach aussortiert werden. Die Amerikaner verfügen jedoch noch über ein deutlich größeres Arsenal: 4760. Russische Militärexperten halten auch deshalb Washington vor, den Abrüstungsvertrag Start zu verletzen.

Trotzdem strebt Moskau an - und es ist auch dabei - , die großen militärischen Lücken zu den USA allmählich zu schließen und sich rhetorisch zu messen mit seinem Rivalen. Vor wenigen Wochen lobte Putin ausdrücklich bei einem Auftritt vor hochrangigen Militärführern den Einsatz der russischen Rüstungsunternehmen, die ihre staatlichen Aufträge "gewissenhaft erfüllen".

Dann listete Vize-Verteidigungsminister Jurij Borisow wie ein Buchhalter auf, was 2015 so alles in den Bestand der Armee überführt wurde: etwa 300 Einheiten von Flugabwehrraketen-Systemen, mehr als 230 Flugzeuge, 158 Hubschrauber, 21 strategische ballistische Raketen, womit der Anteil an modernen Waffen gegenüber der veralteten Rüstung erhöht worden sei.

Sicher, es gibt eine große Grauzone zwischen dem, was entwickelt, angekündigt und dem, was dann auch umgesetzt wird. Es klingt ja für die heimische Bevölkerung etwa auch erst mal recht eindrucksvoll, dass, wie Putin es ankündigte, Russland "schlagkräftige Systeme" entwickele, die "jedes beliebige Raketenabwehrsystem" überwinden könnten, gemeint sind natürlich jene der USA.

Kommt es doch anders, wird kaum jemand lange nachfragen.

Doch gern wird in Moskau registriert, dass US-Experten nun wieder mit Respekt über die militärischen Fähigkeiten reden. Zwar sagt Ex-Nato-Botschafter Daalder, die größte Gefahr gehe nicht von Russlands technischen Möglichkeiten aus, "sondern die Art, wie Russland diese einsetzt - die Annexion der Krim, die Invasion der Ukraine, aggressive Militärübungen in der Nähe der Nato-Grenzen, die Simulation nuklearer Angriffe auf Nato-Territorium und gefährliche militärische Aktivitäten in der Nähe von Nato-Schiffen und -Flugzeugen".

Wir sind zurück im Wettbewerb der großen Mächte, sagt ein US-Admiral

Russland erhöht nicht nur die Zahl seiner Manöver deutlich, stärkt Luftwaffe und Luftabwehr, auch die Marine zieht so präsent wie seit Jahrzehnten nicht durch den Nordatlantik und das Mittelmeer. Die Zahl der Patrouillen hat sich allein im Jahr nach dem Anschluss der Krim fast verdoppelt. Viel Geld investiert Moskau in seine nuklear- und dieselgetriebenen U-Boot-Flotten. Dazu tüftelt es an unbemannten Untersee-Drohnen, die mit kleinen taktischen Nuklearwaffen bestückt werden können.

Für Russlands Militärführung vermittelt all dies ein neues Stärkegefühl, nach dem das Land viele Jahre finanziell so klamm gewesen war, dass U-Boote ihre Basen kaum noch zu Manövern verlassen konnten. "Russlands Verteidigungsindustrie ist aus Ruinen wieder auferstanden", sagte der Militärexperte Wadim Kosjulin.

Die russischen Unterwasser-Ambitionen werden von den USA mit Argwohn beobachtet, und so bemühen sie sich darum, alte Standorte aus dem Kalten Krieg zu reaktivieren: Der amerikanische Vize-Verteidigungsminister Robert Work besuchte kürzlich den vor zehn Jahren stillgelegten Luftstützpunkt Keflavik in Island. Hier könnte die Navy das Aufklärungs- und U-Boot-Jagdflugzeug P-8 Poseidon stationieren. Seine Aufgabe: das Aufspüren russischer U-Boote. Wie der US-Admiral John Richardson neulich sagte: "Wir sind zurück im Wettbewerb der großen Mächte."

Zur SZ-Startseite