USA und Mexiko Zwei Länder, verdammt zur Nachbarschaft

Ein mexikanisches Kind schaut durch den Grenzzaun in Richtung USA - Trump will nun die Nationalgarde schicken.

(Foto: AFP)

Die Beziehungsgeschichte der USA und Mexikos ist voller blutiger und demütigender Momente. Dabei ist die Abhängigkeit gar nicht so einseitig, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Von Stefan Kornelius

Wenn die US-Regierung die Entsendung von Einheiten der Nationalgarde an die Grenze zu Mexiko vorbereitet, dann folgt sie einer langen und mitunter blutigen Tradition. Präsident Donald Trump mag vor allem dem (Wähler-)Publikum Stärke demonstrieren wollen und die Abwehr mutmaßlicher Migranten-Trecks vorgaukeln. In Mexiko erinnert der Aufmarsch aber auch an die unseligen Zeiten einer fast 200-jährigen Beziehung zu dem Nachbarn im Norden, die von Ungleichheit, Dominanz und Gewalt geprägt waren.

Das Verhältnis von Donald Trump zum gewichtigen Nachbarn Mexiko ist seit jeher vergiftet. Natürlich vergisst man in Mexiko nicht, dass der Präsident sein Amt auch deshalb gewonnen hat, weil er geschickt auf der Klaviatur der rassistischen Vorurteile gegen Mexikaner und andere hispanische Volksgruppen spielte.

Trump hat die eigentlich weitgehend normalisierten und gut funktionierenden amerikanisch-mexikanischen Beziehungen schwer belastet. Es ist kein Zufall, dass gerade in diesen Zeiten immer häufiger ein berüchtigtes Zitat hervorgekramt wird, das Porfirio Díaz zugeschrieben wird, der Mexiko von 1876 bis 1911 als autokratischer Präsident führte und mit einer Art Oligarchenwirtschaft die ökonomische Rückständigkeit des Landes zementierte: "Armes Mexiko! So weit weg von Gott und so nahe an den Vereinigten Staaten."

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Trump schickt Nationalgarde an Grenze zu Mexiko

Der US-Präsident spricht von "Gesetzlosigkeit" an der Grenze - und ordnet eine militärische Überwachung an. Mexiko reagiert empört.

Der eigentliche Schlüsselmoment in dieser ungleichen Beziehung datiert aber weit früher. Der mexikanisch-amerikanische Krieg von 1846 bis 1848 - aus mexikanischer Perspektive die nordamerikanische Invasion genannt - markierte den Höhepunkt der imperialen Phase der US-Politik. Anschließend war das Bedürfnis Washingtons nach territorialer Größe weitgehend befriedigt. Koloniale Gelüste hat das Land nie wirklich entwickelt. Als Kontinentalmacht mit zwei Ozeanen als natürliche Grenzen und zwei eher schwachen Staaten im Norden und Süden war die Unverwundbarkeit gesichert.

Der Krieg gegen Mexiko folgte einer simplen Logik von Stärke und Schwäche. Der Siedlerdruck war übermächtig und führte vor allem im damals zu Mexiko gehörenden Texas zu einer Unabhängigkeitsbewegung, die Mexiko nicht stoppen konnte und die in der symbolisch aufgeladenen Schlacht um das Fort Alamo ihren Mythos fand. Nach der texanischen Unabhängigkeit 1836 gärte der Konflikt noch über zehn Jahre, bis er 1847 mit dem Vorstoß von General Winfield Scott nach Mexiko-Stadt und Monate später mit dem Vertrag von Guadelupe Hidalgo sein Ende fand.

Washington vereinnahmte ein Territorium, das neben Texas die heutigen Bundesstaaten Kalifornien, New Mexico, Arizona, Utah und Teile von Colorado und Wyoming umfasst. Im Bewusstsein Mexikos hat sich die Niederlage tief eingebrannt, weil sie auch die Schwäche der Zentralmacht offenlegte, die ihr gewaltiges Territorium nie zu beherrschen verstand.

Beide Länder teilen sich 3144 Kilometer Grenze - und jede Menge Vorurteile

Der Krieg hat die Beziehungen der beiden Nachbarn bis heute geprägt, weil die seitdem entstanden Konflikte hier ihren Ursprung hatten: die wirtschaftliche Ungleichheit, der Migrationsdruck und die von Mexiko stets als demütigend empfundene politische Abhängigkeit. Die Bürgerkriege in den USA und Mexiko wären ohne den vorausgegangenen Kampf um Territorien, Unabhängigkeit und Rassengleichheit womöglich nicht ausgebrochen.

Mexiko und die USA teilen heute 3144 Kilometer Grenzen - und eine beeindruckende Zahl von Vorurteilen, die sich trotz aller Bemühungen vor allem seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht haben zerstreuen lassen. Zu lange hat die US-Politik mit offenen und verdeckten Mitteln in die mexikanische Innenpolitik und die Wirtschaft eingegriffen, zu oft hat die mexikanische Zentralregierung ihre geringe Verlässlichkeit unter Beweis gestellt.

Wer an der verkorksten Beziehungsgeschichte den größten Anteil trägt, darüber lässt sich lange streiten. Die Klischees jedenfalls leben: Mexiko schickt Drogen, die USA schicken Waffen; Mexiko ermöglicht die Massenmigration, die USA nutzen den billigen Hinterhof für die Produktion und den eigenen Vorteil; im Norden leben die imperialistischen Yankees, im Süden die faulen Sombrero-Träger.

Erst das mexikanische Wachstumswunder nach dem Zweiten Weltkrieg und die darauffolgende Schuldenkrise in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts haben die wechselseitige Abhängigkeit in den Köpfen der regierenden Klasse verankert. Das nordamerikanische Freihandelsabkommen Nafta, Schritte hin zu einer gemeinsamen Drogenpolitik und auch die Diskussion über eine gesteuerte Migration sind also vergleichsweise junge Ideen in dieser ungleichen Paarbeziehung.

Symbol der Spannungen war stets die lange und schwer zu kontrollierende Grenze. Schon Präsident William Howard Taft schickte 100 000 Soldaten nach Texas, als 1910 die Unruhen am Ende der Regentschaft von Präsident Díaz eskalierten. Taft intervenierte nicht, aber die Präsenz reichte aus, um den Abgang des ungeliebten Herrschers zu beschleunigen. Trumps Absichten sind heute weniger offensiv. Als unfreundlicher Akt wird die Truppenentsendung dennoch wahrgenommen.

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