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Völkermord an den Armeniern:Joe Biden spricht Klartext

Ein Bild des Grauens, datiert auf das Jahr 1915: Zwischen den Trümmern eines Dorfes namens Sheyxalan liegen menschliche Schädel, die von Opfern des Genozids an den Armeniern stammen sollen.

(Foto: STR/AFP)

Ankara zürnt, weil der US-Präsident sagt, was außerhalb der Türkei ohnehin jeder weiß: Die Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg waren ein Genozid.

Von Tomas Avenarius, Istanbul

Drei Monate hat der türkische Staatschef so sehnlich wie gereizt auf diesen einen Anruf gewartet. Doch als das Telefon endlich klingelte, soll er etwas zu hören bekommen haben, was er partout nicht hören wollte. Beim ersten Telefongespräch mit Recep Tayyip Erdoğan hatte US-Präsident Joe Biden seinen türkischen Kollegen angeblich darüber informiert, dass er am nächsten Tag öffentlich sagen werde, was außerhalb der Türkei jeder weiß: Das Osmanische Reich hat während des Ersten Weltkriegs einen Völkermord an seiner armenischen Bevölkerungsminderheit begangen.

In den Worten von US-Präsident Biden, geäußert am Jahrestag des Beginns der osmanischen Armenier-Massaker, klang das so: "Jedes Jahr erinnern wir an diesem Tag an all jene, die beim Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich starben, und verpflichten uns erneut zu verhindern, dass sich eine solche Gräueltat jemals wiederholt."

Aus der Sicht Erdoğans und wohl auch der Mehrheit der Türken ist das ein unverzeihlicher Affront. Und das in Zeiten, in denen das amerikanisch-türkische Verhältnis angespannt, ja fast zerrüttet ist. Die Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs hat ihre eigene Geschichte auch 106 Jahre nach den Armenier-Massakern nicht aufgearbeitet, kann mit dem Problem bis heute nicht umgehen. Regierung, Wissenschaft und weite Teile der Bevölkerung bestreiten, dass es sich bei den Vertreibungen, Hungermärschen und Massenmorden im Ersten Weltkrieg um einen systematischen Massenmord und einen der ersten Völkermorde des 20. Jahrhunderts gehandelt habe.

Aus türkischer Sicht war es eine historische "Tragödie"

Die Türkei als Nachfolgerin des Osmanischen Reiches gesteht den Tod von 300 000 bis 500 000 Armeniern zwar ein. Eine Einstufung als Völkermord weist sie jedoch strikt zurück. Die offizielle türkische Geschichtsauslegung behauptet, die Armenier hätten sich in großer Zahl mit dem russischen Zarenreich gegen den Sultan verbündet und das Osmanische Reich an den Kriegsgegner verraten. Außerdem hätten armenische Untergrundkämpfer Muslime in großer Zahl getötet. Deshalb habe man die Armenier deportieren müssen. Das Ganze sei eine historische "Tragödie" gewesen - sowohl für die türkische als auch für die armenische Bevölkerung.

Die Mehrheit der internationalen Historikerzunft sieht dies anders: Es war ein Genozid. Ein Völkermord übrigens, über den das damalige Deutsche Reich als Alliierter und Waffengefährte des Sultans im Ersten Weltkrieg bestens Bescheid wusste, zu dessen Verhinderung es aber nichts tat.

Heute ist die Sachlage jedenfalls geklärt. Zahlreiche Staaten, darunter Deutschland, die anderen EU-Staaten und Russland, Kanada sowie mehrere lateinamerikanische Länder haben die Vorgänge von 1915 längst offiziell als Genozid anerkannt. Auch der US-Kongress hatte die Ereignisse 2019 schon als Völkermord bezeichnet.

Dass der neue US-Präsident dieses heikle Thema öffentlich angeht, nachdem er Erdoğan und dessen Türkei die ersten drei Monate seiner Amtszeit mit völliger Missachtung gestraft hat, muss den türkischen Staatschef verunsichern. Bidens Klartext-Haltung ist Hinweis darauf, dass er im Umgang mit der Türkei auf Druck und Härte setzen will. Vor dem Hintergrund der ungelösten Konflikte zwischen der Supermacht USA und dem Nato-Partner Türkei sind das überaus unerfreuliche Aussichten für Erdoğan.

Die türkischen Reaktionen bleiben auffallend kontrolliert

Umso mehr fällt auf, dass die offiziellen Reaktionen zwar scharf, aber auch kontrolliert blieben: Jeder weiß, was beim Streit mit den USA auf dem Spiel stünde. So nannte Regierungssprecher İbrahim Kalın Bidens Äußerungen "empörend". Er sagte aber, man werde abgestuft reagieren: "Es wird Reaktionen in verschiedenen Formen und Graden geben in den kommenden Tagen und Monaten."

Offenbar will man allzu offenen Streit vermeiden. Mehrere Fragen belasten die Beziehungen ohnehin. Ankara hat gegen den Willen der USA russische S-400- Luftabwehrraketen gekauft. Deren Steuerung kann die Technologie von US-Jets auslesen und die Flugzeuge verwundbar machen. Im Gegenzug hat Washington Sanktionen verhängt und die Türkei aus dem F-35-Programm geworfen: Der gemeinsame Bau des Kampfjets und der Kauf von mehr als 100 Maschinen waren ein Leuchtturmprojekt für Ankara. Nun fehlt dem Land nicht nur ein neues Kampfflugzeug. Auch ein noch im Bau befindlicher Flugzeugträger ist fast wertlos geworden: Er war für den Einsatz der F-35 konzipiert worden.

Weiterer Belastungsstoff ist der Streit mit Griechenland um die Rohstoffe im Mittelmeer: Der Nato-Staat Türkei hat dem Nato-Staat Griechenland mit militärischer Gewalt gedroht. Washington macht aus der Unterstützung Athens wenig Hehl. Ebenso ärgerlich für die USA ist die türkische Waffenhilfe für Aserbeidschan im Kaukasus-Krieg oder die Einmischung in den Bürgerkrieg in Libyen und die hemdsärmelige Rolle Ankaras im Irak und in Syrien: Als beste Freunde können die Türkei und die USA derzeit nicht gelten.

Wobei die USA Ankara auch Grund zur Verärgerung geben: Im Kampf gegen den "Islamischen Staat" hat Washington die kurdischen YPG- Milizen in Syrien hochgerüstet. Die YPG ist eine Schwester der türkischen Kurdenmiliz PKK - die wird von den USA selbst als Terrorgruppe eingestuft. Außerdem beherbergen die USA den Islam-Prediger Fethullah Gülen; Präsident Erdoğan nennt Gülen den Kopf des gescheiterten Militärputsches von 2016 und fordert seine Auslieferung.

"Weiter die Wahrheit verteidigen"

Die Tatsache, dass die USA inmitten dieser gereizten Stimmung an den Umgang mit den 106 Jahre zurückliegenden Armenier-Massakern rühren, hat in Ankara zu erzürnten, aber eben auch nicht überhitzten Reaktionen geführt. Erdoğan hatte vor Bidens Erklärung vorsorglich gesagt, sein Land werde "weiter die Wahrheit verteidigen gegen die Lüge vom sogenannten armenischen Völkermord". Einer seiner Sprecher sagte, Washington habe sich dem Druck einer "radikalen armenischen Lobby" gebeugt. Außenminister Mevlüt Cavuşoğlu wetterte: "Die Türkei braucht niemandes Belehrungen über unsere eigene Geschichte." Anschließend wurde der US-Botschafter einbestellt, um ihm eine "starke Reaktion" zu übermitteln.

Die türkische Opposition hakte sich - selten genug - bei Erdoğan unter: Der Sprecher der CHP sagte, Bidens Vorgehen werde die türkisch-amerikanischen Beziehungen ebenso belasten wie die Aussöhnung zwischen der Türkei und Armenien. Die Chefin der nationalistischen İyi-Partei, Meral Akşener, sah einen "schweren Angriff auf die Ehre und das Ansehen der türkischen Nation". Nur die prokurdische HDP gab Biden recht. Aber die türkischen Kurden sind selbst eine bedrohte Minderheit in der Türkei.

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels hieß es fälschlich, der Völkermord an den Armeniern sei der erste Genozid im 20. Jahrhundert gewesen. Als dieser gilt jedoch der Völkermord an den Herero und Nama durch die deutsche Kolonialmacht in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia.

© SZ/toz/cat
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