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USA:Trumps Medienwelt dreht sich weiter

Trump speaks at the White House in Washington

US-Präsident Trump, hier im Gespräch mit Fox-Journalist Pete Hegseth (links), schießt sich jetzt wieder auf illegale Einwander und den Mauerbau nach Mexiko ein.

(Foto: REUTERS)

Nach dem Geständnis von Trumps Ex-Anwalt Cohen suchen der Präsident und ihm geneigte TV-Sender die Ablenkung. Ein angeblich von einem illegalen Einwanderer verübter Mord kommt da gerade recht.

Von Hubert Wetzel, Washington

Die Schlagzeilen am Mittwoch waren hart für US-Präsident Donald Trump. Am Tag zuvor war dessen früherer Wahlkampfleiter, Paul Manafort, wegen diverser Steuervergehen schuldig gesprochen worden. Zur gleichen Zeit hatte sich Trumps ehemaliger Anwalt Michael Cohen der illegalen Wahlkampffinanzierung schuldig bekannt und den Präsidenten als Anstifter bezichtigt. Zwei Namen, Manafort und Cohen, sowie ein Wort bestimmten die Berichterstattung vieler Zeitungen und Fernsehsender: schuldig.

Aber das war nur ein Teil der gespaltenen politischen Realität, die in Amerika existiert. Wenn es am Mittwoch einen Lichtblick für das Weiße Haus gab, dann diesen: In jenen Medien, die von Trump-Anhängern gesehen oder gelesen werden und denen die Fans des Präsidenten vertrauen, spielten Manafort und Cohen nur eine Nebenrolle. Diese Medien berichteten vor allem über Mollie Tibbetts.

Tibbetts, eine 20 Jahre alte Studentin in Iowa, war vor gut einem Monat beim Joggen verschwunden. Vor einigen Tagen wurde ihre Leiche in einem Maisfeld gefunden, der mutmaßliche Mörder wurde festgenommen und hat gestanden. Der Täter ist ein junger mexikanischer Staatsbürger namens Cristhian Rivera, der nach Polizeiangaben illegal eingereist ist. Riveras Anwalt bestreitet das. Dennoch lauteten die Schlagzeilen bei konservativen Medien wie Fox News und Breitbart so: Illegaler Einwanderer tötet Amerikanerin.

Trump hat ein gutes Gespür dafür, welche Themen seinen Anhängern wichtig sind. Und er weiß, wie er mit ein paar Tweets oder Bemerkungen das Thema wechseln und von unangenehmen Ereignissen ablenken kann. Ob Manafort Steuern hinterzogen oder Cohen einer Pornodarstellerin, mit der Trump geschlafen haben soll, vor der Wahl Schweigegeld bezahlt hat, ist für die Trump-Wähler eher zweitrangig. Für illegale Immigration gilt das nicht, und ein mexikanischer Migrant, der eine weiße Studentin ermordet, bringt sie in Rage. Es war daher kein Zufall, dass Trump den Fall Tibbetts noch am Dienstagabend bei einem Wahlkampfauftritt als Beweis dafür anführte, dass nun endlich die Mauer an der Grenze zu Mexiko gebaut werden müsse. "Das hätte nie passieren dürfen. Illegal in unserem Land", sagte er.

Den ganzen Mittwoch über hämmerten konservative Journalisten auf dem Fall Tibbetts herum. Trumps Sprecherin Sarah Huckabee Sanders kondolierte der Familie gleich zu Beginn ihrer täglichen Pressekonferenz. Am Mittwochmittag veröffentlichte das Weiße Haus zunächst ein Video über Familien, die Opfer von Straftaten illegaler Einwanderer geworden sind. Am Mittwochnachmittag stellte Trump dann noch ein zweites Video ins Internet, in dem er über Tibbetts sprach: "Eine Person kam illegal aus Mexiko und tötete sie. Wir brauchen die Mauer", sagte der Präsident.

Trump warnt die Bürger vor einer Amtsenthebung: "Ich denke, alle wären dann sehr arm"

Während also die eine Hälfte des Landes, die Trump ohnehin nicht mag, in Endlosschleife die Namen Manafort und Cohen hörte, hörte die andere Hälfte, die dem Präsidenten aufgeschlossener gegenübersteht, wieder und wieder den Namen Tibbetts. Was die politische Folge von dieser medialen Schizophrenie sein könnte, zum Beispiel für den Ausgang der Kongresswahl im November, erklärte Newt Gingrich, ein erfahrener republikanischer Politiker und Verbündeter Trumps so: "Wir leben in zwei verschiedenen politischen Universen. Wenn der Name Mollie Tibbetts im Oktober hinreichend bekannt ist, haben die Demokraten ein großes Problem. Wenn uns Manafort und Cohen in die Quere kommen, verlieren wir vielleicht leider das Abgeordnetenhaus."

Eine demokratische Machtübernahme im Abgeordnetenhaus, die viele Prognosen derzeit vorherhersagen, wäre jedoch für die Republikaner ein Albtraum. Die Demokraten hätten dann eine Mehrheit, um ein Amtsenthebungsverfahren gegen den Präsidenten einzuleiten. Und sie hätten durch Cohens Geständnis, im Auftrag von Trump Gesetze gebrochen zu haben, sogar juristische Munition.

Das ist der Hintergrund, warum Trump unbedingt das Thema wechseln will. Der Mordfall Tibbetts kam da durchaus zupass. Um sicherzugehen, legte der Präsident am Mittwochabend aber noch einmal nach. In einem Tweet beklagte er, dass in Südafrika "in großem Stil" weiße Farmer umgebracht würden - eine wilde Behauptung, die er bei Fox News gesehen hatte. Am Donnerstagmorgen schließlich warnte er die Amerikaner in einem Interview vor den angeblich furchtbaren wirtschaftlichen Konsequenzen, sollte er aus dem Weißen Haus geworfen werden. "Wenn ich je des Amtes enthoben werden sollte, würde der Markt zusammenbrechen", sagte Trump. "Ich denke, alle wären dann sehr arm."

© SZ vom 24.08.2018/bix
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