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USA:Trumps Gegner dürfen seinen üblen Stil nicht kopieren

Donald Trump

Donald Trump President Donald Trump speaks during a rally at Airport High School in West Columbia, S.C., Monday, June 25, 2018, for Republican Gov. Henry McMaster. (AP Photo/Susan Walsh)

(Foto: AP)

Denn genau das ist es, was der US-Präsident will: Seine Widersacher unablässig verhöhnen, reizen, piesacken, bis sie die Nerven verlieren. Um dann mit dem Finger auf sie zu zeigen.

Von Christian Zaschke, New York

Es ist mehr als verständlich, dass die amerikanischen Demokraten verzweifelt sind. Seit mehr als zwei Jahren rätseln sie, wie sie Donald Trump beikommen können. Es ist ihnen nicht gelungen, als er zum Präsidentschaftskandidaten der Republikaner geworden war, und es gelingt ihnen jetzt nicht, da er das Amt innehat. Mittlerweile hat sich zur Verzweiflung eine beständig wachsende Wut gesellt, und diese droht außer Kontrolle zu geraten.

Zuletzt wurden innerhalb weniger Tage drei republikanische Politiker öffentlich beschimpft, Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen gleich zweimal. Trumps Sprecherin Sarah Huckabee Sanders wurde gebeten, ein Restaurant zu verlassen, weil das Personal sich unwohl dabei fühlte, eine Frau zu bedienen, die Tag für Tag die Politik und die unzähligen Lügen des Präsidenten verteidigt.

Für viele Demokraten fühlten sich diese Vorfälle an wie eine Befreiung. Endlich passierte etwas. Und auch das ist verständlich, denn mit Worten, so scheint es, ist ja nichts auszurichten gegen den Mann im Weißen Haus. Überführen die Demokraten Trump der Lüge, lügt er noch mehr. Kritisieren sie seine konkrete Politik, keilt er in harschen Worten zurück. Der Präsident besteht zu ungefähr gleichen Teilen aus Lüge und Lärm, in solcher Konsequenz hat es das in der jüngeren amerikanischen Politik noch nicht gegeben. Wie also damit umgehen?

Für Trumps Gegner ist das die alles entscheidende Frage mit Blick auf die Kongresswahlen im November und vor allen Dingen mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020. Der Weg, den sie nun eingeschlagen haben, führt allerdings in die Irre. Natürlich verschafft es Genugtuung, Trumps Gefolgsleuten das Leben schwer zu machen. Es ist allerdings das eine, das im Kongress, mit Versammlungen oder mit Protestmärschen zu tun, und es ist das andere, Menschen im Restaurant anzupöbeln. Es ist das eine, die politische Auseinandersetzung zu suchen, und es ist das andere, die persönliche Ebene zu wählen.

Der Kern der Trump-Anhänger ist nicht mehr erreichbar

Trumps Gegner tappen damit in eine Falle. Das ist es, was dieser Präsident will: Seine Widersacher unablässig verhöhnen, reizen, piesacken, bis sie die Nerven verlieren. Um dann mit dem Finger auf sie zu zeigen: Seht her, ich habe ja immer gesagt, dass auf der anderen Seite der Debatte kein Anstand herrscht. Natürlich ist es absurd, dass das von einem Präsidenten kommt, der die Anstandslosigkeit zum Leitprinzip erhoben hat. Aber so funktioniert Trumps Spiel. Das Problem ist, dass derzeit alle nach seinen Regeln spielen.

Bei den Republikanern führen die jüngsten Attacken im öffentlichen Raum zudem dazu, dass sie sich in ihrer Lieblingsrolle einrichten können: in der des Opfers. Sie befeuern die Erzählung von den demokratischen Eliten, die das einfache Volk nicht mehr verstehen und die amerikanischen Werte vergessen haben. Die Wagenburg steht fest geschlossen.

Auch das ist Quell der demokratischen Frustration: Der Kern der Trump-Anhänger ist nicht mehr erreichbar. 90 Prozent der Republikaner stehen voll hinter ihm. Es war Wahlkampf-Rhetorik, als Trump einmal sagte, er könne in New York auf der 5th Avenue jemanden erschießen und würde keine einzige Stimme verlieren. Aber auf unheimliche Weise ist das von der Wahrheit nicht weit entfernt. Als sich unter Trumpianern in den sozialen Medien der Eindruck verbreitete, die Demokraten gingen jetzt zur Attacke über, machte sich vor allen Dingen freudige Kampfbereitschaft breit. Viele teilten mit, dass ihre Waffen geladen und entsichert seien. Das war meistenteils, soweit sich das überblicken lässt, vollkommen ernst gemeint.

Das Bedrückende ist ja nicht nur, seit zwei Jahren dem röhrenden Rassisten Trump bei seinen Tiraden zuzusehen, dabei, wie er Frauen herabwürdigt, Behinderte veräppelt, Migranten mit Tieren vergleicht, wie er unablässig brüllt und lügt und wütet - das Bedrückende ist vor allem, dass Millionen von Amerikanern ihm dabei zujubeln. Das Schlimmste bei diesen Auftritten ist, dass Trump von der Bühne aus ein Gift versprüht, von dem sehr viele Menschen nicht genug kriegen können. Es gelingt ihm, in seinen Anhängern das Schlechteste nicht bloß zum Vorschein zu bringen, sondern es zu nähren, auf dass es wachse und gedeihe.

Es ist die Aufgabe der Demokraten und der verantwortungsbewussten Republikaner, dieser alles andere als schleichenden Vergiftung entgegenzuwirken, und es ist entscheidend, das nicht mit den Mitteln Trumps zu tun. Nicht mit Aggressivität oder Provokation. Schon gar nicht mit irgendeiner Form von Gewalt. Für Trumps Gegner gilt es, im Angesicht des Ungemachs die Nerven zu bewahren. Das heißt nicht, dass sie sich still verhalten müssen, im Gegenteil: Trump und seine Leute mit ihrer Politik und ihren Lügen wieder und wieder zu konfrontieren, ist von entscheidender Bedeutung. Allerdings wird es für seine Gegner höchste Zeit zu finden, was sie seit mehr als zwei Jahren vergeblich suchen: den richtigen Ton.

© SZ vom 27.06.2018/dit
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