bedeckt München

USA:So sterben Demokratien

Trump-Anhänger im Bundesstaat Nevada.

(Foto: AP)

Mit seinem Wahlbetrugsvorwurf träufelt Donald Trump Gift in die amerikanische Gesellschaft. Die Republikaner sollten dabei nicht mitmachen.

Kommentar von Hubert Wetzel, Washington

Donald Trump ist davon überzeugt, dass die Präsidentschaftswahl gefälscht wurde. Der Beweis: Er hat verloren. Dieses Ergebnis kann natürlich nicht auf legalem Wege zustande gekommen sein. Deswegen müssen all die vielen Wahlzettel, auf denen "Joseph R. Biden" angekreuzt wurde, "illegal" sein. Und wie kann es überhaupt sein, dass Trump plötzlich in manchen Bundesstaaten hinter Biden liegt, wenn 97 oder 99 Prozent der Stimmen ausgezählt worden sind? Als erst 30 oder 31 Prozent ausgezählt waren, lag er doch weit vorne. Betrug, Verschwörung, Wahlsiegdiebstahl!

Man könnte das alles lächerlich finden. Trump hat offensichtlich keine Ahnung davon, wie Wahlen in den USA funktionieren und wie Wahlzettel ausgezählt werden. Er benimmt sich wie ein tobender Vierjähriger, dem Papa im Supermarkt keinen Schokoriegel gekauft hat. Aber weil Trump Präsident der USA und (zumindest rechtlich) volljährig ist, kann er gegen diese bodenlose Gemeinheit vor Gericht ziehen.

Bisher allerdings waren die Richter, denen Trumps Leute ihre angeblichen Beweise für den angeblichen Wahlbetrug vorgelegt haben, nicht sehr beeindruckt. Was ihnen präsentiert wurde, war krudes Zeug, Hörensagen, als juristische Schriftsätze getarnte Wut-Tweets. Es kann schon sein, dass einzelne Wahlzettel ungültig sind. Wenn 160 Millionen Menschen wählen, passieren Fehler. Aber es gibt keinen einzigen Hinweis auf einen irgendwie gearteten größeren Betrug, der die Staatsanwaltschaften und Gerichte beschäftigen müsste und die Legitimität des Wahlergebnisses infrage stellen könnte.

Personenkult, Angst und Wahltaktik - eine toxische Mischung für die Wahrheit

Das ficht den Präsidenten nicht an. Bald, ganz bald, werden wir die schockierende Wahrheit offenlegen, tönt das Trump-Lager jeden Tag in einer Flut von E-Mails, die an alle Anhänger verschickt werden. Echt.

Doch die Lage ist zu gefährlich, um darüber zu lachen. Trump kann denken, was er will, das wird am Ende nicht verhindern, dass er das Präsidentenamt verliert und das Weiße Haus verlassen muss. Aber es ist eben längst nicht mehr nur der Präsident, der die Lüge von der gestohlenen Wahl verbreitet. Ein wesentlicher Teil der Republikaner macht dabei mit. Wollte man das schon erwähnte Beispiel noch einmal aufgreifen, dann ist die Lage so: Nicht nur ein Vierjähriger zetert an der Kasse, weil er keine Schokolade bekommt. Sondern die halbe Kundschaft im Laden wirft sich mit ihm auf den Boden und heult.

Warum? Einige Republikaner glauben tatsächlich, was Trump über den geraubten Sieg erzählt, weil sie alles glauben, was Trump erzählt. Andere Republikaner wissen natürlich, dass der Präsident lügt, aber sie trauen sich nicht, diesen Lügen zu widersprechen. Oder sie haben die Senatswahlen im Januar in Georgia im Auge und wollen dort den Zorn der Trump-Anhänger in Stimmen ummünzen. Wie auch immer: Personenkult, Angst und Wahltaktik - für die Wahrheit ist das immer eine sehr toxische Mischung.

Dieses Gift wird, wenn es nicht gestoppt wird, in den kommenden Wochen tiefer und tiefer in die amerikanische Gesellschaft sickern. Es wird das ohnehin schon brüchige Gewebe, das diese Gesellschaft zusammenhält, weiter zersetzen. 70 Millionen Menschen haben Trump gewählt, und ihnen redet der Präsident jetzt ein, dass Joe Biden nicht nur ihn, sondern auch sie betrogen hat. Jeder Republikaner, der diese Lüge befördert oder toleriert, untergräbt das Vertrauen in Amerikas Wahlen. So sterben Demokratien.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Trumps Parteifreunde
:Das große Schweigen

Nur vereinzelt trauen sich prominente Republikaner, den Behauptungen ihres Präsidenten zu widersprechen - George W. Bush macht den Anfang.

Von Christian Zaschke

Lesen Sie mehr zum Thema