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Datenanalyse zur US-Wahl:Wählen wie der eigene Nachbar

A sign encouraging voter turnout is seen at a campaign yard sign distribution site for U.S. Democratic presidential candidate Joe Biden and his running mate, Senator Kamala Harris, in Madison, Wisconsin

Schild in Madison, Wisconsin: Am Ende ging der Sieg in dem Staat knapp an Joe Biden.

(Foto: Bing Guan/REUTERS)

Die Polarisierung in den USA nimmt weiter zu. Die große Mehrheit der Wähler lebt inzwischen in einer Gegend, in der eine Partei klar dominiert. Mit welchen Faktoren das zu tun hat.

Von Christian Endt

Einerseits ging diese Wahl sehr knapp aus, sind die Verhältnisse so unklar wie selten zuvor. Doch andererseits sah die politische Landkarte in den USA noch nie so sortiert und aufgeräumt aus wie 2020. Dann nämlich, wenn der Blick vom Gesamtergebnis weggeht, auch am denkbar knappen Wahlausgang in entscheidenden Staaten wie Pennsylvania nur kurz vorbeischweift und schließlich an den kleinräumigen Daten hängen bleibt.

Immer weniger Amerikaner leben in einem County, in dem sich Demokraten und Republikaner in etwa die Waage halten. Immer mehr US-Bürger leben also in einer Gegend, die entweder ganz klar rot oder ganz klar blau wählt.

Bei der Präsidentschaftswahl 2016 lebten erstmals weniger als ein Viertel der Wähler in einem Kreis, in dem beide Kandidaten weniger als zehn Prozentpunkte trennten - in dem es also ein Wahlergebnis gab, das etwa 55 zu 45 Prozent entsprechen würde. Nun ist dieser Anteil der Wähler aus ausgeglichenen Gebieten nochmals gesunken, auf wohl weniger als 21 Prozent, es sind weiterhin nicht alle Stimmen ausgezählt. Ein Tiefststand mindestens seit dem Jahr 1992, so weit gehen die vorliegenden Daten zurück.

Mehr als die Hälfte der US-Wähler lebt in sogenannten "Landslide Counties"

Mehr als drei Viertel der Amerikaner gaben ihre Stimme in einem Landkreis ab, den eine der beiden Parteien mit großem Abstand gewann. Deutlich mehr als die Hälfte der Wähler lebt sogar in einem Kreis, bei dem der Vorsprung des Siegers auf den Verlierer mindestens 20 Prozentpunkte beträgt. Landslide counties nennen Politikwissenschaftler diese Gegenden, weil die Wahlergebnisse dort einem Erdrutsch gleichkommen, der die unterlegene Partei begräbt. Die politische Landkarte der USA enthält zunehmend dunkelblaue und dunkelrote Flecken, die blass gefärbten Flächen schrumpfen.

Diese geografische Verteilung der Mehrheitsverhältnisse ist ein wichtiger Indikator für die Polarisierung in einem Land. Was wie eine abstrakte Metrik für Akademiker erscheint, hat handfeste Folgen: Wer in einem Landslide County lebt, trifft im Alltag überwiegend Leute mit ähnlicher politischer Einstellung. Republikaner haben republikanische Nachbarn, sie sitzen beim Elternabend neben anderen republikanischen Eltern und schwitzen im Fitness-Studio ebenfalls gemeinsam mit Republikanern. Das konträre politische Lager existiert vor allem in der Fremde, der Austausch mit Andersdenkenden wird zur Seltenheit.

Eine polarisierte Landschaft bietet zudem wenig Anreiz für Politiker, nach Ausgleich und Kompromissen zu streben. Einen Halbe-Halbe-Wahlkreis gewinnt nur, wer auch ein paar Wähler aus dem gegnerischen Lager überzeugt. In einem klar ausgerichteten Bezirk geht es hingegen eher darum, die eigene Anhängerschaft zu begeistern. Gerade bei parteiinternen Vorwahlen, wie sie in den USA üblich sind, gelingt das häufig radikalen Kräften am besten.

In den Großstädten haben die Republikaner keine Chance

Die Polarisierung folgt in Amerika klaren Mustern. Das wichtigste: Stadt und Land. Ländliche Gegenden wählen meist überwiegend republikanisch, in den Großstädten gewinnen fast immer die Demokraten. "Es gibt in Amerika keine dicht besiedelte Großstadt, die regelmäßig Republikaner wählt", schreibt der Autor Ezra Klein in seinem Buch "Der tiefe Graben".

Dieses Phänomen hat auch zur Folge, dass viele Karten mit den Wahlergebnissen in diesen Tagen ein verzerrtes Bild transportieren: Färbt man die Vereinigten Staaten Landkreis für Landkreis nach der dort siegreichen Partei ein, dann entsteht viel mehr rote Fläche als blaue. Dabei hat Joe Biden etwa vier Millionen Stimmen mehr bekommen als Donald Trump. Doch Bidens Stimmen konzentrieren sich eben in den dicht besiedelten Großstädten, während die republikanischen Wähler das weite Land bevölkern.

Dieses Stadt-Land-Gefälle hat den Nebeneffekt, dass Biden zwar insgesamt die Mehrzahl der Stimmen gewonnen hat, aber nur in einer kleinen Minderheit der Kreise als Sieger aus der Wahl hervorgeht. Auch hier können die genauen Zahlen im Laufe der nächsten Tage und Wochen noch schwanken, doch mindestens 2600 Landkreise gehen mehrheitlich an Trump, während Biden weniger als 600 gewinnen kann - in denen freilich die Mehrzahl der Wähler lebt. Ähnlich war die Verteilung vor vier Jahren bei der Wahl zwischen Donald Trump und Hillary Clinton ausgefallen.

Biden ist der "King of Queens" - hier gewann er mit 63 Prozentpunkten Vorsprung

So liegt Biden im New Yorker Stadtteil Queens sagenhafte 63 Prozentpunkte vor Trump. In Manhattan fällt das Ergebnis vermutlich noch deutlicher aus, dort zählen die Wahlhelfer noch. Im Prince George's County, das im Bundesstaat Maryland liegt und zum Großraum der Hauptstadt Washington, D. C., gehört, liegt Biden sogar 80 Prozentpunkte vorne. Zu den Extremen auf der anderen Seite des Spektrums zählt McPherson County in Nebraska. Dort liegt Trump 85 Punkte vor Biden - allerdings gaben dort nur 302 Wähler ihre Stimmen ab. In Queens waren es 947 000.

Neben dem Gefälle zwischen Stadt und Land gibt es weitere Indikatoren, nach denen sich rote und blaue Regionen unterscheiden. So zeigt etwa eine Analyse der Neuen Zürcher Zeitung, dass Joe Biden in Texas vor allem in einkommensstarken Kreisen zulegen konnte, während Trump seine Führung in den ärmeren Regionen ausbaute.

Zu einem besonders verlässlichen Marker entwickelt sich der Bildungsstand: Je höher der Anteil der Einwohner mit Hochschulabschluss, desto besser schneiden demokratische Kandidaten in der Regel ab. So konnte Joe Biden mitunter auch abseits der großen Metropolen Siege erringen - in Kleinstädten mit Hochschulen, Großkliniken und einer entsprechend gut ausgebildeten Wählerschaft.

Doch in der Regel kommt eben alles drei zusammen - große Städte, großes Geld, ein hoher Bildungsstand - oder es ist nichts davon vorhanden. "Jede dieser Teilungen stapelt sich auf die nächste", schreibt Ezra Klein. Daraus entstehe das tief gespaltene Land, das die Vereinigten Staaten von Amerika heute mehr denn je sind.

© SZ
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