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Trumps TV-Auftritt:Reine, ständige, verantwortungslose Aktion

Trump nutzt seine erste Ansprache aus dem Oval Office an das amerikanische Volk, um Ängste zu schüren. Übertragen von allen großen Sendern. Er hat das System geknackt.

Erste Male sind aufregend. Normalerweise werden sie weniger, je älter man wird. Doch das gilt, wie so vieles, nicht für den 72-Jährigen, der so einfältig ist, ständig sich selbst mit den Vereinigten Staaten von Amerika zu verwechseln. Donald Trump, US-Präsident wider jede Vernunft, erschafft erste Male auf Schritt und Tritt. Jetzt hat er sich das erste Mal mit einer Ansprache aus dem Oval Office an die Nation gewandt.

Vorher lautete die Befürchtung, er wolle diese Gelegenheit nutzen, um - das erste Mal in seiner Amtszeit - den nationalen Notstand auszurufen. Und sich so die 5,7 Milliarden Dollar zu sichern, mit denen er eines seiner zentralen Wahlversprechen verwirklichen will: ein Bollwerk an der Grenze zu Mexiko. Die Haushaltssperre, die seit 18 Tagen Teile von Trumps Regierung lahmlegt, könnte auf diese Weise beendet werden. Und Trump hätte neue Macht, von der keiner weiß, wie er sie einsetzt.

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Inszenieren statt verhandeln: Der US-Präsident verteidigt in einer Fernsehansprache zur besten Sendezeit seine Grenzmauer-Idee. Die Demokraten? Gehen auch auf Sendung.   Von Johannes Kuhn

So ist es nicht gekommen. Trump hat schlicht mehr oder weniger das, was er in den vergangenen Wochen getwittert hat, neuneinhalb Minuten lang von einem Teleprompter abgelesen. Der Präsident versuchte dabei möglichst präsidentiell zu wirken. Und ist daran gescheitert. Vorlesen gehört, wie so vieles, nicht zu seinen Stärken. Er hebt oder senkt die Stimme in den falschen Momenten, dramatische Pausen macht er, aber an den falschen Stellen.

Das allein ist eine verzeihliche Schwäche. Doch Trump nutzte seine Ansprache, um Ängste zu schüren. Anders als andere US-Präsidenten vor ihm, die solche Ansprachen genutzt haben, um die Menschen zu beruhigen, Ängste zu zerstreuen, konstruktive politische Maßnahmen zu verkünden, Lösungen aufzuzeigen. Sämtliche TV-Sender übertrugen Trumps Rede.

In der Fernsehnation USA bestimmt Trump viel zu oft die Agenda der TV-Sender und damit die der Nation. Es braucht dafür oft gar keine Rede aus dem Oval Office. Ein Tweet genügt. Vor Trump hatte die entscheidende Macht meist nicht der, der spricht, sondern der, der andere vom Sprechen abhalten konnte. Das hat sich geändert.

Während des Wahlkampfs vor nunmehr schon bald drei Jahren hätten sich die Verantwortlichen der Sender noch entscheiden können, nicht jeden Trump-Auftritt in voller Länge und ungefiltert zu übertragen. Jetzt, da ihm diese Aufmerksamkeit auch geholfen hat, Präsident zu werden, können sie ihm die Sendezeit für eine Ansprache aus dem Weißen Haus kaum mehr verwehren. Hätten sie sich einer Übertragung seiner Rede verweigert, hätte das eine der mächtigsten Waffen in Trumps Hand geschärft. Trump hätte sich dann wieder als Opfer präsentieren können.

Dieser Präsident ohne Werte, ohne Ideologie, ohne Richtung, hat das Kontrollsystem der US-Medien geknackt. Er setzt auf die reine, die immerwährende, die verantwortungslose Aktion und bekommt dafür Aufmerksamkeit. Kritische Berichterstattung stört da kaum, die glauben seine Anhänger sowieso nicht. Trump hat Politik so zu einer Form der Unterhaltung gemacht. Viele Bürger, nicht nur seine Anhänger, erwarten keine politischen Inhalte mehr, sie erwarten eine Reality-Show.

Die politischen und medialen Mittel zur Bekämpfung von Krisen und Gefahren für die Demokratie haben ihr Verfallsdatum erreicht. Dass nun der Shutdown immer weiter in die Länge gezogen wird, vielleicht zum längsten in der Geschichte der USA, ist da noch ein vergleichsweise geringes Übel. Was ebenfalls wahrscheinlicher wird und weitaus gefährlicher ist: Dass Trump in diesem Fall womöglich doch noch den nationalen Notstand ausruft. Dann wäre die Glaubwürdigkeit des demokratischen Systems insgesamt bedroht.