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US-Präsidentschaftswahl:Für Trumps Anhänger ist es noch lange nicht vorbei

Nach der Präsidentschaftswahl in den USA - Proteste

Anhänger von US-Präsident Trump nehmen an einem Protestmarsch teil.

(Foto: Jacquelyn Martin/dpa)

Tausende Unterstützer des US-Präsidenten ziehen durch Washington, um gegen die angeblich gestohlene Wahl zu protestieren. Ihre Wut bietet einen Vorgeschmack auf das, was den USA noch bevorstehen könnte.

Von Alan Cassidy, Washington D.C.

Wird Donald Trump seine Niederlage eingestehen? Seinem Nachfolger alles Gute wünschen, eine ordentliche Machtübergabe auf den Weg bringen? Wird er endlich gehen?

Nicht, wenn er auf diese Menschen hört. Auf die tausenden Menschen, die an diesem Samstag durch Washington ziehen, Mützen auf dem Kopf, Fahnen um die Schultern. Auf die Menschen, die in der amerikanischen Hauptstadt etwas wirken wie fremde Besatzer, weil es dort so gut wie keine Trump-Wähler gibt. Mehr als neun von zehn Einwohnern von Washington haben für Joe Biden gestimmt, es gibt womöglich keinen anderen Ort, an dem die Bestätigung von Trumps Abwahl derart ausgelassen aufgenommen wurde wie hier. Das war vor einer Woche.

Nun also: das Gegenprogramm. Der Aufmarsch, zu dem mehrere Pro-Trump-Organisationen aufgerufen haben, soll ein Zeichen der Unterstützung an den Präsidenten sein, der sich seit der Wahlnacht mehr oder weniger im Weißen Haus verschanzt hat. Ein Zeichen an Trump, das Resultat der Wahl nicht zu akzeptieren, nicht nachzugeben, keinen Fußbreit. So sieht das George Stade, der kurz vor Mittag an der Freedom Plaza steht, inmitten von anderen Trump-Anhängern, von denen nur die wenigsten Gesichtsmasken tragen, aber dafür Schilder, auf denen steht: "Stop the steal" - stoppt den Diebstahl.

Protest gegen die "sicherste Wahl der Geschichte"

George Stade ist aus dem Bundesstaat New York angereist. Er trägt eine Trump-Mütze und einen Overall seines eigenen Geschäfts, mit dem er Klimaanlagen verkauft und repariert. Stade glaubt nicht, dass Trump die Wahlen verloren hat. "Sie wurde ihm gestohlen. Das sehe nicht nur ich so, das sieht die Hälfte des Landes so." Da seien die Briefwahlzettel, die nach der Wahlnacht Trumps Vorsprung auf Biden zum Verschwinden gebracht hätten. Da sei die Software in den Wahlmaschinen, über die Biden Millionen von Stimmen zugeschanzt worden seien. Und da seien die vielen Wahlzettel für Trump, die demokratische Wahlhelfer überall verschwinden lassen hätten. "Wir wurden Opfer eines massenhaften Betrugs", sagt er.

Für einen solchen Betrug gibt es keine Beweise. Trumps Anwälte sind mit einer Reihe von Klagen vor Gericht abgeblitzt. Das von einem Trump-Vertrauten geführte Heimatschutzministerium und die Wahlleiter von 50 Bundesstaaten haben eine Erklärung veröffentlicht, in der sie die Wahl als "die sicherste in der Geschichte der USA" bezeichnen. Selbst beim konservativen TV-Sender Fox News nennen viele Moderatoren Trumps Vorwürfe "unbegründet". Doch George Stade ist das egal. Er sagt, es habe Betrug gegeben, "zu 100 Prozent". Er hat darüber bei Facebook gelesen und auf anderen Websites, und er sagt, er habe eigene Recherchen angestellt. Vor allem aber vertraut er Donald Trump.

Fragt man George Stade, was er tun wird, wenn die Gerichte einmal alle Klagen Trumps abgewiesen haben, wenn die Wahl von den Bundesstaaten zertifiziert worden ist, wenn also Joe Biden als 46. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt wird - dann erhält man eine Ahnung davon, warum derzeit viele Menschen besorgt sind über die Stimmung im Land. "Ich werde Trump folgen", sagt Stade. "Wenn er sagt, es ist vorbei, dann bin ich zufrieden. Wenn er aber sagt, dass die Wahl gestohlen wurde und es nicht vorbei ist, dann bin ich bereit, zur Waffe zu greifen und gegen meine Mitbürger zu kämpfen. Diese Leute ruinieren unser Land."

"Ich werde Trump folgen"

Es gibt andere Teilnehmer bei dem Aufmarsch, die das vermutlich ähnlich sehen. Die Mitglieder der rechtsextremen Proud Boys und der Milizen zum Beispiel, die zu Hunderten nach Washington gekommen sind. Sie tragen keine sichtbaren Waffen, weil das in der Hauptstadt nicht erlaubt ist, aber sie tragen schuss- und stichsichere Westen und schwere Stiefel. Später, als es Nacht wird in Washington, liefern sich einige dieser Männer Scharmützel mit linken Gegendemonstranten. Eine Person wird mit Stichverletzungen ins Krankenhaus gebracht, mindestens zehn Personen werden verhaftet.

Am Nachmittag zuvor betätigen sich die Proud Boys und Milizionäre als Leibwächter für den rechtsextremen VerschwörungstheoretikerAlex Jones. Sie ziehen mit ihm über die Pennsylvania Avenue, vorbei an Trumps Luxushotel, vorbei am FBI-Gebäude und am Justizministerium, den Kapitolshügel hoch zum Supreme Court.

Dort, vor den Stufen des Obersten Gerichtshofs, hält Alex Jones eine Rede. Es werde Wochen dauern, vielleicht auch Monate, "aber wir stehen hinter diesem Präsidenten", brüllt er. Er redet über die "pädophilen Globalisten" bei den Demokraten und in den Medien, die Trump stürzen wollten, und er kündigt eine "zweite amerikanische Revolution" an. Alex Jones sagt solche Dinge ständig, aber an diesem Nachmittag ist er damit nicht alleine. Nach ihm treten mehrere republikanische Abgeordnete vom rechten Flügel auf, darunter eine neu gewählte Abgeordnete, die der Verschwörungstheorie QAnon anhängt. Tausende von Menschen hören ihnen zu.

Sie jubeln, als die Redner die Republikaner in den Landesparlamenten von Pennsylvania und Michigan auffordern, das Wahlresultat zu ignorieren und eigene Wahlleute zu bestimmen, um Trump doch noch zur Wahl zu verhelfen. Sie jubeln auch, als die Redner Joe Biden als illegitimen Präsidenten bezeichnen.

Donald Trump selbst fährt am Vormittag mit seinem Konvoi über die Pennsylvania Avenue, auf dem Weg zu seinem Golfclub, und winkt seinen Anhängern aus dem Fenster seines Wagens zu. Vielleicht weiß der Präsident da schon langsam, dass er seine Niederlage nicht mehr lange abstreiten kann. Am Sonntag schreibt er bei Twitter erstmals von einem Wahlsieg Bidens, wenn auch nur im Zusammenhang mit weiteren Betrugsvorwürfen: "Er hat gewonnen, weil die Wahl manipuliert wurde." Bereits seine Bemerkungen vom Freitag, als Trump im Rosengarten des Weißen Hauses zweideutig von der "nächsten Regierung" sprach, lasen viele Leute als Zeichen dafür, dass auch er die Realität zu akzeptieren beginnt. Am Sonntagnachmittag widerruft Trump allerdings seine Aussage zu Bidens Sieg und twittert trotzig: "Ich gestehe gar nichts ein."

Es gibt unter den Besuchern der Trump-Demonstration aber längst nicht nur bärtige Männer in Kampfanzügen und schusssicheren Westen, sondern auch viele Leute, die als gewöhnliche Wähler durchgehen: Familien mit Kindern, Ehepaare, Studentinnen und Rentner. Bridgette Williams arbeitet als Suchtberaterin. Auch sie glaubt, dass Trump die Wahl gestohlen worden sei. Sie war als Wahlhelferin in Virginia tätig, und sie erzählt von anderen Wahlhelfern in Swing-States, die in eidesstattlichen Erklärungen bezeugt hätten, dass sie Betrug gesehen hätten. "Warum sollten diese Menschen das sonst tun, wenn es nicht stimmt?", fragt sie. Williams glaubt, dass der Betrug bald ans Licht kommen werde, er sei ja so offensichtlich. Und was, wenn nicht? Was, wenn Trump am 20. Januar gehen muss? "Dann wird er 2024 nochmals antreten", sagt Williams.

Trump mag die Wahl verloren haben. Doch in den Augen seiner Basis ist der Kampf noch lange nicht vorbei.

© SZ/mxm
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