Transatlantische Freundschaft Lange wurde Trumps Gepolter als Taktik abgetan

Und genau darum geht es inzwischen - um den Verbleib der Vereinigten Staaten in der Nato. Zumindest ist das die Ansicht etlicher Beobachter in Washington, die nicht wie Diplomaten fürs Schön- oder Drumherumreden bezahlt werden, sondern für einen nüchternen Blick auf die Realität. "Ich glaube, dass Trump jeden Moment den Austritt aus der Nato erklären könnte, und ich rechne damit", sagt ein erfahrener Washingtoner Außenpolitiker. "Wir sollten aufhören, so zu tun, als hätte Trumps Wahnsinn Grenzen."

In diesen Sätzen steckt eine deutlich pessimistischere Einschätzung zum Ernst der Lage, als sie bei Trumps Amtsantritt vor zwei Jahren vorherrschte. Damals wurde Trumps Gepolter über die angeblich so geizigen Verbündeten in Europa oft noch als Verhandlungstaktik abgetan. Der Präsident macht viel Wind, so die Logik, um maximalen Druck zu erzeugen und dadurch möglichst viel Geld herauszuschlagen. Diese Argumentation ist der Grund, warum Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg bei jedem Treffen mit Trump dankbar aufzählt, um wie viele Milliarden Dollar die Europäer ihre Militärhaushalte wegen der klaren Ansagen aus dem Weißen Haus erhöht hätten. Das soll Trump besänftigen.

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Doch spätestens seit im Dezember der damalige Verteidigungsminister James Mattis - ein ehemaliger Vier-Sterne-General der Marineinfanterie - in seinem schonungslosen Rücktrittsschreiben Trumps rüden Umgang mit den Nato-Partnern kritisiert hat, ist klar, dass der Präsident den Wert der Allianz eben nicht nur aus verhandlungstaktischen Gründen anzweifelt, sondern weil er schlicht nichts von dem Bündnis hält. Im Januar wurde diese Erkenntnis so drängend, dass der Kongress Besänftigungsversuche offenbar nicht mehr für ausreichend hielt, sondern ein Verbot für notwendig erachtete: Das Repräsentantenhaus stimmte für ein Gesetz, das es dem Präsidenten verbieten soll, Finanzmittel der Bundesregierung für den Austritt aus der Nato auszugeben.

Damit wäre zumindest einem formellen Rückzug der USA aus der Allianz ein Riegel vorgeschoben, auch wenn Trump als Oberbefehlshaber der amerikanischen Armee immer noch darüber entscheiden kann, welche Art von militärischem Beistand er im Ernstfall einem Partnerland gewähren will. Das Votum für die Nato war eindeutig: Das Abgeordnetenhaus billigte das Austrittsverbot mit 357 zu 22 Stimmen.

Die Gegner einer festen US-Bindung an Europa haben nicht die Oberhand. Noch nicht

In Washington wird seither freilich gerätselt, was eigentlich schlimmer war: die Tatsache, dass die Parlamentskammer es überhaupt für notwendig befunden hatte, einen Zustand gesetzlich festzuschreiben, der 70 Jahre lang weitgehend eine Selbstverständlichkeit gewesen ist - die Mitgliedschaft der USA in der Nato; oder die Tatsache, dass die 22 Abgeordneten, die mit Nein votierten, allesamt Republikaner waren, bei denen das Bekenntnis zur Nato früher Teil des Partei-Credos war. Die meisten dieser Abweichler gehören dem sogenannten Freedom Caucus an, jener konservativen Gruppe in der Fraktion, die dem Präsidenten nahesteht und im Parlament seine Ziele unterstützt.

Das zeigt, wie sehr der Rückhalt für die Nato in Washington inzwischen erodiert ist. Noch ist es nicht so weit, dass die Gegner einer festen sicherheitspolitischen Bindung Amerikas an Europa die Oberhand gewonnen hätten. Wie die Lage in zwei Jahren aussieht oder in sechs, sollte Trump eine weitere Amtszeit gewinnen, ist allerdings reine Spekulation. Gut möglich, dass eine ähnliche Abstimmung dann deutlich knapper ausfiele. Auf den Präsidenten als Fürsprecher sollte sich Europa jedenfalls lieber nicht verlassen.

Das ist ein wichtiger Unterschied zu den frühen 1950er-Jahren, als republikanische Isolationisten im Kongress die USA schon einmal aus der gerade erst gegründeten Nato lösen wollten. Damals stoppte Präsident Dwight D. Eisenhower diese Bestrebungen. Der ehemalige General hatte nur wenige Jahre zuvor die Landung der Alliierten in der Normandie und den Feldzug zur Befreiung Westeuropas kommandiert. Er wusste genau, was amerikanische Soldaten geopfert hatten. Und er wollte diese Opfer nicht dadurch entwertet sehen, dass Amerika sich von Europa abwandte.

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