USA: 20 Jahre 9/11:Die bittere Normalität nach dem Terror

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Auch Tage nach dem Anschlag steigt noch Rauch auf aus den Trümmern des World Trade Center in New York.

(Foto: Shannon Stapleton/Reuters)

Der Anschlag vor 20 Jahren und der "Krieg gegen den Terror" haben die USA verändert - und nicht zum Besseren. Das tragischste Erbe bleiben die Kriege mit zehntausenden Toten im Irak, in Afghanistan und andernorts.

Von Hubert Wetzel, Washington

Als am 11. September 2001 der Terror die USA erreichte, als in New York das World Trade Center brannte und in Virginia das Pentagon, als in wenigen Stunden fast 3000 Menschen starben, da war klar, dass Amerika sich verändert hatte. Nichts werde nach diesem Terrortag wieder so sein wie zuvor, hieß es. Und damals klang das plausibel. Wie sollte ein Land, dem so eine Wunde geschlagen wurde, auch je zur Normalität zurückkehren?

Heute, zwei Jahrzehnte später, leben die Amerikaner längst nicht mehr in dem Ausnahmezustand, in den sie an jenem strahlenden Herbsttag gestürzt wurden. Der Schmerz, die Wut und die Trauer, der Schock darüber, dass es auf der Welt Menschen gibt, die den USA so etwas antun wollen, haben nachgelassen. Mehr als ein Drittel der Menschen in den Vereinigten Staaten ist jünger als 25 Jahre, sie haben keine oder allenfalls eine vage persönliche Erinnerung an den Terror. Aber die neue Normalität ist eine andere als die alte Normalität. 9/11 hat sich auf vielerlei Art und Weise in den Alltag der Amerikaner eingegraben, ob sie den Tag nun selbst erlebt haben oder nicht. Das Land und das Leben sind tatsächlich nicht mehr so wie am 10. September 2001.

Über die Brooklyn Bridge hinweg ist zu sehen, wie das zweite Flugzeug im World Trade Center explodiert.

Über die Brooklyn Bridge hinweg ist zu sehen, wie das zweite Flugzeug im World Trade Center explodiert.

(Foto: Sara K. Schwittek/Reuters)

Manche dieser Veränderungen sind eher banal. Zum Beispiel müssen in den USA Fluggäste, wenn sie durch die Sicherheitskontrolle gehen, immer noch die Schuhe ausziehen. Es könnten ja Waffen oder Sprengstoff in den Sohlen stecken. In Museen werden am Eingang nach wie vor die Taschen auf verdächtige Dinge kontrolliert. Und jeder, der eine Uniform trägt, ist ein "Held", ob Polizist, Feuerwehrmann oder Soldat. So als sei er allein wegen der Farbe eines Hemdes und einiger Aufnäher einer jener echten Helden, die am 11. September 2001 in Manhattan in die brennenden Türme rannten, um Menschen zu retten. Und die dann von den Trümmern begraben wurden.

Nationale Sicherheit als Rechtfertigung fragwürdiger Maßnahmen

Andere Veränderungen sind weit weniger harmlos. 9/11 hat den USA ihre Verwundbarkeit vor Augen geführt, und das Land hat darauf mit einer massiven Aufrüstung des gesamten staatlichen Sicherheitsapparats reagiert, vom Militär über die Geheimdienste bis hin zu lokalen Polizeibehörden. Dass selbst Police Departments in der Provinz gepanzerte Fahrzeuge, ein militärisches Waffenarsenal und ein Spezialeinsatzkommando haben und entsprechend martialisch auftreten, ist eine direkte Folge von 9/11.

In Washington wurde ein neues Ministerium gegründet, das Department of Homeland Security, das für den Grenzschutz ebenso zuständig ist wie für Katastrophenhilfe und die Küstenwache. Terrorabwehr und nationale Sicherheit wurden zu einem Deckmantel, unter dem Tausende Milliarden Dollar ausgegeben und Bürokratien aufgebläht wurden, ohne dass je kontrolliert worden wäre, ob die USA dadurch wirklich sicherer werden.

Terrorabwehr und nationale Sicherheit wurden auch zu Schlagworten, um politische Entscheidungen und Handlungen zu rechtfertigen, die bis zum 11. September 2001 als inakzeptabel, vielleicht sogar als illegal gegolten hätten. Das begann gleich nach den Anschlägen, als das FBI Hunderte unschuldige muslimische Staatsbürger als angeblich "wesentliche Zeugen" festsetzte. Das war kaum mehr als ein antiislamischer Fischzug, keiner dieser Menschen hatte etwas mit den Anschlägen zu tun. In Wahrheit hatten die Sicherheitsbehörden die Hinweise übersehen, die es für den bevorstehenden Anschlag gegeben hatte.

Später führte der Sicherheitswahn zu großflächigen Überwachungsaktionen durch die National Security Agency. Und er führte hinunter in die Folterkammern, die die CIA in Guantanamo und in anderen Ländern einrichtete. Amerika, das Land der Freiheit und der Bürgerrechte, verlor in diesen Jahren einen Teil seiner Seele.

Einige dieser Fehlentwicklungen wurden inzwischen korrigiert. Andere lassen sich nicht mehr aus der Welt schaffen. Der Generalverdacht zum Beispiel, unter den die Muslime in den USA damals gerieten, wabert weiterhin im Hintergrund und lässt sich jederzeit mobilisieren. Donald Trump hat das in seinem Wahlkampf 2016 erfolgreich getan - unter anderem mit der seit Langem widerlegten Lüge, dass am 11. September 2001 "Tausende und Abertausende" arabischstämmiger Bürger in New Jersey den Einsturz der Türme in Manhattan bejubelt hätten. Die angebliche Notwendigkeit, sich gegen islamistische Terroristen verteidigen zu können, hat in den Jahren nach 9/11 auch viele Milizenmitglieder motiviert. Inzwischen haben "Sozialisten" und "die Antifa" in diesen Kreisen die Muslime als Feindbild abgelöst.

Kriege aus Angst und Rachsucht, mit verheerenden Folgen

Das tragischste Erbe des 11. September werden allerdings die Kriege bleiben, in die die USA gezogen sind - aus Angst und Rachsucht, vielleicht auch aus der naiven Überzeugung heraus, man könne den Terrorismus mit Bomben und Invasionen besiegen. Diese Kriege haben im Irak und in Afghanistan, aber auch in zig anderen Ländern rund um die Welt Zehntausende Menschen das Leben gekostet. Vermutlich waren nur sehr wenige dieser Opfer tatsächlich Terroristen.

Die Kriege haben aber auch daheim in den USA Verheerung angerichtet. Präsident Joe Biden hat es vergangene Woche in seiner Rede zum Ende des Afghanistan-Kriegs angesprochen: Tausende tote Soldaten, dazu Hunderttausende, die an Leib oder Seele verwundet nach Hause zurückgekommen sind. Zerbrochene Familien und zerbrochene Leben, die erschreckend oft mit einem Suizid enden. Es gebe keine bequemen, kostengünstigen Kriege, die man nebenbei führen könne, sagte Biden. Die Amerikaner haben zwei Jahrzehnte gebraucht, um diese Lektion zu lernen.

Zumindest diese Ära, die mit 9/11 begonnen hat, die Ära des sogenannten Global War on Terror, die Ära der Invasionen am anderen Ende der Welt mit dem Anspruch, Länder und Gesellschaften gewaltsam zu verändern, ist vorbei. Sie begann mit der Demütigung Amerikas, als ein Dutzend Terroristen die symbolischsten Gebäude der Weltmacht angriffen. Und sie endete mit der Demütigung Amerikas, als diese Weltmacht aus Afghanistan vertrieben wurde. Die letzten Opfer waren 13 amerikanische Soldatinnen und Soldaten, die am Flughafen in Kabul von einem Selbstmordattentäter getötet wurden. Zwölf von ihnen waren gerade erst geboren, als am 11. September 2001 der Terror ihr Land traf.

© SZ/mcs
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