USA:Meine Firma, meine Stadt

In Nevada könnten Unternehmer eigene Gemeinden gründen.

Von Claus Hulverscheidt

Wer braucht schon einen Staat, wenn er sich selber hat? Was in den Ohren vieler Europäer klingt wie aus der Fibel des kleinen Egomanen, ist in den USA seit Gründung der Union vor gut 230 Jahren eine sehr wohl diskutierte Frage. Bis heute sitzen im Kongress Abgeordnete und Senatoren, die sich stolz Libertäre nennen und den Staat abschaffen oder doch zumindest massiv zurechtstutzen wollen. An seine Stelle tritt der Einzelne, gern auch der Grundeigentümer und Unternehmer, der nur sich selbst gehört und niemanden sonst über sein Leben bestimmen lässt.

Libertäre Fabrikanten, die den Traum leben wollen, haben dazu womöglich bald die Gelegenheit. Im Bundesstaat Nevada, der Heimstatt von Kuhherden, Kupferminen und Kasinos, hat der demokratische Gouverneur Steve Sisolak einen Gesetzentwurf ausarbeiten lassen, der Firmen aus Zukunftsbranchen wie Robotik, künstliche Intelligenz oder Biometrie die Einrichtung neuer Städte, sogenannter Innovationszonen, erlauben würde. Der Clou: Die Städte sollen nicht von einem klassischen Gemeinderat nebst Bürgermeister regiert werden, sondern de facto vom investierenden Unternehmen. Die Firma dürfte also etwa Steuern erheben, Schulbezirke festlegen sowie Gerichte, Arbeitsämter und Kindergärten einrichten.

Voraussetzung ist, dass ein Antragsteller mindestens 200 Quadratkilometer unerschlossenes und unbewohntes Land außerhalb einer bereits existierenden Stadt kauft. Zudem müssen alle Interessenten 250 Millionen Dollar Kapital vorweisen, binnen zehn Jahren eine weitere Milliarde investieren und eine "industriespezifische Steuer" an den Bundesstaat zahlen.

Laut Gesetzantrag reichen kommunale Verwaltungen bisheriger Prägung nicht mehr aus, um Nevada USA-weit zum zentralen Standort für wichtige Zukunftstechnologien zu machen. Nötig seien neue, "alternative Regierungsformen", heißt es in dem 18-seitigen Entwurf, den die Tageszeitung Las Vegas Review-Journal veröffentlicht hat. Nach den Worten von Gouverneur Sisolak macht das Modell der Innovationszonen Steuer- und andere Subventionen überflüssig, mit denen man bisher Firmen wie etwa den Elektroautobauer Tesla nach Nevada gelockt hatte.

Mit der Blockchains LLC, US-Mutter des sächsischen Start-ups Slock.it, steht der erste Städtegründer bereits bereit. Firmenchef Jeffrey Berns, der mit Kryptowährungen reich wurde, hat schon ein 270 Quadratkilometer großes Gelände im Westen Nevadas erworben. Hier soll eine "intelligente Stadt" entstehen, die komplett auf der Blockchain-Datenspeichertechnologie aufgebaut ist. Berns und seine Firma haben über die Jahre vorsichtshalber Zehntausende Dollar an die politischen Parteien gespendet - offenbar mit Erfolg, denn neben dem demokratischen Gouverneur stehen auch die Republikaner dem Projekt offen gegenüber.

Ganz ohne Vorbild ist Sisolaks Idee übrigens nicht: Seit 1967 gibt es in Florida den Reedy Creek Improvement District, einen Landesbezirk, in dem der Freizeitpark Disney World liegt und den das namensgebende Unternehmen praktisch selbst verwaltet. Angst vor den Bezirksratswahlen muss der Konzern nicht haben: Wahlberechtigt sind ausschließlich Grundstückseigentümer - allesamt leitende Disney-Mitarbeiter.

© SZ
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