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USA: Jon Stewarts Demo gegen die Tea Party:"Wir leben nicht in der Endzeit"

Der US-Komiker Jon Stewart versammelt 200.000 Menschen in Washington, um der Hysterie der rechten Tea Party die Stirn zu bieten. Die Polit-Clowns wollen die Demokratie retten - und Satire wird zur patriotischen Pflicht.

Reymer Klüver, Washington

Nun, das Woodstock der Milleniumsgeneration wurde es am Ende vielleicht doch nicht, wie manche Blogger während der Veranstaltung schon euphorisiert schrieben. Ein großes, friedliches und vor allem fröhliches Happening war es aber allemal, was der amerikanische Fernsehsatire-Star Jon Stewart zusammen mit seinem Kollegen vom Kabelkanal Comedy Central, Stephen Colbert, drei Tage vor den Kongresswahlen in den USA an den Stufen des Washingtoner Kapitols organisiert hatte.

John Stewart and Stephen Colbert Rally to Restore Sanity and/or/Fear in Washington

Witzbolde in "Stars and Stripes": Stephen Colbert (li.) und Jon Stewart in Washington.

(Foto: REUTERS)

Wohl an die 200.000 vorwiegend jüngere Menschen waren am Samstag bei strahlendem Sonnenschein zu der Kundgebung mit dem ironischen Titel "Rally to Restore Sanity and/or Fear - Demo zur Wiederherstellung des gesunden Menschenverstands und/oder der Angst" gekommen.Es war ein lustiges Publikum. Ein Stu-dent, ein langer Kerl in schwarzem Anzug und Zylinder, der seinen Bart wie Abraham Lincoln zurecht gestutzt hatte, war da und erklärte ernsthaft augenzwinkernd, dass seine Teilnahme "patriotische Pflicht" sei. Ein anderer hielt ein selbstgemaltes Schild hoch mit der Parole "Facts not Fox", Fakten statt Fox News, der Haussender der Konservativen in den USA. Andere, nicht minder politische Köpfe reckten Plakate mit dem Aufdruck "Less fear, more beer - weniger Angst, mehr Bier" in die Höhe.

Auf der Bühne traten derweil Stars wie Sheryl Crow und Kid Rock auf und der Sänger, der früher einmal unter dem Namen Cat Stevens berühmt war, Yusuf Islam - und dazwischen immer wieder Stewart und Colbert. Teils war das Ganze Rockkonzert, teils eine Open-Air-Ausgabe ihrer nächtlichen Comedy-Shows im Fernsehen. Im Hintergrund stand die Kundgebung, die Fernsehmoderator Glenn Beck, einer der Wortführer der Rechten in den USA, Ende August unter dem Motto "Restore Honor - Wiederherstellung der Ehre" organisiert hatte, ebenfalls auf der Mall, dem Park in der Nähe des Weißen Hauses in Washington. Stewarts Massenaufgebot war ganz als Gegenentwurf zu Becks öffentlicher Weihestunde konzipiert.

Das fing schon mit der Wahl des Veranstaltungsortes an: Beck hatte das große patriotische Denkmal am westlichen Ende der Mall ausgesucht, das Lincoln Memorial, Stewart das östliche Ende mit der mächtigen Kuppel des Kapitols im Hintergrund. Becks Publikum war ganz überwiegend weiß und meist jenseits der 50. Zu Stewart kamen diejenigen, die auch seine Fernsehshows sehen: unter 30-Jährige und ein ziemlich bunt gemischter Haufen. Bei Beck werden es durchweg Anhänger der Tea-Party-Bewegung gewesen sein, bei Stewart dürften Republikaner eine kleine Minderheit dargestellt haben.

Da nimmt es kein Wunder, dass beide trotz aller gegenteiliger Beteuerungen hoch politisierte Veranstaltungen abgehalten hatten. Becks Kundgebung hatte Züge einer Massenevangelisation, doch eigentlich war es nichts anderes als eine Machtdemonstration der Neuen Rechten in den USA (was der Auftritt der Tea-Party-Heldin Sarah Palin nur noch unterstrich). Stewart wollte den Parolen der Konservativen nicht den öffentlichen Raum (und ganz konkret nicht die Mall in der Hauptstadt) überlassen. Allerdings warb er nicht für die Demokraten - so wie Beck für die Tea Party und damit für die Republikaner eintritt -, sondern für den parteiübergreifenden Kompromiss, eben für sanity in der Politik, den "gesunden Menschenverstand".

"Schwierige Zeiten"

Gegen Ende der zweistündigen Show auf der Mall sagte Stewart in einem, wie er es nannte, "Augenblick der Ernsthaftigkeit", dass es ihm keineswegs darum gehe, Konservative oder tief gläubige Amerikaner lächerlich zu machen, also diejenigen, die sich zu Becks Parolen hingezogen fühlen. Doch habe er genug von dem Versuch, beständig Angst zu erzeugen, einfach weil es politisch opportun erscheint oder in den Kabelsen-dern Quoten bringt: Angst vor Terroristen, Angst vor Linken, Angst vor der Regierung. "Wir leben gerade in schwierigen Zeiten", rief Stewart, "aber nicht in der Endzeit".

Wenn Bedrohungen durchweg übertrieben würden, bleibe kein Platz für vernünftige Analyse: "Wenn wir alles durch den Verstärker jagen, hören wir am Ende gar nichts mehr." Das zielte natürlich in erster Linie auf die Rechten und ihr Leitmedium, den Kabelsender Fox News (auch wenn der Ausgewogenheit halber ebenfalls ein paar Demokraten und den Sender CNN erwähnt wurden).

Zum Schluss versuchte Stewart, noch immer ganz ernsthaft, die Frage zu beantworten, die er seit Wochen offen gelassen hatte: Was bezweckte der vom Komödianten zur moralischen Instanz für Millionen mutierte Talkshow-Host nun wirklich mit diesem Massenauflauf vor den Stufen des Kongresses in Washington? Die Antwort, so Stewart, sei denkbar schlicht: "Eure Anwesenheit war alles, was ich wollte", rief er den 200.000 im milden Licht der herbstlichen Nachmittagssonne zu. "Euch hier zu sehen hat meinen Glauben an den gesunden Menschenverstand wiederhergestellt."

© sueddeutsche.de/jab
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