Süddeutsche Zeitung

USA:Assad: US-Angriff ist "rücksichtlos" und "unverantwortlich"

  • US-Präsident Donald Trump hat 59 Tomahawk-Raketen auf eine syrische Luftwaffenbasis abfeuern lassen.
  • Der Angriff ist eine Vergeltungsaktion gegen den syrischen Machthaber Baschar al-Assad.
  • Russland hat daraufhin eine mit den USA geschlossene Vereinbarung über die Vermeidung von Zusammenstößen im syrischen Luftraum ausgesetzt.

Die Vereinigten Staaten haben eine Luftwaffenbasis der syrischen Armee im Landesinneren angegriffen. Die Aktion gilt als Vergeltung gegen den mutmaßlichen Chemiewaffenangriff auf Zivilisten Anfang der Woche in Khan Scheikhun. Die USA machen Syriens Präsident Baschar al-Assad für den Einsatz von Chemiewaffen gegen seine eigene Bevölkerung verantwortlich, in dem mindestens 70 Menschen getötet wurden, darunter viele Kinder.

Nach einem direkten Befehl von US-Präsident Donald Trump seien von zwei US-Kriegsschiffen aus 59 Tomahawk-Marschflugkörper auf die Luftwaffenbasis abgefeuert worden. Im Visier seien Flugzeuge, Start- und Landebahnen sowie Treibstofflager gewesen, sagte ein Regierungsvertreter. Von der Basis soll der mutmaßliche Angriff mit dem chemischen Kampfstoff Sarin gestartet worden sein.

Syrien und Russland verurteilen US-Angriff

Die syrische Führung in Damaskus bezeichnete die Aktion am Freitagnachmittag als "rücksichtslos und unverantwortlich". Die Attacke sei "kurzsichtig" und spiegele "eine Fortsetzung einer Politik wider, die auf die Unterwerfung von Völkern abziele", erklärte das Büro von Machthaber Baschar al-Assad am Freitag. Zuvor hatte bereits das syrische Staatsfernsehen von einem Akt der "Aggression" gesprochen.

Auch der russische Präsident Wladimir Putin verurteilte das US-Bombardement als Angriff auf die Unabhängigkeit Syriens: "Präsident Putin hält die amerikanischen Angriffe für eine Aggression gegen einen souveränen Staat, gegen das Völkerrecht, dazu noch mit einem erdachten Vorwand", sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Die syrische Armee habe keine Chemiewaffen mehr, das habe nach der Entwaffnung auch die zuständige UN-Organisation bestätigt. Derweil werde der 'Einsatz von Chemiewaffen durch die Terroristen' komplett ignoriert."

Der Chef des Verteidigungsausschusses im russischen Parlament, Viktor Oserow, sagte, der US-Luftangriff könnte als Akt der Aggression der USA gegen ein UN-Mitglied gewertet werden. Russland fordere deswegen eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates. Zudem könnte die Aktion den Kampf gegen den Terrorismus erschweren.

Russland hat außerdem eine mit den USA geschlossene Vereinbarung über die Vermeidung von Zusammenstößen im syrischen Luftraum ausgesetzt. Russland setze das "Memorandum mit den USA über die Vermeidung von Zwischenfällen bei Flügen während Militäreinsätzen in Syrien" aus, erklärte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa. Bislang hatten beide Länder Daten über Flugbewegungen ausgetauscht, um Kollisionen zu verhindern.

Zahl der Verletzten in Syrien

Der Gouverneur der Provinz Homs, Talal Barasi, sprach von sechs Toten, sowie von sieben Verletzten. Der angegriffene Flugplatz in der Nähe des Ortes al-Schairat sei stark zerstört worden. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete vier getötete syrische Armeeangehörige, darunter einen General, sowie Dutzende Verletzte.

Der syrische Informationsminister Omran al-Subi bezeichnete den Angriff auf die Luftwaffenbasis als "begrenzt" und "erwartet". Eine militärische Eskalation sei nicht zu erwarten.

Es ist die erste Militäraktion der USA gegen Syrien seit Beginn des Bürgerkrieges vor sechs Jahren. Die Vorgängerregierung von Barack Obama hatte mit militärischen Schritten gegen die syrische Regierung lediglich gedroht - sie aber nicht ausgeführt, weil der US-Kongress es ablehnte, eine solche Strafaktion zu unterstützen.

Trump: Angriff dient nationalem Sicherheitsinteresse der USA

Trump äußerte sich am Abend in einer kurzen Stellungnahme in seinem Feriendomizil Mar-a-lago, wo er gerade den chinesischen Präsidenten Xi Jinping empfängt. "Assad hat die Hilflosen erstickt", sagte er. "Kein Kind Gottes sollte jemals einen solchen Horror erleben", sagte der US-Präsident über den mutmaßlichen Angriff mit dem Kampfstoff Sarin.

Trump bezeichnete es als zentrales "nationales Sicherheitsinteresse" der USA, den Einsatz von Chemiewaffen nicht zuzulassen. "Jahrelange Versuche, Assads Verhalten zu ändern, sind gescheitert. Heute bitte ich alle zivilisierten Nationen, uns zu helfen, das Blutvergießen in Syrien zu beenden."

Kreml hält Schuldzuweisung für verfrüht

Nach Darstellung des Verteidigungsministeriums in Washington wurden russische Militärs von dem bevorstehenden Angriff informiert. Damit habe ausgeschlossen werden sollen, dass russische Soldaten Opfer des Raketenangriffes werden, hieß es seitens des Pentagons. Auch dem türkischen Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu zufolge haben die USA die Mitglieder der Anti-IS-Koalition vor dem Luftangriff informiert.

Außenminister Rex Tillerson sagte hingegen, dass es vor der Operation keine Absprache oder Koordinierung mit Moskau gegeben habe.

Der UN-Sicherheitsrat hatte sich in der Nacht erneut nicht auf eine Resolution gegen Syrien einigen können. Ein Vorschlag von Frankreich, Großbritannien und den USA scheiterte an Russland.

Tillerson hatte Moskau vor den Luftschlägen am Donnerstag aufgefordert, die Unterstützung für Assad zu überdenken. Er sprach sich für eine Absetzung von Assad aus. Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow nannte den Chemiewaffenangriff zwar ein "gefährliches und monströses Verbrechen". Es sei aber falsch, jetzt schon Schuldzuweisungen anzustellen.

Assad weist jede Verantwortung für den Chemiewaffenangriff zurück. Russlands Präsident Wladimir Putin sagte, unbegründete Vorwürfe würden nicht weiterhelfen. Bei den Vereinten Nationen hatte Russland zuvor vor "negativen Konsequenzen" gewarnt, sollten die USA militärisch in den Konflikt eingreifen. Russland hat Bodentruppen in Syrien und greift Rebellen auch aus der Luft an.

Bisher konzentrierte sich Trump in seiner Syrien-Politik auf den Kampf gegen die Extremisten-Miliz Islamischer Staat. Der Chemiewaffenangriff habe ihn jedoch zum Überdenken veranlasst. Trump steuert damit auf einen Konflikt mit Russland und dem Iran zu, die beide Assad unterstützen.

Hinweise auf Nervenkampfstoff Sarin

Nach Angaben der türkischen Regierung ist sicher, dass bei dem Angriff in der Region Idlib Chemiewaffen eingesetzt worden sind. Das habe die Autopsie von drei Opfern ergeben, sagte Justizminister Bekir Bozdağ in der zentralanatolischen Stadt Kırıkkale.

Mehr als 30 Opfer waren zur Behandlung über die Grenze in die Türkei gebracht worden. Die Untersuchungen nahmen türkische Rechtsmediziner im Beisein von Experten der Weltgesundheitsorganisation und der Organisation zum Verbot chemischer Waffen vor. Das Gesundheitsministerium teilte später mit, es gebe Hinweise auf den Nervenkampfstoff Sarin.

Umstritten bleibt, wie die Giftstoffe freigesetzt wurden. US-Geheimdienste gehen laut Medien davon aus, dass das Gift von einem Flugzeug oder Hubschrauber der syrischen Armee abgeworfen wurde. Das russische Verteidigungsministerium hatte hingegen mitgeteilt, die giftige Substanz sei bei einem Angriff der syrischen Luftwaffe auf ein Gebäude freigesetzt worden, in dem "Terroristen" Chemiewaffen hergestellt hätten. Militärexperten halten diese Erklärung jedoch nicht für besonders glaubwürdig.

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