USA:Rittenhouse-Freispruch löst Proteste aus

Lesezeit: 3 min

Kyle Rittenhouse, der im vergangenen Jahr als damals 17-Jähriger zwei Black-Lives-Matter-Protestierende erschoss, ist von einer Jury in allen Anklagepunkten freigesprochen worden.

Von Christian Zaschke

Eines war nicht überraschend im Nachgang zum Verfahren gegen Kyle Rittenhouse: Dass es nach Ende des Prozesses nur wenige Stunden dauerte, bis sich in Portland im Bundestaat Oregon eine Gruppe von veritabler Größe zusammengefunden hatte, um gegen den Freispruch für den 18-Jährigen zu protestieren. Rittenhouse hatte im vergangenen Jahr, noch minderjährig, bei Protesten gegen Polizeigewalt und systemischen Rassismus in Kenosha im Bundesstaat Wisconsin zwei Menschen erschossen und einen weiteren verletzt.

Er war deshalb unter anderem wegen Mordes und versuchten Mordes angeklagt worden. Am Freitag hatte eine Jury ihn in allen Anklagepunkten freigesprochen. Offenbar kam sie zu dem Schluss, Rittenhouse habe in Notwehr gehandelt, weil er glaubte, sein Leben sei in Gefahr.

Portland liegt zwar 2000 Meilen von Kenosha entfernt, doch wenn es ums Protestieren geht, macht der Stadt niemand etwas vor. Seit im Mai vergangenen Jahres der Afroamerikaner George Floyd in Minneapolis von einem weißen Polizisten getötet wurde, wird in Portland mehr oder weniger ununterbrochen protestiert. Am Freitagabend gingen dabei mal wieder Scheiben zu Bruch. Zudem warfen manche Demonstranten Gegenstände auf die Polizei.

Protest in the wake of Kyle Rittenhouse's 'not guilty' verdict in Chicago

Menschen demonstrierten in Chicago gegen den Freispruch.

(Foto: CHENEY ORR/REUTERS)

Friedlich blieben hingegen die Proteste in anderen Städten. In Chicago gingen am Samstagnachmittag rund 1000 Menschen auf die Straße, um gegen Rassismus zu demonstrieren. Zum Teil wurde dabei insinuiert, bei Rittenhouse handele es sich um einen "White Supremacist", also einen Menschen, der an die Überlegenheit der weißen Rasse glaubt. In New York und in Los Angeles wurde ebenfalls demonstriert.

Insgesamt blieb es ruhig im Land. Der Gouverneur von Wisconsin hatte 500 Soldaten der Nationalgarde aktiviert für den Fall, dass es nach der Urteilsverkündung zu Ausschreitungen kommen sollte. In Kenosha hatten sich jedoch lediglich einige Dutzend Menschen vor dem Gericht eingefunden. Die Gruppe unterteilte sich zu etwa gleichen Teilen in jene, die den Freispruch begrüßten, und jene, die ihn ablehnten.

Diese Teilung war auch in den Medien zu beobachten. Konservative Sender lobten die Jury dafür, dass sie sich nicht habe unter Druck setzen lassen. Liberale Sender warnten, es sei ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen worden. Beim sehr konservativen Sender Fox News sagte der Kommentator Jesse Watters, der Gerechtigkeit sei Genüge getan worden: "Unser System funktioniert." Er kam zu dem etwas überraschenden Schluss, das Urteil sei vor allem ein Schlag gegen die etablierten Medien.

Beim sehr liberalen Sender MSNBC sprach die Kommentatorin Tiffany Cross hingegen von Rittenhouse als einem "kleinen, mörderischen White Supremacist" und gab ihrer Verachtung für republikanische Politiker Ausdruck, die ihre Unterstützung für Rittenhouse bekundet hatten. Zwei Kongressabgeordnete hatten in Aussicht gestellt, Rittenhouse ein Praktikum in ihren Washingtoner Büros anzubieten.

Der Fall hatte landesweit für Aufsehen gesorgt, weil wesentliche Fragen verhandelt wurden. Die offensichtliche: Kann es legal sein, dass ein 17-Jähriger mit einer halbautomatischen Waffe über die Straßen patrouilliert? Und schließlich zwei Menschen erschießt?

Die Antwort lautet, so unsinnig das dem juristischen Laien erscheinen mag: In diesem Fall ist es legal, weil das Recht auf Selbstverteidigung in den meisten Bundesstaaten der USA extrem weit gefasst ist. Es reichte, dass Rittenhouse glaubhaft versichern konnte, er habe um sein Leben oder zumindest seine körperliche Unversehrtheit gefürchtet. In Anbetracht der Rechtslage hatte die Staatsanwaltschaft daher von Beginn an einen schweren Stand.

Die Proteste in Kenosha im August vergangenen Jahres waren teils gewalttätig. Demonstranten plünderten und zündeten Geschäfte an. Den Protestierenden standen bewaffnete Bürger gegenüber, die die Geschäfte schützen wollten. Die Stimmung war aufgeheizt und aggressiv. Vermutlich hätten unter diesen Umständen alle Beteiligten argumentieren können, dass sie um ihre körperliche Unversehrtheit fürchten. Und wenn manche der Beteiligten bewaffnet sind, darunter ein 17-Jähriger, dann ist das Ergebnis nicht überraschend in einem Land, in dem statistisch jede Einwohnerin und jeder Einwohner mehr als eine Schusswaffe besitzt.

Auf Rittenhouse kommt jetzt einiges zu. Vermutlich wird man ihm einen lukrativen Buchvertrag anbieten, in konservativen Medien wird er als Held gefeiert. Die Angehörigen der von ihm getöteten Menschen teilten nach dem Urteil mit: "Heute gab es keine Gerechtigkeit für die Opfer."

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November 19, 2021, New York, New York, United States: A protester chants slogans during a protest march in Brooklyn aga

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Weil er sich bedroht fühlte, hat Kyle Rittenhouse bei einer Demo zwei Menschen erschossen. Nun wurde er freigesprochen. Weil die Gesetze das Recht auf Selbstverteidigung sehr weit fassen, hatte die Jury keine andere Wahl

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