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Black-Lives-Matter-Proteste:NBA und NHL sagen einige Playoff-Spiele ab

NBA Games Postponed Due To Player Protest

Der Playoff-Boykott der Basketballer aus Milwaukee ist beispiellos.

(Foto: AFP)
  • Mehrere amerikanische Sportligen sagen Spiele ab.
  • Ein 17-Jähriger, der in Verdacht steht, während der Proteste in Kenosha tödliche Schüsse abgegeben zu haben, gehörte möglicherweise einer weißen Bürgerwehr an.
  • Der bei einem Polizeieinsatz von Schüssen in den Rücken getroffene Jacob Blake hatte Ermittlern zufolge ein Messer in seinem Auto.
  • Nach dem jüngsten Akt von weißer Polizeigewalt solidarisieren sich Spieler und Teams der Basketballliga NBA .

Die ergreifende Protestnote der Milwaukee Bucks aus den Arena-Katakomben von Orlando trifft die aufgewühlten USA mit voller Wucht und setzt eine historische Zäsur. Am Jahrestag der ersten Anti-Rassismus-Aktion von NFL-Profi Colin Kaepernick folgen Sportler landesweit in zuvor noch nie da gewesener Art und Weise mit klaren Zeichen gegen Polizeigewalt und Rassismus in ihrem tief gespaltenen Land.

Ausgelöst vom beispiellosen Playoff-Boykott der Basketballer aus Milwaukee verzichteten Teams und Spieler in der NBA, der Baseball-Liga MLB, die Fußballer der MLS und die Basketballerinnen der WNBA auf ihre Wettkämpfe. Laut dem Sender ESPN schloss sich verspätet auch die Eishockey-Liga NHL der Protestserie an und sagte die für Donnerstag angesetzten Spiele ab. Die Ligen reagieren damit auf die jüngste Gewalttat von Polizisten gegen einen schwarzen Amerikaner. Der 29 Jahre alte Familienvater Jacob Blake war am Sonntag im US-Bundesstaat Wisconsin durch Schüsse der Polizei in seinen Rücken schwer verletzt worden.

  • Kommentar: Sportler erheben jetzt gemeinsam ihre Stimmen
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Tödliche Schüsse bei Protesten: 17-Jähriger wegen Mordes angeklagt

Am Rande einer Demonstration gegen Rassismus und Polizeigewalt sind in der US-Stadt Kenosha in Wisconsin am späten Dienstagabend zwei Menschen erschossen worden. Am Mittwoch wurde im angrenzenden Bundesstaat Illinois ein 17-jähriger Weißer festgenommen und wegen Mordes angeklagt - unklar ist, ob der Jugendliche in beiden oder nur in einem Fall verdächtig ist. In der dritten Nacht der Black-Lives-Matter-Proteste nach den Polizeischüssen auf einen unbewaffneten Afroamerikaner waren in Kenosha Mitglieder einer selbsternannten Miliz aufgelaufen. Möglicherweise gehörte der festgenommene 17-Jährige der weißen Bürgerwehr an.

Im Internet kursiert ein Handyvideo, in dem ein junger weißer Mann zu sehen ist, der mit einem halbautomatischen Gewehr bewaffnet mitten auf der Straße liegt. Einige Personen versuchen offenbar, ihn zu entwaffnen. Dabei feuert er mindestens zwei Schüsse. Eine Person fällt danach zu Boden unb bleibt liegen, eine zweite scheint verletzt worden zu sein. Was vor Beginn der Aufnahme passiert ist, ist nicht zu sehen. Augenzeugen zufolge soll der junge Mann eine Person erschossen haben, wurde dann beinahe von Umstehenden überwältigt und feuerte anschließend um sich. Auch hätten Polizisten den 17-jährigen Verdächtigen später einfach passieren lassen, obwohl einige der Demonstranten gerufen hätten, er habe gerade auf Leute geschossen.

Motiv und genaue Umstände der Schüsse, sind noch unklar. Der Sheriff von Kenosha County, David Beth, sagte der Zeitung Milwaukee Journal Sentinel, in den vergangenen Nächten hätten Bewaffnete in den Straßen von Kenosha patrouilliert. "Sie sind wie eine Miliz." Auf die Frage, warum er zur Bewältigung der Unruhen nicht bewaffnete Bürgerinnen und Bürger für Patrouillen einsetze, verwies Beth auf den Vorfall in der Nacht zu Mittwoch: Das sei "wahrscheinlich der perfekte Grund, warum ich das nicht tun würde".

Vor den Schüssen führte die konservative Website The Daily Caller ein Video-Interview mit dem mutmaßlichen Schützen vor einem mit Brettern vernagelten Geschäft. "Menschen werden verletzt, und unser Job ist es, diese Geschäfte zu beschützen", sagt der junge Mann darin. "Und Teil meines Jobs ist es, Menschen auch zu helfen. Wenn jemand verletzt wird, stelle ich mich dem in den Weg. Deshalb habe ich mein Gewehr - weil ich mich natürlich selbst schützen kann. Aber ich habe auch mein Erste-Hilfe-Set."

Ein anderes Video, das im Internet die Runde machte, zeigte, wie Polizisten mehreren bewaffneten Zivilisten Wasserflaschen zuwarfen. "Wir freuen uns, dass ihr hier seid", sagt ein Beamter in der Aufnahme zu den Bewaffneten. In Wisconsin darf jeder über 18 offen eine Waffe tragen - auch ohne Waffenschein.

Ermittler: Blake hatte Messer im Auto

Der bei einem Polizeieinsatz von Schüssen in den Rücken getroffene Jacob Blake hatte nach Angaben der Ermittlungsbehörden ein Messer in seinem Fahrzeug. Das Messer sei auf dem Boden des Innenraums auf der Fahrerseite sichergestellt worden, sagte der Generalstaatsanwalt des Bundesstaates Wisconsin, Joshua Kaul. Der Mann habe den Polizisten zuvor "an einem bestimmten Punkt" gesagt, dass er ein Messer habe, sagte Kaul. In dem Auto seien keine weiteren Waffen gefunden worden.

In einem Video, das den Vorfall dokumentiert, ist zu sehen, wie sich der 29-jährige Blake zunächst um sein Auto bewegt, während zwei Polizisten ihm mit gezogenen Waffen folgen. Eine davon ist direkt auf seinen Rücken gerichtet. Blake öffnet die Fahrertür und beugt sich hinein, unmittelbar danach fallen sieben Schüsse. Kaul sagte, die Polizisten hätten zuvor versucht, Blake mit einem Elektroschocker zu betäuben, dies sei aber fehlgeschlagen.

In dem Auto befanden sich die Kinder Blakes im Alter von drei, fünf und acht Jahren.

Historischer Protest: NBA sagt Playoffspiele ab

Die Profis der US-Basketballliga NBA haben den Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt auf eine völlig neue Ebene gehoben - und durch ein boykottiertes Playoff-Spiel die Absage aller Partien des Tages erzwungen. Auslöser war die Entscheidung des Titelkandidaten Milwaukee Bucks, aus Protest gegen die jüngste Gewalttat von Polizisten gegen den Afroamerikaner Jacob Blake auf ihr Duell gegen Orlando Magic zu verzichten. Der Vorfall um Blake hatte sich weniger als eine Autostunde von Milwaukee entfernt ereignet.

Nur Stunden vor der Entscheidung der NBA, den Spieltag am Mittwoch abzusagen, hatten sich Oklahoma City Thunder um Nationalspieler Dennis Schröder und die Houston Rockets mit einem Boykott ihres fünften Duells gegeneinander dem Protest angeschlossen. Ebenso die Los Angeles Lakers um Top-Spieler LeBron James und die Portland Trail Blazers.

"Wir haben das Töten und die Ungerechtigkeit satt", sagte Bucks-Guard George Hill der Online-Plattform The Undefeated und bestätigte, dass die Mannschaft nicht auflaufen werde. Wie es in der NBA nun weitergeht, ist völlig offen.

Trump schickt Nationalgarde nach Wisconsin

Nach tagelangen Protesten gegen Polizeigewalt in Wisconsin schickt US-Präsident Donald Trump die Nationalgarde in den Bundesstaat im Mittleren Westen. In Absprache mit dem Gouverneur von Wisconsin, Tony Evers, würden jetzt Bundesbeamte und Nationalgardisten eingesetzt, twitterte Trump. Sie sollten "Recht und Ordnung" wiederherstellen.

Evers erklärte, er habe der Entsendung von 500 Nationalgardisten nach Kenosha in Wisconsin zugestimmt. In der Stadt kommt es zu Ausschreitungen, seit ein Polizist am Sonntag dem 29-jährigen Jacob Blake mehrfach aus nächster Distanz in den Rücken geschossen hatte.

Mutter von Jacob Blake ruft zu Ende von Rassismus auf

Ein Beamter zerrt am Oberhemd des Schwarzen, dann werden mehrere Schüsse abgefeuert - offenbar in dessen Rücken: In den USA haben diese Bilder von Polizeigewalt für Bestürzung gesorgt und neue Proteste entfacht. Aus Furcht vor einer weiteren Eskalation ist im US-Bundesstaat Wisconsin der Notstand ausgerufen worden.

Zudem ordnete Gouverneur Tony Evers am Dienstag (Ortszeit) eine verstärkte Präsenz der Nationalgarde in der Stadt Kenosha an, um die Infrastruktur zu bewachen und für den Schutz von Feuerwehrleuten und anderen Kräften zu sorgen. Viele sehen den umstrittenen Einsatz gegen den Afro-Amerikaner Jacob Blake, der bei dem Einsatz lebensgefährlich verletzt wurde, als das jüngste Beispiel für Rassismus und Polizeigewalt in den USA.

Blakes Mutter forderte mit ergreifenden Worten das Ende von Rassismus in den USA. "Ich wende mich an alle, egal ob weiß, schwarz, japanisch, rot, braun. Niemand ist dem anderen überlegen", sagte Julia Jackson am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Kenosha. "Bitte lassen Sie uns anfangen, für die Heilung unserer Nation zu beten." Sie sprach sich gegen gewaltsame Proteste aus, nachdem in der Stadt zwei Nächte in Folge Gebäude und Autos gebrannt hatten. Ihr Sohn würde die Gewalt und Zerstörung nicht schätzen.

Trotz des ausgerufenen Notstands kam es in in Kenosha in der Nacht auf Mittwoch erneut zu Protesten, wie CNN berichtet.

Auslöser der Unruhen waren Handyaufnahmen, die einen Polizeieinsatz gegen den 29-jährigen Blake zeigen: Zu sehen ist, wie der junge Mann von einem Bürgersteig zur Fahrerseite eines Geländewagens geht und dabei von Beamten mit gezogenen Waffen verfolgt wird. Sie brüllen ihm etwas zu. Als Blake die Tür öffnet und sich in den Wagen hineinbeugen will, packt ihn einer der Polizisten am Oberhemd und feuert mehrfach auf ihn, während Blake ihm den Rücken zugekehrt hat - dem Anwalt der Familie zufolge insgesamt siebenmal. Blake wurde in ernstem Zustand in ein Krankenhaus gebracht. Seiner Familie zufolge ist er derzeit von der Hüfte abwärts gelähmt. "Es wird ein Wunder brauchen, damit Jacob Blake jemals wieder gehen kann", sagte der Anwalt der Familie.

Die Polizisten hatten Blake einem Zeugen zufolge aufgefordert, sein Messer wegzuwerfen - allerdings soll der Afroamerikaner gar keines gehabt haben. Auch Gouverneur Evers sagte, er habe keine Informationen, die darauf hindeuteten, dass Blake ein Messer oder eine andere Waffe getragen hätte. Zu dem Fall ermittelt das Justizministerium von Wisconsin. Die Entscheidung über eine strafrechtliches Verfahren liegt diesem zufolge aber bei der zuständigen Bezirksstaatsanwaltschaft von Kenosha. Bezirksstaatsanwalt Michael Graveley sagte CNN zufolge am Montag, die Untersuchungen stünden ganz am Anfang.

© SZ/AP/dpa/Reuters/saul/jsa/hij/odg/gal/bix/kler/mane
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