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"Krieg gegen den Terror":Wie US-Psychologen zur Folter beitrugen

US-Gefangenlager Guantanamo

Der "Krieg gegen den Terror" und seine Folgen: Häftlinge und ihre Bewacher im Camp X-Ray in Guantánamo.

(Foto: dpa)
  • Eine Untersuchung zeigt, wie die Gesellschaft Amerikanischer Psychologen (APA) über Jahre am "Krieg gegen den Terror" der USA mitgewirkt hat.
  • Mitglieder der APA entwickelten nicht nur Foltermethoden, sondern waren auch anwesend, als man sie anwendete, etwa in Guantanamo.
  • Es ist von einer "systematischen Kollaboration" zwischen dem Verteidigungsministerium und der APA die Rede.

Erste Vorwürfe, dass amerikanische Psychologen in George W. Bushs "Krieg gegen den Terror" an der Ausarbeitung von Foltermethoden mitgewirkt hätten, gab es schon 2007. Doch nun liegt eine neue Untersuchung vor, für die interne Dokumente und E-Mails ausgewertet wurden. Sie zeigt, wie die Gesellschaft Amerikanischer Psychologen (APA) über Jahre systematisch mit dem Verteidigungsministerium zusammenarbeitete.

Basierend auf der Annahme, dass die menschliche Fähigkeit zur Selbstkontrolle bei extremer Angst und Verwirrung abnimmt, haben Mitglieder der APA Foltermethoden wie das berüchtigte Waterboarding nicht nur entwickelt; sie waren auch anwesend, als man sie anwendete, etwa in Guantanamo oder Abu Ghraib.

Die gesamte APA-Führungsriege wurde bereits entlassen

So steht es im Untersuchungsbericht des Juristen David Hoffman, den die APA in Auftrag gegeben hat. Die Psychologen hätten ihre eigenen ethischen Standards unterwandert, zu diesem Ergebnis kommt der Bericht. Sie hätten daran mitgewirkt, dass Methoden der Demütigung wie die rektale Einführung von Nudelbrei bei Gefängnisinsassen als "innovative Verhörtechniken" galten und unhinterfragt blieben.

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Die gesamte Führungsriege der APA wurde bereits entlassen. "Sie haben alles gewusst", sagt Nadine Kaslow, ehemals Präsidentin der Organisation, und hätten ihre Zusammenarbeit mit dem Pentagon jahrelang verschwiegen. "Es ist die größte Krise unseres Verbands", so Kaslow. Die APA sei 1892 gegründet worden mit dem Vorsatz, sich für das Wohl der Gesellschaft und der einzelnen Bürger einzusetzen. "Wir hätten viel früher auf entsprechende Meldungen reagieren sollen. Jetzt ist der Imageschaden enorm, und es braucht wohl Jahre, um das Vertrauen wieder herzustellen."

Tatsächlich hielt bereits der Pentagon-Ermittler Shelton R. Young 2007 in einem Bericht fest, dass Psychologen der APA vom amerikanischen Militär angeheuert wurden, um Terrorverdächtige mit neuen Methoden zum Sprechen zu bringen. Für ihre Arbeit, erfuhr man zwei Jahre später, erhielten die Psychologen James Mitchell und Bruce Jessen 80 Millionen Dollar. Sie selber hatten keine Erfahrung mit Verhörmethoden und nie zuvor Befragungen vorgenommen. Ihre Kenntnisse bezogen sie allein aus Büchern. Sie entwickelten verschiedene "Techniken für verschärfte Verhörmethoden", darunter Schlafentzug, Waterboarding, Einsatz von Insekten und vorgetäuschte Exekutionen.

Land in "kriegsähnlichem Zustand"

Der Folterbericht 2014, in dem der Senat untersuchen ließ, was in den weltweit verstreuten Geheimgefängnissen der USA ("Black Sites") vor sich ging, führte noch einmal alle Details auf. Doch es war der New York Times-Journalist James Risen, der in seinem Buch darauf hinwies, dass es nicht nur einzelne Psychologen waren, die dem "Krieg gegen den Terror" zudienten; etwa APA-Mitglied John Leso, der sich an der Folter von Mohammed al-Qahtani beteiligt haben soll, einem saudischen Gefangenen, der daran beinahe gestorben wäre. Vielmehr müsse man von einer "systematischen Kollaboration" zwischen dem Verteidigungsministerium und der APA sprechen, so Risens Einschätzung.

Der Verband dementierte zunächst alle Vorwürfe. Erst im vergangenen Jahr gab er eine eigene Untersuchung in Auftrag, deren Resultate beweisen, dass sämtliche Anschuldigungen stimmen.

Die Gründe für die Kooperation waren banal

Die Gründe, warum es überhaupt zur Zusammenarbeit mit dem Verteidigungsministerium gekommen war, sind laut APA-Bericht banal: Es ging um Geld, um Prestige und Arbeitsplätze. "Das Pentagon beschäftigt seit jeher viele Psychologen, man wollte es sich mit dem prominenten Arbeitgeber nicht verscherzen", heißt es in dem Bericht.

"Es ging auch darum, einen etwas lädierten Berufsstand aufzupolieren und einen Beitrag für das Land zu leisten, das sich nach den Terroranschlägen 2001 in einem kriegsähnlichen Zustand befand." Interne E-Mails, die Hoffman, dem Verfasser des Berichts, vorlagen, zeigen, wie einzelne Psychologen vom Pentagon und der APA-Führung angesprochen und dazu überredet wurden, für das Militär zu arbeiten. "Es fiel offenbar einigen schwer, eine solche Anfrage abzulehnen, der Druck war zu groß", sagt Nadine Kaslow.

Die APA hat heute 130 000 Mitglieder und ein Jahresbudget von 100 Millionen Dollar. Mitte der Woche findet in Toronto die Jahreskonferenz statt, in der die Resultate des Berichts Diskussionen auslösen werden. Schon in den Jahren davor gab es Proteste, Podiumsdiskussionen mussten abgebrochen werden. Die Zeitung Boston Globe berichtete, APA habe angekündigt, die Richtlinien für Mitglieder zu ändern. Künftig soll es Psychologen des Verbands untersagt sein, Verhören des US-Militärs beizuwohnen.

© SZ vom 04.08.2015/fued
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