Pandemie:Endlich mal Krisengewinnler

Pflegerinnen und Pfleger können in den USA jetzt prächtig verdienen.

Von Claus Hulverscheidt

Wenn Systemkritiker sich über die Auswüchse des Kapitalismus ereifern, dann geht es meist um die Ausbeutung von Arbeiterinnen und Arbeitern, um Niedriglöhne und unfasslichen Reichtum, um zockende Banker oder Monopolisten, die jeden Konkurrenten platt walzen und dabei noch Milliardengewinne einstreichen. Manchmal, ganz selten zugegebenermaßen, führt das freie Spiel von Angebot und Nachfrage aber auch zu Kuriositäten, von denen die einfachen Arbeitnehmer profitieren - so wie derzeit in den USA.

Weil Zigtausende Pflegerinnen und Pfleger im Zuge der Corona-Pandemie entnervt gekündigt haben, suchen Kliniken im ganzen Land händeringend Personal. Immer häufiger müssen sie dabei auf "travel nurses" zurückgreifen, auf Reisekrankenschwestern also, die von Stadt zu Stadt, von Bundesstaat zu Bundesstaat ziehen und immer dort eine Zeit lang aushelfen, wo die Corona-Welle aufgrund politischer Fehler wieder über eine Region hereingeschwappt ist oder wo es aus anderen Gründen an Mitarbeitern fehlt.

Angesichts massiv gestiegener Infiziertenzahlen hat sich der Bedarf zuletzt derart erhöht, dass auch die Vergütungen der Springer durch die Decke gehen. Schon in normalen Zeiten sind die Verdienstmöglichkeiten mit 2500 oder 3000 Dollar nicht schlecht - pro Woche, wohlgemerkt. Allerdings müssen die Zeitarbeiter von dem Verdienst Hotelzimmer und alle Mahlzeiten bezahlen, zudem ist der Job anstrengend, und zwischen den Engagements gibt es manchmal Lücken. Derzeit aber offerieren die Krankenhäuser geradezu Traumpakete: 6000 Dollar für eine Woche sind beinahe üblich, 8000, gar mehr als 10 000 nicht selten. Dafür, so das Branchenportal nurse.org, müssen sich Pfleger aber gerade in Covid-Kliniken darauf einstellen, "dass sie in ein Kriegsgebiet kommen".

In früheren Zeiten machten Reisekrankenschwestern in US-Krankenhäusern im Schnitt drei bis vier Prozent des medizinischen Pflegepersonals aus, die Verwaltungen nutzten ihre Dienste meist, um kleinere Engpässe zu überbrücken. Derzeit beträgt die Quote Experten zufolge fast zehn, auf Intensivstationen gar 15 Prozent - und die Agenturen, die Kurzzeitpflegekräfte vermitteln, suchen nach weiteren 30 000 Interessierten. Dabei muss man wissen, dass es einen Unterschied zwischen einer amerikanischen "nurse" und einer deutschen Krankenschwester gibt: US-Pflegerinnen und Pfleger haben nicht selten eine Hochschulausbildung, dürfen einfache Untersuchungen vornehmen und Medikamente verschreiben, solange es um unkomplizierte Fälle geht. Sie sind eine Art Hybrid aus Pflegeschwester und unterster Arztebene.

Neben Corona gibt es noch einen weiteren Grund dafür, dass der Bedarf an Reisepflegekräften seit Jahren steigt, vor allem zwischen November und April und insbesondere im Süden der USA: das Gebaren der sogenannten "Zugvögel" - jener vielen Hunderttausend Menschen also, oft betuchte Rentner, die den Winter lieber im warmen Miami, am Golf von Mexiko, in Austin oder Phoenix verbringen als im kalten New York oder gar in Minneapolis. Nicht wenige von ihnen bringen außer Kaufkraft auch die Wehwehchen mit in den Sonnenstaat ihrer Wahl - und landen gelegentlich statt am Strand im Krankenhaus.

© SZ
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