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Klage gegen Wayne LaPierre:Waffen-Lobbyist und Freund eines dicken Spesenkontos

FILE PHOTO: Wayne LaPierre speaks at the NRA annual meeting in Indianapolis

"Der einzige Weg, um einen bösen Menschen mit einer Waffe zu stoppen, ist ein guter Mensch mit einer Waffe", meint Wayne LaPierre. 2012 forderte er, alle Lehrerinnen und Lehrer zu bewaffnen - zum Schutz der Kinder.

(Foto: REUTERS)

NRA-Boss LaPierre hat aus der US-Schützenvereinigung ein aggressives politisches Kampfinstrument gemacht. Doch der "Lobbyist des Todes", wie er einmal genannt wurde, ist nicht mehr unangreifbar.

Von Hubert Wetzel, Washington

Es gibt Menschen in den USA, für die ist Wayne LaPierre ein Held. Ein stolzer Patriot, der das in der Verfassung garantierte Recht aller Amerikaner verteidigt, eine Waffe zu besitzen. Es gibt aber auch Menschen, für die ist Wayne LaPierre, der Vorsitzende der National Rifle Association (NRA), des Verbands der Schusswaffenbesitzer in Amerika, ein Verbrecher, der Blut an den Händen hat - der "Lobbyist des Todes", wie er einmal genannt wurde.

Für Letitia James, die Justizministerin des Bundesstaats New York, ist LaPierre schlicht ein Betrüger. Am Donnerstag reichte sie eine Klage gegen ihn sowie andere NRA-Funktionäre ein. Der Vorwurf: LaPierre und seine Komplizen sollen die Organisation über Jahre regelrecht gemolken und zig Millionen Dollar an Mitgliedsbeiträgen und Spenden für Fantasiegehälter, Luxusreisen und diverse andere Spesen verprasst haben. Die ganze NRA sei so korrupt und kaputt, dass sie aufgelöst werden müsse, forderte James.

Dass ein Vereinsvorsitzender in die Vereinskasse greift, kommt vor. Aber Wayne LaPierre, 70, ist eben kein einfacher Vereinsvorsitzender, und die NRA ist kein einfacher Verein. Der Verband mit dem Adler und den Musketen im Wappen, der 1871 gegründet wurde und nach eigenen Angaben fünfeinhalb Millionen Mitglieder hat, ist eine der mächtigsten Lobbyorganisationen in den USA. Und das liegt ganz wesentlich an LaPierre, der die NRA seit 1991 führt. Er hat aus einem verschlafenen Schützenverein, der Sicherheitskurse für Waffenbesitzer und Schießunterricht angeboten hat, ein aggressives politisches Kampfinstrument gemacht, mit dem er kompromisslos das Recht auf freien Waffenbesitz in den USA verteidigt.

Es stimmt: Dieses Recht ist im Zweiten Verfassungszusatz, dem Second Amendment, festgeschrieben und kann nicht einfach abgeschafft werden. Aber dass es für die Politik angesichts von jährlich knapp 40 000 Schusswaffentoten praktisch unmöglich ist, selbst legale und sinnvolle Beschränkungen zu beschließen, liegt auch daran, dass LaPierre sich allen Versuchen betonhart in den Weg stellt. Es war LaPierre, der im Dezember 2012, ein paar Tage nachdem ein junger Mann in der Sandy Hook Elementary School in Newtown, Connecticut, 20 Grundschüler erschossen hatte, dem entsetzten Land riet, zum Schutz der Kinder doch alle Lehrer zu bewaffnen. "Der einzige Weg, um einen bösen Menschen mit einer Waffe zu stoppen, ist ein guter Mensch mit einer Waffe", sagte LaPierre damals. In diesem Satz steckt sein gesamtes politisches Programm, und an dieser Linie hält er auch nach jedem neuen Massaker fest.

Trump schloss im Wahlkampf einen Pakt mit der NRA

Sein Amt machte LaPierre jahrzehntelang zu einem ebenso einflussreichen wie gefürchteten Mann in Amerika. Sich als Politiker mit der NRA anzulegen, war riskant. Ihre Unterstützung zu haben, war dagegen viel wert - die Organisation konnte Spenden überweisen und Wähler mobilisieren. Das hat unter anderem Donald Trump verstanden, eigentlich kein besonders großer Waffenfreund, der aber im Wahlkampf 2016 einen politisch vorteilhaften Pakt mit LaPierre und der NRA schloss. Das war einer der Gründe, warum Trump damals gewann. Seither spielt er sich als großer Freund und Verteidiger des Second Amendment auf.

Doch LaPierre ist nicht mehr unangreifbar. Demokratische Kandidaten sind mittlerweile eher stolz darauf, wenn die NRA sie als Gegner sieht. Und auch in konservativen Kreisen gibt es Kritik daran, dass LaPierre die NRA politisch immer weiter nach rechts gerückt und zu einer Art Propagandaabteilung des Trump-Flügels der Republikaner gemacht hat. Die Organisation beschränkt sich längst nicht mehr drauf, nur für das Recht auf Waffenbesitz zu werben, sondern käut das ganze paranoide, kitschig-patriotische und oft rassistische Weltbild der Trumpisten wieder. Auch LaPierres Prasserei stößt vielen Mitgliedern auf. Es ist daher möglich, dass der Tod sich bald einen neuen Lobbyisten suchen muss.

© SZ vom 08.08.2020

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