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USA nach Hurrikan "Sandy":Wiederaufbauen? Klar, aber das Problem liegt tiefer

Bürgermeister Michael Bloomberg sagte, die Stadt sei "zurück auf dem Weg in die Normalität", er stellte die Bürger aber auch auf ein Verkehrschaos ein. Ein Erlass Bloombergs schreibt vor, dass nach Manhattan bis auf Weiteres nur Autos fahren dürfen, in denen drei Menschen oder mehr sitzen. Die Regel gilt vor Beginn des abendlichen Berufsverkehrs auch für Taxis. Die Flughäfen John F. Kennedy und La Guardia waren wieder offen, aber nur für einen stark eingeschränkten Verkehr. Auch die nationale Bahngesellschaft Amtrak nahm ihren Dienst an der Ostküste wieder auf.

Klar ist, dass der Wiederaufbau an der Küste Jahre dauern wird. Sandy hat insgesamt 15 Bundesstaaten verwüstet. Hier leben 30 Prozent aller Amerikaner, die ein Drittel des US-Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften. Sollte hier das Wirtschaftsleben komplett ausfallen, würde dies täglich 18 Milliarden Dollar kosten.

Volkswirtschaften erholen sich nach Naturkatastrophen in der Regel relativ schnell. Doch das eigentliche Problem liegt tiefer: Die Staaten an der Ostküste werden sich grundsätzlich besser gegen Hochwasser schützen müssen, wenn sie eine Wiederholung der Sandy-Katastrophe ausschließen wollen. "New York ist nicht ausgelegt auf Hochwässer wie dieses", sagte Gouverneur Andrew Cuomo bei einer Besichtigungstour an der besonders betroffenen Südspitze Manhattans. Dann setzte er sich von Leuten ab, die von einer "Jahrhundertflut" im Zusammenhang mit diesem Sturm gesprochen haben: "So etwas wie eine Jahrhundertflut gibt es nicht. Das sind extreme Wetterbedingungen, deren Häufigkeit wird steigen."

Und hier kommt der Klimawandel ins Spiel. Hinter der Aussage des Gouverneurs stehen konkrete Zahlen; sie stehen im Stadtentwicklungsplan New Yorks aus dem Jahr 2007: "Wir stehen der Bedrohung durch den steigenden Meeresspiegel und schwere Stürme gegenüber", heißt es dort. "Am Battery Park in Lower Manhattan ist das Wasser in unserem Hafen während des vergangenen Jahrhunderts um mehr als 30 Zentimeter gestiegen; bis 2030 könnten es weitere zwölf Zentimeter werden." Und: "Beim jetzigen Meeresspiegel müssen wir alle 80 Jahre mit einer Jahrhundertflut rechnen." Der Plan warnt aber, dass die Frequenz zunehmen könnte; von der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts an könnten Fluten bereits alle 19 Jahre eintreten.

Vorsorge ist möglich - aber teuer

Die Bedrohung ist bekannt und exakt beschrieben. Langfristige Abhilfe ist möglich, aber sie ist teuer und braucht viel Zeit. Schon jetzt ist New York engagiert im Kampf gegen den Klimawandel wie kaum eine andere Stadt in den USA. Es geht aber auch um den Schutz von Millionen Menschen vor den bereits heute eintretenden Folgen des Klimawandels. Eine Task Force des Bundesstaates hatte vor zwei Jahren einen 100 Seiten umfassenden Bericht zum Umgang New Yorks mit dem steigenden Meeresspiegel verfasst. Er geriet bald nach seiner Veröffentlichung praktisch in Vergessenheit, vielleicht weil seine Empfehlungen teilweise hart und unpopulär sind: Einige Siedlungen in Küstennähe sollen aufgegeben werden, Deiche und andere Schutzanlagen sollen den Zugang zu den Stränden einschränken. Behörden des Bundesstaates sollen das Recht bekommen, gegen Gemeinden vorzugehen, die den Küstenschutz missachten.

Die Expertenberichte belegen, was Millionen New Yorker seit Montagnacht bitter am eigenen Leib erfahren. Ihre Stadt ist viel verletzlicher, als dies der Selbstwahrnehmung der meisten Einwohner entspricht: die Stadt, die niemals schläft.

© SZ vom 02.11.2012/jasch
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