USA Nach Clinton versäumen die Demokraten den Neuanfang

Nancy Pelosi steht für eine wohlhabende, umweltbewusste, liberale Elite.

(Foto: REUTERS)

Die Demokraten haben aus ihrer Niederlage bei der Präsidentschaftswahl offenbar wenig gelernt. Nancy Pelosi, wiedergewählt als Chefin der Demokraten im Repräsentantenhaus, ist die Fortsetzung von Hillary Clinton.

Kommentar von Hubert Wetzel

In den USA gibt es die Supermarktkette Whole Foods. Man kann dort für viel Geld allerlei gute Dinge kaufen, vor allem Biolebensmittel, aber auch andere Sachen, die der normale Amerikaner eigentlich nicht isst; zum Beispiel Parmesan aus Italien, das Eckchen für zwölf Dollar.

Die Standorte von Whole-Foods-Läden sind damit ein guter Indikator, wie reich eine Gegend ist. Ob es an einem Ort einen Whole Foods gibt, sagt aber auch einiges darüber aus, wie es dort politisch aussieht. Whole Foods ist der Laden für die wohlhabende, umweltbewusste, liberale Elite, die sich (siehe oben) gerne Parmigiano Reggiano über die Tagliatelle reibt und auch noch weiß, wie man das alles ausspricht. Wollte man eine - etwas polemische - Theorie formulieren, sie ginge so: Wo ein Whole Foods ist, leben jene abgehobenen Hillary-Clinton-Demokraten, die gerade die Wahl krachend verloren haben. Der Rest des Landes mampft Eiernudeln mit Ketchup und wählt Donald Trump.

Als die Demokraten im US-Repräsentantenhaus am Mittwoch über ihre künftige Fraktionsführung abstimmten, standen zwei Kandidaten zur Wahl. Nancy Pelosi und Tim Ryan. Dort, wo Pelosi herkommt, dem kalifornischen San Francisco, gibt es an jeder Straßenecken einen Whole Foods. Da wo Ryan lebt, in Youngstown, Ohio, gibt es Pfandleiher und Ein-Dollar-Läden. In einem Vorort hat gerade "Fin Feather Fur Outfitters" aufgemacht, ein Jagdgeschäft mit einem 75 Meter langen Tresen, an dem Schusswaffen verkauft werden.

Die Wahl zwischen der 76-jährigen Pelosi und dem 43-jährigen Ryan war daher nicht nur eine Abstimmung für oder gegen einen Generationswechsel in der Führung der Partei. Sie war auch eine Richtungsentscheidung. Pelosi und Ryan stehen für zwei sehr unterschiedliche politische und kulturelle Milieus und für zwei verschiedene Richtungen, in welche die Demokraten nach ihrer Niederlage gehen können. Nancy Pelosi hat gewonnen.

Das mag taktisch gesehen die richtige Wahl gewesen sein. Pelosi führt die Fraktion seit 15 Jahren, sie kennt alle Kniffe, sie ist am besten geeignet, im "Haus" den Widerstand gegen Trump und die republikanische Mehrheit zu organisieren.

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Der Whole-Foods-Flügel der Partei dominiert

Strategisch gesehen aber ist Pelosis Bestätigung kein gutes Zeichen. Die demokratische Führung, das hat diese Wahl gezeigt, hat sich von einem nennenswerten Teil der Bevölkerung so weit entfernt, dass die Partei für diese Menschen nicht mehr wählbar ist. Die Demokraten können sich einreden, dass Trump von russischen Hackern, fake news und Rassisten ins Amt gehoben wurde. Aber das ist falsch.

Trump wurde auch von sehr vielen ganz normalen Bürgern gewählt, die vor vier oder acht Jahren noch für Barack Obama gestimmt hatten. In diesem Jahr hatten die Demokraten - zumindest der dominierende Whole-Foods-Flügel der Partei - ihnen nichts zu bieten. Wie hat es ein enttäuschter Ryan-Anhänger ausgedrückt? "Wir kümmern uns mehr um freilaufende Hühner als um die amerikanische Arbeiterschaft."

Pelosis Wiederwahl lässt nicht erkennen, dass die Demokraten diese Lektion verstanden haben. Es ging bei dieser Präsidentenwahl nicht um politische Positionen, nicht um Steuer- oder Infrastrukturpläne. Es ging darum, Leuten, die sich - ob zu Recht oder Unrecht - vergessen, verachtet und ignoriert fühlten, ein bisschen Respekt zu zollen. An der Kasse bei Whole Foods kann man vielleicht über den dummen White Trash lästern, aber als Partei müsste man langsam erkennen, dass diese Menschen eben eine wesentliche Wählergruppe sind.

Die Demokraten müssen deswegen nicht Trumps Angst- und Hass-Wahlkampf kopieren. Aber sie hätten durchaus jemanden zum Fraktionschef machen können, der weiß, wie das ist - ein Leben ohne Whole Foods und Parmesan.