Kürzlich hat der US-Gesundheitsminister das Krisengebiet in Texas besucht, die Reise führte Robert F. Kennedy Jr. zu einer Beerdigung. Ein Kind war den Folgen einer Maserninfektion erlegen, Daisy Hildebrand, acht Jahre alt. Sie starb wie zuvor in derselben Gegend ein sechsjähriges Mädchen an den Folgen einer Krankheit, die in den Vereinigten Staaten schon als besiegt gegolten hatte. Ein drittes Todesopfer, ein Erwachsener, wurde aus New Mexico gemeldet. Alle drei waren ungeimpft.
Mehr als 600 Fälle von Masern hat die amerikanische Gesundheitsbehörde inzwischen bestätigt, doppelt so viele wie vor wenigen Wochen, verteilt auf 22 Bundesstaaten. Um die 500 sind es in Texas, das Zentrum ist Gaines County und vor allem die Kleinstadt Seminole mit ihren gut 7000 Einwohnern. „Masern sind nicht nur ein kleiner Ausschlag“, steht dort auf einem Plakat, wie Fotos zeigen. „Eines von 20 Kindern mit Masern entwickelt eine Lungenentzündung.“
Von Masern war dank Impfung lange keine Rede mehr
Impfungen schützen seit Jahrzehnten sehr zuverlässig, deshalb war von measles, Masern, auch in den USA lange kaum mehr die Rede gewesen. Nun kam zu dieser Trauerfeier für die kleine Daisy also ein Mann, der außer mit seinem berühmten Namen auch als Impfkritiker bekannt geworden war. Robert F. Kennedy Jr., Sohn des früheren US-Justizministers und Neffe des ehemaligen US-Präsidenten, hatte zu einer Vereinigung von Impfskeptikern gehört, ehe er für Donald Trump ausgerechnet die Leitung des amerikanischen Gesundheitsministeriums übernahm.
Ärzte und Wissenschaftler sind entsetzt, doch der Senat setzte ihn mit republikanischer Mehrheit knapp durch. „Zum ersten Mal überhaupt werden wir einen Gesundheitsminister haben, der aktiv dazu beigetragen hat, Ausbrüche zu verursachen, anstatt sie einzudämmen“, hatte Brian Schatz gewarnt, demokratischer Senator aus Hawaii. „Wir werden jemanden haben, der für die medizinische Forschung zuständig ist und jede Gelegenheit genutzt hat, die Wissenschaft zu untergraben, anstatt sie zu fördern. Wir werden jemanden haben, der noch nie auf eine verrückte Idee gestoßen ist, die ihm nicht gefallen hat, sei es, dass Antidepressiva die Ursache für mass shootings sind oder dass Chemikalien im Wasser Kinder schwul machen.“
„Fast wundersame“ Heilungen durch Steroide oder Antibiotika
Schatz erinnerte unter anderem daran, dass RFK Jr. 2019 nach Samoa gereist war, als Vertreter von Impfgegnern. Auch in dem Inselstaat brachen damals die Masern aus, 5700 Menschen erkrankten, 83 von ihnen verloren ihr Leben, die meisten Kinder. Er habe die Menschen von der Masernimpfung abgehalten, sagte Schatz, „weil er ein natürliches Experiment durchführen wollte, um zu sehen, wie sich die Menschen ohne Schutz gegen die Krankheit verhalten würden“. Und was tut dieser Kennedy jetzt, da die Masern in Teile der USA zurückgekehrt sind?
Zur Impfung hatte er bis zuletzt eher verhalten aufgerufen. Impfstoffe würden dazu beitragen, „Infektionen zu verhindern“, sagte er zunächst und versprach, die US-Regierung werde für Zugang zu guten Medikamenten sorgen. Aber Impfen sei „eine persönliche Entscheidung“. Schäden seien häufiger als bekannt, behauptete RFK Jr. und brachte Impfungen immer wieder mit Autismus in Verbindung, eine Hypothese, die vielfach widerlegt ist. Ein besonders hartnäckiger Verfechter dieser Theorie hatte Leiter der amerikanischen Seuchenkontrolle werden sollen, ehe das Weiße Haus die Nominierung zurückzog.

Kennedy berichtete auch mal, dass eine natürliche Immunität gegen Masern durch Infektion vor Krebs und Herzkrankheiten bewahren könne, eine ebenfalls abenteuerliche Version. Er empfahl Lebertran und Vitamin A, um Masern vorzubeugen. Er berichtete, lokale Ärzte hätten mit Steroiden oder Antibiotika „fast wundersame und sofortige“ Heilungen erzielt. In Texas lobte der US-Gesundheitsminister zwei „Heiler“, sie hätten „etwa 300 an Masern erkrankte mennonitische Kinder“ behandelt. Einen von ihnen hatte die texanische Ärztekammer wegen „unüblicher Verwendung risikobehafteter Medikamente“ gerügt.
Nach der ersten Maserntoten im texanischen Westen erklärte die Vereinigung Children’s Health Defense, die der Jurist Kennedy mitgegründet hatte, dass „ein medizinischer Fehler“ im Krankenhaus in Lubbock verantwortlich gewesen sei. „Das sind keine medizinischen Fehler“, sagte in der New York Times jetzt der Epidemiologe Michael Osterholm von der Universität von Minnesota, vormals Beamter im Gesundheitsministerium. „Das liegt ganz klar an den Stimmen der Impfgegner, die weiterhin Desinformationen verbreiten.“
Bisher habe sich die bundesstaatliche Reaktion auf den Masernausbruch „in unangemessener Weise auf ablenkende und unwirksame Alternativen zur einzigen wirklich wirksamen Prävention konzentriert – den Masernimpfstoff“, zitiert die Zeitung den Mediziner Peter Marks, der kürzlich auch wegen Kennedys Umgang mit der Seuche aus der US-Impfbehörde zurücktrat. Der Tod eines Kindes durch Masern sei „ein absolut unnötiger Tod“.
Robert F. Kennedy Jr. postete nach seinem Ausflug in das besonders betroffenen Gaines County im Netzwerk X, er habe „in aller Stille“ die Familien trösten und der Gemeinschaft beistehen wollen. Gegen Ende dieses Beitrags wies er darauf hin, „die zuverlässigste Art, um die Ausbreitung von Masern zu verhindern, ist die Impfung“. In dem von vielen Mennoniten bewohnten Bezirk war die Impfrate gering genug, um ebendiese Ausbreitung der Masern zu begünstigen.
Daisy Hildebrand und zuvor Kayley Fehr wurden beide auf dem Friedhof der Reinlander Mennonite Church in Seminole bestattet. Der Guardian schreibt, Pete Hildebrand, Vater von Daisy Hildebrand, habe von Kennedy kein Wort zur Impfung gehört.

