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USA:Kulturwandel

Der Zorn über einen sexistischen Präsidenten hat viele Frauen zur Wahl getrieben - und auch die konservativen haben diesmal die Demokraten gewählt. Die Ignoranz der Republikaner hat sich gerächt.

Von Beate Wild

Hillary Clinton ist politisch fast vergessen, und doch hat sie am Ergebnis der Zwischenwahlen vom Dienstag ihren Anteil: Dass sie trotz Stimmenmehrheit 2016 gegen Donald Trump verlor, hat nun das weibliche Amerika mobilisiert. Das Resultat ist ein US-Kongress, der noch lange nicht die Zusammensetzung der Bevölkerung repräsentiert, aber dem komplexen und in sich so vielseitigen Amerika näher kommt.

Mehr als 100 Frauen werden nun ins Repräsentantenhaus einziehen. Bei insgesamt 435 Sitzen ist das weniger als ein Viertel der Abgeordneten. Doch ein Blick auf die historische Entwicklung hilft: Noch vor 20 Jahren waren es 56, vor 50 Jahren gar nur zehn Frauen, die ihre Wahlbezirke vertreten durften. Viele Gewinnerinnen sind Frauen aus Minderheitengruppen. Da ist Ilhan Omar aus Minnesota und Rashida Tlaib aus Michigan - die beiden ersten Musliminnen, die in den Kongress gewählt wurden. Omar ist zudem der erste Flüchtling in einem solchen Amt. Die 37-Jährige kam in den 90ern aus Somalia in die USA, zuvor hatte sie vier Jahre in einem Flüchtlingslager in Kenia gelebt. Die 42-jährige Tlaib aus Detroit ist die Tochter palästinensischer Einwanderer.

Die lesbische Kampfsportlerin Sharice Davids gewann einen Sitz im konservativen Kansas. Sie und Deb Haaland (New Mexico) sind die ersten Native Americans, die jemals in den Kongress gewählt wurden. Auch hier hilft ein Blick in die Geschichte, um zu begreifen, wie viel das bedeutet: New Mexico kassierte 1962 als letzter Bundesstaat Gesetze ein, die Ureinwohner am Wählen hinderten.

Eine Regierung, die mit dem weißen Nationalismus flirtet, das Recht auf Abtreibung wie die Gesundheitsversicherung Obamacare abschaffen möchte, hat die Wählerinnen in einer Weise politisiert, die am Ende auch viele Kandidatinnen überrascht hat. Diesmal entschieden sich nicht nur die Uni-Absolventinnen, die Afroamerikanerinnen und Latinas für die Demokraten, sondern auch viele Frauen in den Vororten. Sie könnten auch 2020 eine entscheidende Rolle spielen.

Die Republikaner haben die Vorort-Bewohnerinnen lange als selbstverständliches Wählerreservoir angesehen. Kandidatinnen aber gab es bei ihnen kaum - Männer wissen schon, was Frauen wünschen. Das hat sich gerächt. Die Demokraten haben gezielt Frauen und Minderheiten unterstützt und deren Kandidaturen mit Coachings, Workshops und finanzieller Starthilfe im Wahlkampf unterstützt. Daraus ist ein Netzwerk entstanden, das für einen Politikwechsel stehen könnte.

Die Hoffnungen auf die "Klasse von 2018" sind nun groß, doch die Normen, die Frauen von der Macht fernhalten, sind immer noch die selben: Das "Grandstanding", den großspurigen Auftritt, den männliche Politiker gerne zur Eigenwerbung nutzen, können sich Politikerinnen nicht leisten. Bei ihnen gilt das nicht als Zeichen von Selbstbewusstsein, sondern als aufmüpfig, ungehörig. Das limitiert die Möglichkeiten von Frauen in Verhandlungen und der öffentlichen Meinungsbildung. Doch es gibt sie nun, die neuen Frauen in Washington. Und sie haben die Chance, einen Kulturwandel einzuleiten. Er prägt vielleicht nicht sofort die Richtung, möglicherweise aber den Ton. Wie bei allen politischen Veränderungen in den USA und anderswo ist echter Wandel eine Aufgabe, die viele Jahre beanspruchen wird.

© SZ vom 09.11.2018
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