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USA:Kratzer wegen des Plattenspielers

FILE PHOTO: Former Vice President Biden speaks as South Bend Mayor Buttigieg and Senator Sanders, Warren and Harris listen during the 2020 Democratic U.S. presidential debate in Houston, Texas, U.S.

Erklärungen aus der Mitte: Der ehemalige US-Vizepräsident Joe Biden während einer TV-Debatte am Donnerstagabend. Von links nach rechts: der Bürgermeister von South Bend Pete Buttigieg, Senator Bernie Sanders, Senatorin Elizabeth Warren und Senatorin Kamala Harris.

(Foto: Mike Blake/Reuters)

Auch die jüngste TV-Debatte der US-Demokraten verändert nicht den Kreis der Favoriten. Aufmerksamkeit erregt vor allem eine Äußerung des ehemaligen Vizepräsidenten Joe Biden.

Es ist schon erstaunlich, wie viel Bedeutung zuweilen medialen Ereignissen zugemessen wird, die in der Realität so gut wie keine Wirkung haben. Man kann dieses Phänomen derzeit bei der Demokratischen Partei in den USA beobachten. An fünf Abenden haben sich deren Präsidentschaftskandidatinnen und -kandidaten mittlerweile zu Fernsehdebatten getroffen. Stundenlang haben sie miteinander gestritten, mal mehr, mal weniger heftig. Doch die Wähler draußen im Land hat das Theater offenbar nicht wirklich beeindruckt. In den Umfragen liegen jedenfalls seit Monaten die immer gleichen drei Personen in Führung: der frühere Vizepräsident Joe Biden mit mehr als 25 Prozent, gefolgt von Elizabeth Warren und Bernie Sanders, die beide auf etwa 17 Prozent kommen, wiederum gefolgt von dem halben Dutzend anderer Bewerber, die alle nur einstellige Umfragewerte haben.

Hat die Debatte am Donnerstagabend in Houston daran etwas geändert? Nach Ansicht der meisten Beobachter wohl eher nicht. Keiner der Führenden stolperte so sehr, dass ihre oder seine Position nun in Gefahr wäre. Und keiner der Verfolger konnte so aufholen, dass er oder sie jetzt plötzlich zur Spitzengruppe zählt.

Biden war Biden, ein jovialer älterer Herr, der sich durch seinen Auftritt mäanderte und haspelte. Warren war Warren, eine Klassenkämpferin, die mit leicht zitternder Stimme versprach, dass sie als Präsidentin endlich "für die Menschen" kämpfen werde. Sanders war Sanders, ein zerzauster Grantler mit grollendem Brooklyner Akzent, der die anderen laut darüber belehrte, was in seinem "verdammten Gesetz" zur Gesundheitspolitik steht. Und die anderen - nun, sie waren eben die anderen. Sie durften immer mal wieder was sagen, aber nicht allzu viel.

Es gab einige bemerkenswerte, zuweilen regelrecht bizarre Momente. Julián Castro, einst Minister unter Präsident Barack Obama, heute einer der anderen, bezichtigte Biden ziemlich offen, dement zu sein. Ob er sich denn nicht daran erinnern könne, was er vor zwei Minuten gesagt habe, fragte Castro den ehemaligen Vizepräsidenten. Dann fragte er noch mal. Und noch mal. Biden wiederum riet den Schwarzen in Amerika, das Erbe von vierhundert Jahren Sklaverei, Diskriminierung und Rassismus doch dadurch zu bekämpfen, dass sie abends daheim das Radio und "den Plattenspieler anmachen". Damit ihre benachteiligten Kinder endlich ordentliches Englisch hören. Draußen in den Tiefen des Internets explodierte prompt Twitter. Hat der da wirklich gerade Plattenspieler gesagt? #recordplayer.

Der Texaner Beto O'Rourke, vor wenigen Monaten noch das Wunderkind der Demokraten, heute ebenfalls nur einer der anderen, kündigte an, den Amerikanern ihre so geliebten AR-15-Sturmgewehre wegzunehmen, wenn er Präsident ist. Notfalls mit Zwang, "zur Hölle, ja". Das kann man für ein probates Mittel gegen die Massaker sehen, die mit diesen Waffen ständig angerichtet werden. Oder als Rezept für einen Bürgerkrieg.

Die wichtigste Erkenntnis der drei Stunden in Houston war wohl diese: Ausgerechnet bei dem Thema, mit dem die Demokraten den beim Volk relativ unbeliebten Präsidenten Donald Trump jagen und sogar schlagen könnten, ist die Partei tief gespalten - bei der Gesundheitspolitik. Warren und Sanders, gewissermaßen die Revolutionäre unter den Kandidaten, wollen alles umkrempeln und eine einzige, staatliche Krankenversicherung schaffen, die für alle Amerikaner sorgt. Biden und einige der anderen halten das - kurz gesagt - für eine teure, kommunistische, Wähler vergraulende Schnapsidee. Sie wollen nur die bereits existierende staatliche Versicherung für Senioren für alle Amerikaner öffnen, die beitreten wollen oder nichts anderes finden.

Das ist ein grundlegender ideologischer Streit, aber doch auch ein recht theoretischer. Denn jeder weiß (oder könnte wissen), dass die Ideen von Warren und Sanders praktisch keine Chance haben, je Gesetz zu werden. Statt sich also - wie etwa bei der gewonnenen Kongresswahl 2018 - einfach mit kleineren Brötchen zu begnügen, die für sehr viele nichtrevolutionäre Wähler immer noch leckerer aussehen als alles, was Trump in der Gesundheitspolitik serviert, hackten die Demokraten am Donnerstag aufeinander herum.

Hilft ihnen das? Wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht musste es so sein. Wäre ja sonst keine Debatte.

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