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Interview zur US-Gesellschaft:"Beim Thema Klimawandel gibt es sechs Amerikas"

Auch beim Thema Klimawandel ist die amerikanische Gesellschaft gespalten.

(Foto: AP/AFP)

Präsident Biden plant eine ambitionierte Klimapolitik. Yale-Professor und Klima-Experte Anthony Leiserowitz über Widerstände in der US-Gesellschaft - und wie man Zweifler gewinnen kann.

Interview von Thomas Hummel

US-Präsident Joe Biden hat führende Politiker aus etwa 40 Ländern an diesem Donnerstag zu einem virtuellen Klimagipfel eingeladen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel nimmt teil. Nachdem die vorige US-Regierung unter Donald Trump den Klimawandel ignorierte, will Nachfolger Biden nun die Anstrengungen erhöhen. Doch wie stark ist der Rückhalt der eigenen Bevölkerung für diesen Kurs? Anthony Leiserowitz, Professor an der renommierten Yale University in New Haven, Connecticut, forscht seit Jahren zur öffentlichen Wahrnehmung des Klimawandels und gehört zu den einflussreichsten Klimawissenschaftlern der USA.

SZ: Herr Leiserowitz, die Politik in den USA streitet sich heftig über das Thema Klimawandel. Wo steht die amerikanische Gesellschaft?

Anthony Leiserowitz: In den vergangenen 15 Jahren hat sich die Haltung der Amerikaner zum Klimawandel einige Male verändert. In den 2000er-Jahren haben wir gesehen, dass zunehmend viele Amerikaner das Problem anerkannten. 2008 glaubten 71 Prozent, dass die Erderwärmung existiert. Und 58 Prozent, dass er von Menschen ausgelöst wird. Das ist zwar niedriger als in anderen westlichen Nationen, aber für die USA war das der bisherige Höchststand. Damals trat John McCain für die Republikaner in der Präsidentschaftswahl an und war sich mit dem Demokraten Barack Obama einig, dass der Klimawandel ein großes Problem ist.

Was passierte danach?

Es ging rapide bergab. 18 Monate später glaubten nur noch 57 Prozent der Amerikaner, dass der Klimawandel überhaupt stattfindet. Entscheidender Faktor war die Reaktion der Republikaner auf die Niederlage gegen Obama. Die Partei wurde wesentlich konservativer und erklärte von nun an mehrheitlich, dass der Klimawandel ein Schwindel sei. Das bewirkte, dass viele Wähler der Republikaner diese Linie übernahmen, ebenso konservative Medien wie Fox News. Bis heute ist der Klimawandel ein politisch äußerst polarisierendes Thema in den USA. Für liberale Demokraten hat es die höchste Priorität, für konservative Republikaner die niedrigste. Insgesamt aber ging die Akzeptanz Stück für Stück wieder nach oben bis zum heutigen Tage, wo wir wieder bei den Werten von 2008 liegen.

Die Wechsel in der Klimapolitik von Präsident Obama zu Trump und nun zu Joe Biden sind fundamental. Wie hält das Land das aus?

Donald Trump versuchte, Obamas Entscheidungen rückgängig zu machen. Die Republikaner stellten sich dabei allerdings nicht besonders gut an. Einige ihrer Vorhaben scheiterten vor Gerichten, andere blieben im politischen Verfahren hängen. Auch das Ziel, fossile Brennstoffe anstelle von erneuerbaren Energien zu fördern, gelang nicht in dem Ausmaß wie geplant. Jetzt will Joe Biden das fortsetzen, was Obama begonnen hat. Und nicht nur das: Seine Pläne sind viel ambitionierter als die der Regierung Obama. Sein Personaltableau signalisiert zudem, dass er es wirklich ernst meint. Führende Köpfe der amerikanischen Klimapolitik arbeiten nun in der Regierung und im Weißen Haus.

Was trauen Sie der Regierung Biden zu? Welche Widerstände muss sie überwinden?

Das größte Problem ist der Senat. Es wird unheimlich schwierig für die Demokraten, hier neue Gesetze durchzubringen. Denn dafür benötigen sie in vielen Fällen 60 von 100 Stimmen, sie haben aber nur 50. Und die Republikaner erklärten zuletzt, sie wollen generell alle Pläne der Demokraten blockieren. Nicht nur beim Klimawandel.

Ist es auch innerhalb der amerikanischen Gesellschaft so einfach: Demokraten gegen Republikaner?

Es ist sehr viel komplizierter. Unsere Studien zeigen: Beim Thema Klimawandel gibt es sechs verschiedene Amerikas. Die erste Gesellschaftsgruppe, etwa 26 Prozent, sind die Alarmierten. Sie wollen, dass sofort und entschieden etwas unternommen wird. Dann kommen die Beunruhigten, das sind 29 Prozent. Sie erkennen das Problem an, denken aber, es sei zeitlich und räumlich noch weit weg. 19 Prozent sind unsicher in ihrer Meinung, und sechs Prozent wissen zu wenig darüber. Die zwölf Prozent Zweifler glauben, menschliches Verhalten habe damit nichts zu tun, die Erwärmung finde auf natürlichem Wege statt. Nur die verbleibenden acht Prozent behaupten, der Klimawandel finde gar nicht statt, es sei ein Schwindel, eine Verschwörung. Diese sehr kleine Gruppe ist allerdings so laut, dass sie häufig den öffentlichen Diskurs bestimmt. Viele Amerikaner haben dadurch den falschen Eindruck, es handle sich um das halbe Land. Was wiederum dazu führt, dass viele zögern über dieses Thema zu sprechen, inklusive vieler Medien.

Wie schätzen Sie diese Ergebnisse im internationalen Vergleich ein?

Wir haben im Hinblick auf Bidens Klimagipfel die öffentliche Meinung zum Klimawandel in 32 Staaten und Regionen untersucht. Darin wird klar, dass es in den USA weniger Unterstützung für eine ambitionierte Klimapolitik gibt als zum Beispiel in Lateinamerika, in Europa oder in Ländern der Asien-Pazifik-Region.

Anthony Leiserowitz

Anthony Leiserowitz, Senior Research Scientist and Director of the Yale Program on Climate Change Communication über US-Öffentlichkeit und Klima

(Foto: Privat)

Liegt das nur an der Republikanischen Partei?

Es kommen mehrere Gründe zusammen, vor allem dürfen wir die Industrie für fossile Brennstoffe nicht vergessen. Diese hat in den vergangenen Jahrzehnten Hunderte Millionen Dollar darauf verwendet, die Amerikaner beim Thema Klimawandel zu verwirren. Einmal findet er gar nicht statt, dann ist er nicht von Menschen gemacht, dann ist es kein ernsthaftes Problem. Oder es heißt, Erwärmung sei doch gut, Kohlendioxid sei Nahrung für die Pflanzen. Diese Desinformation findet immer noch statt. Es geht um sehr mächtige Interessen, die beim Umbau der Wirtschaft hin zu erneuerbaren Energie viel zu verlieren haben.

Brände in Kalifornien oder Australien sind spürbare Zeichen der Erderwärmung. Dürrephasen oder schwere Stürme nehmen zu, auch in den USA. All das, was die Wissenschaft vorhergesagt hat. Nimmt der Druck auf die Klimawandel-Skeptiker zu?

In gewissem Rahmen schon. Aber Menschen bringen solche Ereignisse nicht zwingend mit dem Klimawandel in Verbindung. Das ist ein Missverständnis, der in großen Teilen der Klima-Community herrscht. Sie glauben, nach Naturkatastrophen werden Leute sofort anerkennen, dass die Erderwärmung ernst ist und wir nun was tun müssten. Aber es ist nicht so einfach. Viele Menschen wissen überhaupt nichts über den Klimawandel, weder wie er funktioniert noch was er für Auswirkungen hat. Warum sollten sie also nach einem schweren Sturm daran denken? Naturkatastrophen dienen nur als "lehrreiche Momente" oder günstige Gelegenheiten, die Menschen auf das Problem Klimawandel aufmerksam zu machen, weil ihr Fokus für kurze Zeit darauf gerichtet ist und nicht auf andere Aspekte wie etwa Privatleben, Sport oder Wirtschaft. Man muss ihnen dann erklären, was die Erderwärmung für sie direkt bedeutet. Die Klima-Community muss hier viel besser werden.

Was genau schlagen Sie vor?

Ich könnte tausend Dinge nennen. Zum Beispiel produzieren wir an der Yale-Universität seit sieben Jahren Audio-Beiträge, in denen wir täglich eine Geschichte rund um das Thema Klima aufbereiten. Sie sind kurze, verdauliche 90 Sekunden lang und werden in 680 Radiosendern in den USA veröffentlicht, zwei Drittel davon in Gegenden, wo bei der letzten Wahl Donald Trump siegte. Es heißt Climate-Connections - Klima-Verbindungen. Wir müssen den Menschen erklären, wie der Klimawandel mit ihrem eigenen Leben, ihren Werten sowie Freunden, Verwandten und ihrer Heimat zusammenhängt. Für viele ist das Klima ein sehr abstraktes Thema. Sie hören von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, von Eisschollen, die in der Antarktis abbrechen oder aussterbenden Eisbären. Sie lesen das und denken sich: Es ist schlimm, aber es betrifft mich nicht.

Wie kriegt man hier die Verbindung hin?

Man kann zum Beispiel herausstellen, dass Erderwärmung zu einer höheren Rate an Asthma-Erkrankungen führt. Oder zu vermehrten Allergien. Das betrifft sehr viele Menschen. Die Produktion von Kaffee oder Tee dürfte schwieriger werden. Geliebte Sportarten sind betroffen. Außerdem sollten positive Geschichten über Menschen erzählt werden, die die Ärmel hochkrempeln und versuchen, etwas zu bewirken. Die als Vorbilder dienen. Was kann man in seinem Haus tun? Was kann man als Großeltern tun? Was am Arbeitsplatz? Amerikanische Medien haben bisher weitgehend versäumt, über diese Geschichten zu berichten.

© SZ/gba
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