Süddeutsche Zeitung

USA:Hitlergruß und Konföderiertenflagge

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Unter den Eindringlingen im Kapitol waren viele Anhänger rechtsextremer Gruppen. Trotzdem wird versucht, die gewaltsame Aktion linken Aktivisten anzuhängen.

Von Benedikt Peters und Lilith Volkert

Sie durchbrechen Sicherheitsbarrieren, treten Türen ein, zerschlagen Scheiben. Wer sind diese Menschen, die am Mittwoch ins Kapitol in Washington eindringen, Räume verwüsten und Abgeordnete wie Personal in Angst und Schrecken versetzen - und die ein Chaos ausgelöst haben, an dessen Ende nach bisherigen Erkenntnissen vier Menschen tot sind?

Auf Twitter verbreiten rechte Accounts schnell zwei Gerüchte. Das erste: Die Aktion gehe auf das Konto verkleideter "liberaler Aktivisten", die dem Trump-Lager damit schaden wollen. Das zweite: Für das Chaos verantwortlich seien linksextreme, ebenfalls getarnte Gruppen, vor allem die Antifa. Hunderttausendfach werden diese Behauptungen auf Facebook und Twitter verbreitet. Doch sie sind, nach allem, was man bisher weiß, völlig haltlos.

Nicht nur, dass Noch-US-Präsident Donald Trump eine völlig andere Botschaft sendet: Nachdem er den Mob zunächst angestachelt hatte, forderte er in einem Video die Protestler auf, nach Hause zu gehen. "Wir lieben euch", sagt er sogar, womit er kaum die Antifa meinen kann.

Absurde Behauptungen

Viel deutlicher noch sind die Bilder und Videoaufnahmen vom Sturm auf das Kapitol, die nun um die Welt gehen. Nach Einschätzung mehrerer Experten sind darauf klar Mitglieder von rechten und rassistischen Gruppen zu erkennen, ebenso von solchen, die Verschwörungsmythen verbreiten.

Auf den Bildern sind zunächst größtenteils weiße Männer mittleren Alters zu sehen. Viele tragen Fahnen und Caps mit Parolen aus Trumps Wahlkampf. Einige tragen eine Konföderierten-Kriegsflagge, ein Bekenntnis zu Rassismus und Sklaverei. Die Flagge ist in US-Militäreinrichtungen verboten. Wiederholt sind im Kapitol außerdem Männer zu sehen, die den Hitlergruß zeigen.

Mehrere Aufnahmen zeigen zudem in Felle gekleidete Männer. Einer von ihnen - er trägt eine Pelzmütze, aus der Hörner ragen - ist der bekannte QAnon-Anhänger Jake Angeli aus Arizona. Angeli sagt, er trage dieses Outfit, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. QAnon ist eine rechtsextreme Gruppe, deren Anhänger Verschwörungsmythen verbreiten und US-Präsident Trump unterstützen.

In rechten Kreisen im Netz wird unterdessen die abstruse Behauptung verbreitet, Angeli sei ein Aktivist der linken Black-Lives-Matter-Bewegung, die rassistische Gewalt anprangert. Als vermeintlicher Beleg dient ein Foto, das ihn auf einer Kundgebung der Bewegung im Juni vergangenen Jahres zeigt. Was die Rechten verschweigen: Angeli war dort als Gegendemonstrant. Berichten zufolge trat er auf mehreren Pro-Trump-Kundgebungen als Redner auf.

Ganz ähnlich gehen rechte Stimmungsmacher in einem weiteren Fall vor: Ein anderes Bild soll als Beleg dafür dienen, dass Antifa-Aktivisten das Kapitol gestürmt hätten. Es zeigt einen bärtigen Mann, der neben Angeli steht. Das Gesicht des Mannes findet sich auch auf anderen Bildern, welche die linke Seite phillyantifa.org verbreitet hat.

Daraus konstruieren etliche rechte Twitterer die absurde Behauptung, dass der Mann auch Mitglied der Antifa sei. Doch das Gegenteil ist richtig. Es handelt sich mehreren US-Medien zufolge um Jason Tankersley, ein Mitglied der amerikanischen Neonazi-Bewegung. Sein Bild findet sich nur deshalb auf der Antifa-Seite, weil dort über bekannte Neonazis berichtet wird. Einige Medien gehen davon aus, dass neben Tankersley auch weitere Figuren der Neonazi-Bewegung am Sturm auf das Kapitol beteiligt waren.

Experten berichten darüber hinaus, dass sie in der Menge der Demonstranten, aus der sich der Sturm aufs Kapitol formierte, Mitglieder mehrerer rechtsextremer Gruppen identifiziert hätten. Immer wieder genannt werden die Proud Boys, eine Art chauvinistische Hooligantruppe. Ihre Mitglieder behaupten, sie müssten Amerika vor den Kommunisten und der Antifa retten. Die Proud Boys waren schon in zahlreiche Ausschreitungen verwickelt. Ebenso erwähnt werden Mitglieder der Groyper Army, dabei handelt es sich um ein US-amerikanisches Rassisten-Netzwerk.

Die Nichtregierungsorganisation Anti-Defamation League berichtet, auch die Aktivisten einiger weiterer Neonazi-Gruppen erkannt zu haben: Darunter die New Jersey European Heritage Association und der Nationalist Social Club.

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