Sie wollen sich noch einmal treffen. Am Donnerstag kommen Abbas Araghtschi, der iranische Außenminister, und Steve Witkoff, der Gesandte des US-Präsidenten, zum dritten Mal zu Verhandlungen zusammen. In Genf wird es um die Frage gehen, ob sich ein Krieg noch verhindern lässt. Ob die iranische Seite einen Vorschlag mitbringt, der den USA so weit entgegenkommt, dass Präsident Trump zumindest fürs Erste von einem Militärschlag absieht – dabei geht es um das iranische Atomprogramm, aber auch um die ballistischen Raketen des Regimes und die Hilfen an Milizen wie die libanesische Hisbollah.
Wie wahrscheinlich ist es, dass die USA das iranische Regime in Kürze angreifen?
So groß war die Kriegsgefahr zwischen den beiden Ländern wohl noch nie. Die Vereinigten Staaten waren neben Israel stets der erklärte Feind der Islamischen Republik, sie hat US-Staatsbürger entführt, Anschläge geplant und immer wieder Basen der US-Armee im Nahen Osten mit Raketen angegriffen. Die USA wiederum haben im vergangenen Juni drei iranische Atomanlagen bombardiert. Das Verhältnis war also immer angespannt. Doch in den vergangenen Monaten hat sich einiges so sehr verändert, dass nicht mehr nur ein begrenzter Militärschlag wie im Juni 2025 zur Debatte steht, sondern ein großer Krieg. Es wäre der erste zwischen den USA und einem nahöstlichen Staat seit dem Irakkrieg im Jahr 2003.
Was hat sich verändert?
Die Lage in den USA, die Lage im Nahen Osten und die Lage in Iran selbst. Mit Donald Trump regiert ein Präsident, der zwar nicht alles tut, was der israelische Premier Netanjahu möchte – im Vergleich zu Joe Biden ist er dazu aber deutlich eher geneigt. An Militärschlägen hat Trump offenbar Gefallen gefunden, an schnellen Aktionen wie in Venezuela. Dass die Luftschläge gegen Iran im Juni den Namen „Midnight Hammer“ trugen, mochte er so gern, dass er den Namen immer noch zitiert. Ebenso wird Trump die Idee verlockend finden, dass er der US-Präsident ist, der Ernst macht gegen das Regime der Mullahs – nach fast einem halben Jahrhundert. Trump hat so viel Militär in den Nahen Osten verlegen lassen, dass er sich selbst unter Druck gesetzt hat. Und seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 hat sich im Nahen Osten vieles bewegt, was vorher als ausgeschlossen galt.

Wie sieht Israels Rolle nun aus?
Israel dominiert die Region. Es hat in einer Serie von Kriegen die mit Iran verbündeten Milizen wie die genannte Hisbollah oder die Hamas nahezu unschädlich gemacht. Israels Luftangriffe auf Iran sowie Irans Raketenschläge auf Israel haben den Rahmen dessen geweitet, was überhaupt vorstellbar ist. Benjamin Netanjahu, der in historischen Dimensionen denkt, sieht in dieser Situation eine einmalige Gelegenheit. Er will, dass von den iranischen Raketen endgültig keine Gefahr mehr für den jüdischen Staat ausgeht. Er weiß, dass Trump einen Krieg gegen Iran nicht grundsätzlich ablehnt, aber dass wegen der amerikanischen Zwischenwahlen im November nicht viel Zeit bleibt.
Was ist in Iran anders?
Das Regime steht stark unter Druck. Die Proteste um den Jahreswechsel hat es mit einer Brutalität niedergeschlagen, die das Land auf Jahrzehnte nicht vergessen wird. Knapp 7000 Tote auf den Straßen hat die Organisation HRANA inzwischen verifiziert, mehr als 11 000 Todesfälle prüft sie noch. Gerade dieser Tage kommt es trotzdem wieder zu Kundgebungen in den iranischen Universitäten, es sind die ersten Demos seit dem Massaker im Januar. Auch die Wirtschaftskrise hat sich seither noch einmal verschärft. Die iranische Führung soll der US-Seite nun auch einen ökonomischen Deal angeboten haben: eine gewisse Öffnung des iranischen Marktes für amerikanische Firmen. Sie weiß, dass sich die Lage bessern muss, wenn die Herrschaft der Mullahs eine Zukunft haben soll. Am wenigsten verändert hat sich, wie die iranischen Diplomaten mit den USA verhandeln: Sie bieten wenig an und spielen auf Zeit.

Trump und Iran:Amerikas riskantes Spiel am Golf
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Wie viel Spielraum hat Irans Regime?
Zum einen haben die Unterhändler, wenn es um das Raketenprogramm geht, wohl nicht viel Spielraum. Die Raketen sind angesichts einer kaum existenten Luftwaffe die wichtigste Waffengattung der Islamischen Republik. Sie aufzugeben, würde bedeuten, dass man vor den USA und Israel kapituliert. Weder die Revolutionsgarde könnte das akzeptieren noch Ali Chamenei, der Oberste Führer. Israel und die US-Basen in der Region zu bedrohen, gehört zum Kern ihrer Ideologie. Zum anderen scheint die Führung zu glauben, dass sie einen US-Angriff überstehen könnte. Möglicherweise hält sie ihn sogar für weniger gefährlich als ein Nachgeben beim Raketenprogramm. Dass sich die iranische Taktik kaum verändert hat, anders als die Region und anders als die US-Regierung, macht einen Krieg also sogar wahrscheinlicher. Am Dienstag allerdings schürte das Regime in Teheran Hoffnung auf eine Einigung: „Wir sind bereit, so schnell wie möglich eine Einigung zu erzielen“, sagte Vize-Außenminister Madschid Tacht-Rawanchi staatlichen Medien zufolge. „Wir werden alles dafür tun, dies zu erreichen. Wir werden aufrichtig und in gutem Glauben in den Verhandlungsraum in Genf gehen.“ Zugleich drohte Tacht-Rawanchi im Falle eines Angriffs mit Vergeltung. „Sollte es zu einem Angriff oder einer Aggression gegen kommen, werden wir gemäß unseren Verteidigungsplänen reagieren.“

Welche Optionen hat Donald Trump?
Entscheidet er sich zum Angriff, könnte er zunächst, also schon in den kommenden Tagen, einzelne Luftschläge befehlen. Solche gegen die Atomanlagen, wie vergangenes Jahr, zudem gegen Raketenfabriken und -abschussrampen. Auch gezielte Schläge gegen Regimegrößen wären denkbar, dem israelischen Beispiel folgend. Trump könnte dem Regime danach ein Ultimatum stellen und Zugeständnisse fordern, also eine diplomatische Lösung zu seinen Bedingungen. Allerdings ist es fraglich, ob das angegriffene Regime dann darauf eingehen würde. Die zweite Option ist ein auf längere Zeit angelegter Luftkrieg, über Wochen und Monate hinweg, mit einer drei- oder vierstelligen Zahl an Luftangriffen auf die politische Führung, auf Militär und Infrastruktur. Währenddessen würde Iran so viele Raketen auf Israel und das US-Militär im Nahen Osten feuern wie möglich. Damit für Donald Trump der politische Preis für den Krieg steigt.
Wie bereitet sich das Regime in Teheran vor?
Der Oberste Führer rechnet damit, dass die USA bei ihren ersten Luftschlägen auf die Führung selbst zielen, also auch auf ihn persönlich. Angeblich hat der 86 Jahre alte Ali Chamenei drei mögliche Nachfolger für sich bestimmt. Außerdem soll er laut New York Times für jeden in der Führung der Armee und der Revolutionsgarde jeweils vier Nachfolger berufen haben. Damit die Befehlskette nicht abreißt, falls die Amtsinhaber getötet werden sollten. Kriegsschäden nimmt Chamenei in Kauf, was er unbedingt retten will, auch über seinen Tod hinaus, ist seine Islamische Republik. Für den Fall des US-Angriffs hat Iran ballistische Raketen in Stellung gebracht, nahe der irakischen Grenze, damit sie für Vergeltungsschläge bereitstehen. Den Krieg zu begrenzen, dürfte diesmal schwieriger sein als im vergangenen Juni.
Was kann einen Krieg überhaupt noch verhindern?
Trump muss nach dem Treffen an diesem Donnerstag entscheiden. Sollte er sich mit einem Deal allein in der Atomfrage zufriedengeben, ist eine Einigung nicht ausgeschlossen. Bei einem solchen Abkommen kommt es auf technische Details an, das lässt beiden Seiten auch Raum für eine gesichtswahrende Erklärung. Zum Beispiel ist es denkbar, dass Iran auf absehbare Zeit kein Uran mehr anreichert und dies vertraglich versichert. Das Anreichern ist ohnehin seit dem Junikrieg unterbrochen. Donald Trump müsste bloß denen in seinem Umfeld widerstehen, die ihn zum Angriff drängen: neben dem israelischen Premier auch republikanische Senatoren oder Falken wie Außenminister Marco Rubio.
Wer könnte ihn vom Angriff abhalten?
Wirksam ist der Einfluss zweier Gruppen: der Generäle der US-Armee und der Stimmen in Trumps „Maga“-Bewegung. Generalstabschef Dan Caine soll den Präsidenten laut Washington Post gewarnt haben, dass die Armee nicht in der Lage sei, die Truppen in der Region gegen die iranischen Raketen zu verteidigen. Die Bestände der US-Luftabwehr seien zu knapp für einen langen Krieg. Trump nannte die Berichte „fake news“. Nicht so leicht abzutun ist für ihn, dass es unter seinen Anhängern wenig Lust auf einen neuen Nahostkrieg gibt. Der rechte Talkmaster Tucker Carlson interviewte gerade Mike Huckabee, den US-Botschafter in Israel. Der sprach von „Problemen an der libanesischen Grenze“, die Iran auslöse. „Welche Probleme?“, fragte Carlson. „Ich bin Amerikaner, ich habe keine Probleme an der Grenze zu Libanon. Ich lebe in Maine.“

