USA:Clinton-Wähler hoffen auf Nachzählung

Hillary Clinton

Zwar erhielt Hillary Clinton landesweit etwa zwei Millionen mehr Stimmen als Donald Trump - doch die entscheidenden Bundesstaaten konnte sie nicht gewinnen.

(Foto: dpa)
  • IT-Professor J. Alex Halderman mahnt Unregelmäßigkeiten bei zur US-Wahl eingesetzten Computern an.
  • Die unterlegene Hillary Clinton hat sich dazu bisher nicht geäußert.
  • Ihre Wähler hoffen dennoch darauf, dass die Stimmen neu ausgezählt werden.

Von Hubert Wetzel, Washington

Das Wahlsystem der USA ist kompliziert, und in manchen Jahren liefert es Ergebnisse, die für den Verlierer äußerst frustrierend sein können. 2016 ist so ein Jahr: Hillary Clinton hat am 8. November landesweit mehr als zwei Millionen Stimmen mehr bekommen als Donald Trump, das entspricht etwa 1,5 Prozent der abgegebenen Stimmen. Doch die Demokratin hat den Kampf um das Präsidentenamt verloren, weil der Republikaner in drei Bundesstaaten knapp gewann: in Pennsylvania mit 70 010 Stimmen Vorsprung (1,2 Prozent), in Wisconsin mit 22 525 Stimmen (0,8 Prozent) und in Michigan mit 10 704 Stimmen (0,2 Prozent).

Das reichte Trump. Der US-Präsident wird nicht direkt vom Volk gewählt, sondern vom sogenannten Wahlmännerkolleg bestimmt, in dem die Bundesstaaten Stimmanteile gemäß ihrer Bevölkerungsgröße haben. Der Kandidat, der den Staat gewinnt, egal wie knapp, erhält sämtliche Stimmen dieses Staats im Electoral College. Wer mindestens 270 Elektorenstimmen beisammen hat, ist Präsident. Dieses Verfahren kann das Wahlergebnis verzerren. Insofern ist die Enttäuschung vieler Clinton-Anhänger wohl verständlich: Ihre Kandidatin erhält insgesamt zwei Millionen Stimmen mehr von den Amerikanern, unterliegt aber, weil ihr in drei Staaten 100 000 Stimmen fehlen.

Es gibt keine Belege dafür, dass Trumps Siege in manchen Staaten mit Manipulation zu tun haben

Einige Demokraten, die doch noch auf eine Wende hoffen, klammern sich nun an ein Twitter-Schlagwort: #AuditTheVote. Damit soll Unterstützung für eine zweite Auszählung der Stimmzettel in Pennsylvania, Wisconsin und Michigan gesammelt werden. Die Aktivisten - unter ihnen die grüne Präsidentschaftskandidatin Jill Stein - berufen sich vor allem auf einen Artikel des IT-Professors J. Alex Halderman, ein Experte für Computersicherheit. Der, so hieß es jüngst ebenso aufgeregt wie vage in diversen Publikationen, habe Clintons Wahlkampfteam darüber informiert, dass er "Unregelmäßigkeiten" entdeckt habe. Wurde die Wahl also gar an entscheidenden Stellen manipuliert, wurden Wahlcomputer gehackt, um Trump zum Sieger zu machen? Würde das nicht zu den Warnungen der US-Geheimdienste passen, Russland mische sich in die Wahl ein? Halderman habe eine Nachzählung verlangt, um all das zu klären, hieß es.

So spektakulär das klingen mag - bisher gibt es keinerlei Belege dafür, dass die knappen Siege von Trump in den drei Staaten etwas mit Manipulation zu tun haben könnten. Clintons Wahlkampfteam sieht das offenbar ähnlich; die Demokratin hat sich nicht zu der Sache geäußert und bisher keine Neuauszählungen oder Überprüfung der Stimmzettel beantragt. Die Fristen dafür sind bereits abgelaufen oder laufen am Montag ab.

Auch Halderman ist zurückgerudert. Er habe keine Beweise für Manipulationen, stellte er klar. Aber da es technisch theoretisch möglich sei, die Wahlmaschinen zu manipulieren, und da der Stimmenabstand so gering sei, sei eine händische Überprüfung der Wahlzettel die einzige Möglichkeit, um Betrug auszuschließen. Das klang dann doch etwas weniger alarmistisch als seine ersten Spekulationen über einen möglichen Cyberangriff. "War es ein Hack? Wahrscheinlich nicht", sagt Halderman nun selbst. Meinungsforscher und Umfragenexperten halten die Theorie eines Angriffs ebenfalls für falsch.

Das freilich ficht viele enttäuschte Clinton-Aktivisten nicht an. Sie fordern weiterhin eine Neuauszählung. Eine solche Überprüfung wäre machbar. In den meisten Wahlkreisen dieser Staaten haben die Wähler ihre Kreuze auf Papierwahlzetteln gemacht, die dann von einem Scanner gelesen und ausgewertet wurden. Die Originale sind aber noch vorhanden. In einigen Wahlkreisen in Pennsylvania dagegen haben die Menschen direkt an Computern gewählt, es gibt keine Papierdokumente. Die Rekonstruktion wäre dort schwieriger.

Doch selbst wenn bei einer Überprüfung einige fehlerhaft eingelesene Wahlzettel entdeckt würden - Clinton bräuchte einen sehr exakt auf drei Bundesstaaten verteilten Umschwung von mehr als 50 000 Stimmen, um doch noch zu gewinnen. Das ist kaum wahrscheinlich. Und die Verliererin scheint es zu wissen.

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